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Umstrittener Tutzinger Cellist Ludwig Hoelscher:Nachlass geht an die Staatsbibliothek

Tutzing Cellist Ludwig Hoelscher

Zufälliges Treffen am Flughafen Frankfurt vor einer Tournee nach Japan: (v.li.) Marion Hoelscher, Musiker Ludwig Hoelscher und der Dirigent Wilhelm Furtwängler. Repro

(Foto: Arlet Ulfers)

Der ehemals weltbekannte Musiker stand dem NS-Regime nahe und profitierte von seiner NSDAP-Mitgliedschaft.

Andreas Hoelscher ist nicht glücklich, wie in Tutzing mit dem Nachlass seines Vaters umgegangen wird. Sein Vater war der international bekannte Cellist Ludwig Hoelscher. Der Musiker spielte mit den Berliner Philharmonikern, mit Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Wolfgang Sawallisch und Herbert von Karajan. Mit der Tutzinger Pianistin Elly Ney und dem Geiger Wilhelm Stross gastierte er im Elly-Ney-Trio an allen bedeutenden Konzertplätzen Deutschlands, absolvierte bis ins hohe Alter weltweite Tourneen. Ludwig Hoelscher starb am 8. Mai 1996 mit 88 Jahren in Tutzing. Den Nachlass des Tutzinger Ehrenbürgers - darunter persönliche Briefe, Fotos, Auszeichnungen, Konzertprogramme, Dokumentationen großer Tourneen unter anderem durch Amerika und Asien, Tonträger sowie Kritiken - überließ die Familie kurz nach seinem Tod in einem Leihvertrag der Gemeinde Tutzing.

Andreas Hoelscher, Sohn und Nachlassverwalter von Weltrang-Cellist Ludwig Hoelscher aus Tutzing, will zwölf Regalmeter der Bayerischen Staatsbibliothek überlassen.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Der ca. 12 ldf. Regalmeter umfassende Bestand enthält neben den Partituren aller gespielter Werke - hier handelt es sich zum Teil auch um Originale mit Widmungen der Komponisten - sehr viel Korrespondenz mit allen großen Künstlern des XX. Jahrhunderts", notierten im Dezember 1997 der damalige Bürgermeister Peter Lederer und Archivarin Irma Wiedemann im Vorwort zu einem umfangreichen "Repertorium". In diesem Verzeichnis wurden in einjähriger Ordnungsarbeit sämtliche Bestandteile des Nachlasses fein säuberlich aufgelistet. Im Gemeindearchiv sind Hoelschers Unterlagen Wissenschaftlern und Interessierten verschiedener Provenienz allerdings kaum zugänglich, aus personellen und räumlichen Gründen. Daher hat der Sohn des Künstlers veranlasst, dass die Bayerische Staatsbibliothek in München den Nachlass diesen Herbst "dauerhaft schenkweise" übernimmt. Tutzing stimmte der Auflösung des Leihvertrags zu.

"Die Staatsbibliothek kann die wichtigsten Dokumente digitalisieren und der Forschung zeitgemäß auch im Internet zur Verfügung stellen", sagt Andreas Hoelscher. Der pensionierte Richter, der in Hohenschäftlarn zu Hause ist, bekommt immer wieder Anfragen zu seinem im 20. Jahrhundert weltbekannten Musiker-Vater. Derzeit etwa forsche eine Doktorandin der Universität Münster zum Einfluss deutscher Musik auf skandinavische Länder zwischen 1925 und 1945.

Der Staatsbibliothek will Andreas Hoelscher auch eine erst kürzlich entdeckte Schachtel überlassen. Darin fand der 75-jährige unter anderem persönliche Glückwunschtelegramme von Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker, einen Brief vom verehrten Cellisten-Kollegen Mstislaw Rostropowitsch und ein umfangreiches Fotoalbum. Hoelscher praktizierte eine bestimmte Spieltechnik am Cello, unter anderem mit dem Daumen. Sie wurde durch ihn populär. Bis heute lassen sich seine Einspielungen verkaufen. Erst im Jahr 2018 kam eine Edition mit zehn CDs auf den Markt: die gesamten original analogen Telefunken-Aufnahmen, darunter fünf Solokonzerte Hoelschers. Die CDs sind optisch den früheren Schallplatten nachempfunden.

Als Cellist und auch als Pianist war Ludwig Hoelscher hoch angesehen. Seine Position im Nationalsozialismus aber gilt als fragwürdig. In Tutzing, wo sich der Musiker 1940 niedergelassen hatte, beschäftigte sich unter anderem der Gemeinderat intensiv mit seiner Vergangenheit. Auslöser der hitzigen Debatte war, dass 2008 der damalige Bürgermeister Stephan Wanner (parteifrei) kurz nach seinem Amtsantritt Bildnisse der Pianistin Elly Ney und ihres Cellisten Ludwig Hoelscher von der Rathaustenne abhängen ließ. Im selben Jahr ließ er Expertisen über die NS-Vergangenheit der beiden Künstler einholen. Dabei ging es vorrangig darum, ob der "Reichsklaviermutter" Ney posthum die 1952 verliehene Ehrenbürgerwürde der Seegemeinde aberkannt werden sollte. Was nicht geschah. Allerdings ist auf einer veränderten Inschrift vor Neys Büste an der Brahmspromenade von der Ehrung nichts mehr zu lesen. Nach einer knappen Würdigung Neys, unter anderem als Gründerin der Tutzinger Musiktage, distanzierte sich die Gemeinde vor zehn Jahren mit deutlichen Worten. "Elly Ney war jedoch auch bekennende Anhängerin des Nationalsozialismus, überzeugte Antisemitin und genoss die Förderung durch die Nationalsozialisten", heißt es auf der Tafel bis heute. Die kritische Auseinandersetzung mit Hoelschers Nazi-Vergangenheit hatte keine Konsequenzen, versandete irgendwie - vielleicht auch, weil er im öffentlichen Bewusstsein Tutzings weniger präsent ist als Ney. Keine Büste, kein Straßennamen gibt Anlass zum Anstoß an Hoelscher.

Der Weltrang-Cellist hatte das Elly Ney Trio mit begründet. Der Pianistin sollte später die Ehrenbürgerwürd eentzogen werden - auch bei Hoelscher wurde darüber diskutiert.

(Foto: Arlet Ulfers)

Seinem Sohn geht es heute darum, auch die dunklen Flecken einer strahlenden Musikerkarriere bestmöglich auszuleuchten. "Er war NS-affin und Parteimitglied, da gibt es keinen Zweifel", sagt Andreas Hoelscher im SZ-Gespräch. Der Cellist trat 1937 in die NSDAP ein, er wurde noch im selben Jahr mit 29 Jahren Professor an der Musikhochschule Berlin. Im Begleittext zur neuen CD-Edition nennt der Musikrezensent Klaus Linsenmeyer weitere biografische Fakten: Hoelscher sei als "bedeutende Persönlichkeit des Musiklebens" 1938 zu den Beethoventagen der Hitlerjugend in Wildbad eingeladen worden, zu den ersten Reichsmusiktagen in Düsseldorf und zum Auftritt am "Lichtfest" vor der Belegschaft von vier Industriegebieten. Hoelscher blieb vom Kriegsdienst befreit. Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels setzte den Cellisten auf die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der "Künstler im Kriegseinsatz". Wer darauf stand, galt als dienstverpflichtet und wurden zu Truppenbetreuung herangezogen. Hoelscher spielte unter anderem im Dezember 1944 ein Konzert in Krakau. Dort lauschte ihm neben deutschen Soldaten auch der berüchtigte Generalgouverneur Hans Frank, wie Linsenmeyer ausführt. Frank wurde von seinen Opfern "Schlächter von Polen" genannt. Er gehörte zu den 24 Hauptangeklagten bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und wurde zum Tod verurteilt.

Als bewiesen gilt Hoelschers Mitgliedschaft auch in weiteren NS-Organisationen wie dem Reichskolonialbund und dem Altherrenbund der Deutschen Studenten. Dennoch ging es mit seiner Karriere nach dem Krieg steil aufwärts. Von 1954 bis 1972 lehrte er an der Musikhochschule Stuttgart. Er wurde Jury-Mitglied internationaler Musikwettbewerbe, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Ehrenmitglied vieler Musikgesellschaften. In Tutzing verehrt man ihn, weil er 1958 mit Elly Ney die Tutzinger Musiktage - die späteren Brahmstage - gründete. Sie locken bis heute internationale Künstler in die Seegemeinde.

Gefragt nach seinem Verhältnis zum berühmten Vater sagt Andreas Hoelscher, um Sachlichkeit bemüht: "Wissen Sie, mein Vater hat im Jahr 250 Konzerte gegeben. Als Vater konnte ich ihn kaum wahrnehmen. Er war eigentlich nur im August zwei Wochen daheim und an Weihnachten."