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Starnberg:Heimliche Signale im Schulhaus

Eigentlich sind Handys im Unterreicht verboten. Doch in der Praxis tun sich Direktoren und Lehrer schwer, digitale Medien auszusperren. Denn manchmal sind sie mit überraschend raffinierten Tricks konfrontiert

Michael Berzl und Alessa Kästner

Handy im Unterricht

Handy im Unterricht Starnberg Handy im Unterricht

(Foto: STA Franz X. Fuchs)

Über den Einfallsreichtum der digital Natives - der Kinder, die mit dem Internet schon aufwachsen - können selbst Computerexperten manchmal nur noch staunen. So ist es Gautinger Gymnasiasten gelungen, im Schulhaus heimlich ein kleines drahtloses Netzwerk aufzubauen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Sie haben einen sogenannten Router ins hausinterne Netzwerk eingestöpselt, sich per Passwort eingeloggt und konnten dann mit ihren Handys in dem ansonsten von Funkstrahlung abgeschirmten Gebäude in kleiner Runde miteinander kommunizieren. Die EDV-Abteilung im Rathaus und der Physik-Lehrer Hans Witt haben die Cyber-Piraterie vor allem dadurch bemerkt, dass die Datenleitungen auf einmal sehr langsam wurden und an einem Punkt auffällig rege Aktivität herrschte. "Dann machst du dich auf die Suche und findest in irgend einem Klassenzimmer ein kleines herrenloses Kasterl mit zwei Antennen, das wie irre blinkt", erzählte Ralf Kimmelmann den Gemeinderäten im Hauptausschuss. In den vergangenen beiden Jahren habe er schon ein Dutzend dieser Kästchen eingesammelt.

Das ist sicher ein exotisches Beispiel für den kreativen wenngleich verbotenen Umgang von Schülern mit digitalen Medien. Eigentlich wäre gerade im Gautinger Gymnasium am Ortsrand das gesetzliche vorgeschriebene Handyverbot an Schulen besonders leicht umzusetzen, denn hinter den dicken Betonmauern des Baus aus den siebziger Jahren herrscht weitgehend Funkstille. Mobilfunksignale dringen dort kaum durch, ein Smartphone einzuschalten, ist also in der Regel zwecklos. So gewährleisten in dem Fall die Gesetze der Physik, dass die Gesetze des Freistaats eingehalten werden. Umso interessanter waren daher die illegalen Privatnetzwerke. Eine ehemalige Schülerin des Gymnasiums erinnert sich sogar daran, das einmal das Passwort des W-Lan-Netzes im Lehrerzimmer erbeutet und eifrig verbreitet wurde. Auch so verschafften sich die Schüler Zugang zum Internet, bis das Passwort geändert wurde.

So eine Dreistigkeit ist aber sicher die seltene Ausnahme. Dass Handys unerlaubt benutzt und auch einmal konfisziert werden, ist dagegen Alltag. Pro Woche werden zum Beispiel am Starnberger Gymnasium rund fünf Telefone einkassiert, schätzt Oberstudiendirektor Josef Parsch. Das wäre im Durchschnitt an jedem Tag eines. Das deckt sich mit den Erfahrungen in der Herrschinger Realschule. Auch dort landet etwa jeden Tag ein Handy im Sekretariat, berichtet die Schulleiterin Rita Menzel-Stuck. Die Eltern werden informiert, dann kann das Gerät wieder abgeholt werden. In der Gautinger Realschule nutzen die Schüler ihre Handys, laut Schulleiter Manfred Jahreis, nicht sehr häufig - vor allem weil es im Neubau einfach keinen Empfang gibt. "Falls doch mal ein Schüler während der Unterrichtszeit mit dem Smartphone erwischt wird, wird das Gerät bis Unterrichtsende konfisziert." Falls so ein Regelverstoß ein zweites Mal vorkommt, müssen dann, wie auch am Starnberger Gymnasium, die Eltern das Handy abholen.

Die Gesetzeslage ist eindeutig. Im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz heißt es, dass im Schulgebäude und auf dem Schulgelände Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten sind und bei Zuwiderhandlung auch einbehalten werden können.

Manchmal werden die Telefone auch schon prophylaktisch eingesammelt. Vor Abiturprüfungen müssen Gymnasiasten ihre Handys abgeben, berichten Parsch und seine Gautinger Kollegin Sylke Wischnevsky. Schließlich würde sich ein Smartphone auch als digitaler Spickzettel eignen, auf dem nicht nur ein paar Formeln wie früher notiert sind, sondern gleich die ganze Formelsammlung aufrufbar wäre.

Die eingesammelten Handys haben die Schüler alle wieder bekommen. Nach den heimlich installierten Routern hat nie jemand gefragt.

© SZ vom 22.02.2013

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