bedeckt München 30°

Prozess um Doppelmord von Krailling:"Man will einfach nur schreien"

Knapp zehn Monate nach der Tat beginnt der Prozess um den brutalen Doppelmord an zwei Mädchen im Münchner Vorort Krailling. Der Angeklagte Thomas S., Onkel der Toten, gibt sich vor Gericht selbstbewusst, lässt sich bereitwillig von den Fotografen ablichten - und schweigt. Der Staatsanwalt schildert unterdessen grausame Details, Zeugen sind noch immer fassungslos.

Anna Fischhaber

Die Stimme des jungen Beamten ist brüchig. "Manchmal ist es schwierig, die richtigen Worte zu finden, manchmal will man einfach nur schreien", sagt er zu Beginn seiner Befragung vor dem Landgericht München II. Eine Kollegin und er waren die ersten Beamten, die am Tatort eintrafen. Die Bilder wird der Polizist wohl nie vergessen: Das Bild der Mutter zum Beispiel, deren Hände blutverschmiert sind und die schreit: "Tun Sie doch etwas!"

Am Dienstag hat der Prozess gegen den Mann begonnen, der seine zwei kleinen Nichten brutal ermordet haben soll. Um kurz vor 10 Uhr betritt Thomas S. den Gerichtssaal. Mit einer halben Stunde Verspätung beginnt der Indizienprozess. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 51-Jährigen vor, Ende März 2011 die zwei Mädchen in Krailling getötet zu haben. Heimtückisch und aus Habgier.

Der Angeklagte hatte die Tat bei der ersten Vernehmung abgestritten und sich dann nicht mehr zum Geschehen geäußert. Doch einiges spricht gegen ihn - so wurde am Tatort sein Blut gefunden. Zum Prozessauftakt gibt sich Thomas S. selbstbewusst. Er lässt sich bereitwillig von den Fotografen ablichten, einmal lächelt er sogar.

Der 51-Jährige trägt eine helle Jeans, Turnschuhe und einen grauen Pulli, seine halblangen Locken sind weg, genau wie der Bart, er hat deutlich an Gewicht verloren. Auf den Fotos nach seiner Festnahme sah er ganz anders aus. Der Mann ist kaum wiederzuerkennen.

Dann liest der Staatsanwalt die Anklageschrift vor: Das Motiv für den Doppelmord soll die drohende Zwangsversteigerung des Hauses von Thomas S. in Peißenberg gewesen sein. Demnach hatte der Postzusteller einen teuflischen Plan gefasst: Der damals 50-Jährige habe seine Schwägerin Anette S. und ihre Töchter umbringen wollen, damit seine Frau ihr Geld erben würde - und habe das Ganze als "erweiterten Suizid zu tarnen" versucht.

Der Plan scheitert. Die Mutter ist in der Nacht auf den 24. März 2011 nicht zu Hause. Anette S. tritt in dem Prozess nun als Nebenklägerin auf, doch an diesem ersten Tag erscheint sie nicht vor Gericht. Nur ihre Anwältin Annette von Stetten, die bereits im Prozess um den Mord an Dominik Brunner dessen Eltern vertreten hatte, nimmt vorne Platz.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite