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Katholische Kirche:Die letzten Nonnen von Dießen

Die Dominikanerinnen haben Generationen von Frauen das Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben vermittelt. Nun haben die Ordensschwestern ihr Kloster St. Josef veräußert und die Marktgemeinde verlassen.

Es ging ihnen um Gleichberechtigung und um ein freies, selbstbestimmtes Leben, kurz um Emanzipation. Dieses Rüstzeug haben die Dominikanerinnen vielen Dießenerinnen mit auf den Weg gegeben. Doch nun ist damit Schluss: Nach 166 Jahren pädagogischen Wirkens in der Marktgemeinde haben die Nonnen ihr Dießener Kloster St. Josef aufgelöst und veräußert, in dem sie sich vor allem der Frauen- und Jugendbildung am Ammersee gewidmet haben - auch schon zu Zeiten, in dernen die Lehre von der Emanzipation in christlichen Kreisen noch kritisch beäugt wurde. Generationen von Dießenerinnen standen unter pädagogischen Obhut der Dominikanerinnen, die unter anderem von 1950 bis 2003 die Mädchenrealschule leiteten.

Zuletzt waren sie in einem Neubau aus dem Jahr 1993 an der Rotter Straße untergebracht. Mit ihnen haben die letzten Ordensschwestern das Umfeld des vormaligen Augustiner-Chorherrenstifts verlassen. Bereits vor sechs Jahren zogen die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul, die bis dahin im Dießener Klostertrakt lebten, ins Mutterhaus nach Augsburg. Das historische Gebäude wurde umgebaut und dient inzwischen als psychosomatische Klinik. Im Laufe des vergangenen Jahres siedelten auch die noch verbliebenen Dominikanerinnen vom Ammersee nach Unterfranken um: Neun waren bereits pflegebedürftig, die übrigen fünf leben seitdem im deutschen Provinzhaus des Ordens in Neustadt am Main.

Die letzten drei Nonnen Irmengard, Christiane und Dagmar sind nun verabschiedet worden.

(Foto: Arlet Ulfers)

Am Sonntag nahm jetzt die Pfarrgemeinschaft Dießen mit einem Dankgottesdienst und einem Stehempfang offiziell von den Ordensschwestern Abschied: Zur Messe konnte Pfarrer Josef Kirchensteiner in der Winterkirche St. Stephan Schwester Dagmar Fasel, die als letzte das Kloster verließ, und Provinzpriorin Christiane Sartorius als Gäste begrüßen.

1854 hatte die königlich-bayerische Regierung das Kloster Landsberg gebeten, eine Mädchenschule in Dießen aufzubauen. Ein erster Schwesternkonvent wurde im sogenannten Prälatenhaus eingerichtet, dort konnte nach Umbauten 1867 der Volksschulunterricht aufgenommen werden. 1895 wurde das vormalige Filialkloster selbständig und eröffnete den ersten Kindergarten im Ort. In der Folgezeit entstanden auch eine gewerbliche Fortbildungsschule mit Näherei, Stickerei und Werkstatt für liturgische Textilien sowie ein Mädcheninternat, das bis 1992 existierte.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Dominikanerinnen die erste Dießener Volksschule im Prälatentrakt des Klosters. 1950 nahmen die Ordensschwestern den Betrieb der bis heute bestehenden, staatlich anerkannten Mädchenrealschule auf. Ihr Anteil an den Lehrkräften aber nahm allmählich ab, 2003 ging die inzwischen in Liebfrauenschule getaufte Bildungseinrichtung an die Diözese Augsburg über. Schwester Gabriele Wolf leitete sie aber noch weiter, bis sie 2008 mit einer weiteren Dominikanerin in den Ruhestand eintrat. Die 30 Jahre zuvor hatten auch einige junge Schwestern, die für den Missionsdienst ausgebildet waren, in der Schule unterrichtet, manche von ihnen waren zuvor in Südafrika tätig gewesen.

166 Jahren haben die Nonnen pädagogisch gewirkt.

(Foto: Privat)

Schwester Dagmar Fasel war früher als Generalpriorin für die Missionsarbeit verantwortlich, in Dießen hat sie nur 2018 und 2019 gelebt. Dort engagierte sie sich im Pfarrgemeinderat und half mit, im Kloster St. Josef Gäste zu bewirten und spirituell zu begleiten, noch bis Jahresende wurden Zimmer für Ruhesuchende angeboten. Zuletzt war Schwester Dagmar damit befasst, "den Abschied zu gestalten" und den Umzug zu organisieren.

Auch außerhalb des Schulunterrichts wirkten die Dominikanerinnen am kirchlichen, sozialen und kulturellen Leben in Dießen mit und beteiligten sich an der seelsorgerischen Arbeit in der Kirchengemeinde. Schwester Reinhilde, die leider vor zwei Wochen gestorben sei, habe noch bis 2015 Hausbesuche bei pflegebedürftigen und kranken Dießenern gemacht, berichtet Kirchensteiner.

Wie viele Orden haben die Dominikanerinnen der Hl. Katharina von Siena von Oakford, Natal (Südafrika), der sich die Dießener Klosterfrauen im Zuge einer Neuorientierung nach dem 2. Vatikanischen Konzil 1967 anschlossen, mit fehlendem Nachwuchs zu kämpfen. 1965 gab es noch 100 000 Ordensschwestern in Deutschland, heute sind es 18 000. Den Dominikanerinnen von Siena gehören bundesweit nur noch 36 Frauen an, die nun nahezu alle in Neustadt und Umgebung leben. Aus Altersgründen können sie keine Schwestern mehr in die Mission schicken: "Wir sind eine Seniorenkommunität geworden", sagt Schwester Christiane Sartorius, die der deutschen Provinz vorsteht, der Altersdurchschnitt läge bei 81 Jahren.

Die Dominikanerinnen haben viele Frauen unterrichtet.

(Foto: Privat)

Ende vergangenen Jahres hat der Orden das Kloster St. Josef verkauft. Inzwischen haben dort drei Frauen Quartier bezogen, die dem neuen Eigentümer angehören, dem katholischen Säkularinstitut "Cruzadas de Santa Maria". Diese 1971 in Spanien gegründete Frauengemeinschaft untersteht direkt dem Papst, sie hat in Deutschland 16 Mitglieder und leitet zwei Wohnheime für Studentinnen in München und Bonn. Maria Lang, Veronika Stephan und Karin Bruckmeier tragen keine Schwesterntracht und gehen weltlichen Berufen nach, vor allem im Bereich Erziehung und Bildung. Sie bieten Exerzitien, Einkehrtage, Gottesdienste und Jugendfreizeiten an.

Das neue Säkularinstitut hat in Dießen bereits Schweigeexerzitien für junge Frauen veranstaltet und wird sein geistliches Zentrum St. Josef am Sonntag, 22. März, feierlich einweihen. Zur Einführung und dem Festgottesdienst um 10 Uhr im Marienmünster mit Pfarrer Kirchensteiner wird auch der päpstlicher Nuntius in Deutschland, Nikola Eterović, erwartet. Vom 27. bis 29. März bietet die Gemeinschaft einen Ehevorbereitungskurs in Dießen an.

© SZ vom 09.03.2020

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