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Lange Nacht in Gilching:So begeisternd war das erste Festival nach den Corona-Sperren

Das Kunstforum bietet Ballett, Jazz und klassische Musik. Das Publikum wirft sich in Schale und sagt: "Endlich wieder Kultur."

Es war die erste abendfüllende Live-Kulturveranstaltung im Landkreis seit dem Lockdown im März - das Kunstforum Gilching hatte zur 4. Langen Nacht der Kunst und Kultur in die Aula des Christoph-Probst-Gymnasiums eingeladen. Zur Normalität ist der Verein mit dieser Premiere am Samstag aber noch nicht zurückgekehrt. "Wir mussten ein ausgeklügeltes Hygiene- und Sicherheitskonzept ausarbeiten", erklärte Vorstandsmitglied Ilse Bellwinkel. Nur 50 angemeldete Personen durften in die mit großen Abständen bestuhlte Aula. Zuvor hatten die Gäste ihre Kontaktdaten angegeben und sich die Hände desinfiziert. Während der Vorstellung lief die Lüftung, es gab zwei längere Pausen zum zusätzlichen Durchlüften, das Publikum trug Maske und die Künstler performten auf Abstand.

Diesen Aufwand hat das Publikum gerne auf sich genommen. "Endlich wieder Kultur" - immer wieder hörte man diesen Ausruf. Viele hatten sich für den Kulturabend in Schale geworfen. "Raus aus den Home-Office-Klamotten. Das habe ich schon sehr vermisst", gestand eine Gilchingerin. Um den Kulturgenuss einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, wurde die Veranstaltung für eine begrenzte Anzahl an Personen in den Kinosaal der Filmstation gestreamt.

An diesem Abend bekam das Publikum in verdichteter Form all das geboten, was in den vergangenen Wochen ausgefallen war - von Ballett über Klassik zu einer Krimilesung und jazzigen Balladen.

Den Beginn machte der junge Balletttänzer Gustav Butz, der seinen ausdrucksstarken Solopart "Zeichen der Zeit" übertitelt hatte. Es folgten die Balletteleven der Musikschule Gilching, die nach der Choreografie von Hannelore Husemann-Sieber Ausschnitte aus dem Ballett "Peterchens Mondfahrt" tanzten. Die Musiker - Alumni des Jugendensembles Neue Musik - saßen weit auseinander auf der Bühne. Im September wird das ganze Stück im Gasteig vorgeführt. Die Solistinnen hätten normalerweise viele Bravorufe für ihre graziösen Pirouetten, ihren Spitzentanz und ihre Sprünge bekommen, doch die Atemschutzmasken wirkten offensichtlich hemmend. Es folgten von Marina Skowronek einfühlsam intonierte Lieder von Gustav und Alma Mahler, Alexander von Zemlinsky und Arnold Schönberg. Begabte Nachwuchsmusiker wie der 2004 geborene Christian Wagner mit einer gelungenen "Mondscheinsonate" und das Streichquartett bestehend aus Cornelia Herbst, Sarah Siemers, Moritz Dunbar und Henning Betke mit einem Stück von Antonin Dvorak entlockten endlich zaghafte Bravorufe. Vollends in Begeisterung gerieten die Kulturfreunde durch das virtuose Spiel von Louis Vandory (Violine) und Viktor Jugovic (Klavier), die das Publikum nach modernen Stücken von Anton Webern mit Mozart und Brahms erfreuten.

Neben Klassik hatte auch die Moderne Raum bekommen. Mehr hätte man von Jakob Smolinski, Franziska und Victoria Deutsch hören mögen. Ein Duett aus dem Musical "La La Land" sowie zwei Songs aus dem Musical "Wicked" machten gute Laune. Nach einer amüsanten Krimilesung zum Mitraten mit den Schauspielern Elisabeth Rass, die auch durch das Programm geführt hatte, und Peter von Fontano, klang der Abend mit melodischen Balladen aus. Jazz-Sängerin Susanne Karl brachte mit Erich Lutz (Saxofon) und John Brunton (Gitarre) das Publikum zum Träumen. Sie begeisterten mit Standards wie "Fly me to the Moon", "Route 66" oder "Moonlight in Vermont".

Die Filmaufnahmen für das Streaming hat der Gilchinger Michael Campos Viola gemacht. Eigentlich ist er auf Hochzeitsfotografie spezialisiert, was in diesem Fall ein Vorteil war. Denn eine Generalprobe hatte es für die Lange Nacht nicht gegeben. "Wir hatten einen Vorlauf von zwei Tagen. Normalerweise bräuchte man ein halbes Jahr für eine solche Produktion", sagte Campos Viola. Mit sechs Leuten und vier Kameras wurden für die Zuschauer in der Filmstation abwechslungsreiche Szenen gefilmt. Für das Live-Publikum war es zwar ungewohnt, dass der Kameramann während der Vorträge kreuz und quer über die Bühne lief, um seine Kamera auf immer neue Motive zu lenken. Dafür bekam es ungewohnte Einblicke. In der Aula war nämlich ebenfalls eine Leinwand aufgespannt. Hier sah man - so wie das Kinopublikum - im Wechsel zwischen Totale und Großaufnahme die Finger der Pianisten in Großaufnahme, den Innenraum des Steinway-Flügels oder den wippenden Fuß eines Musikers. Die Spenden dieser Benefizveranstaltung kommen der Frühförderstelle der Lebenshilfe in Gilching zugute.

© SZ vom 22.06.2020

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