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Helfen:Junge Gautinger bringen Ehrenamtliche und Hilfsorganisationen per App zusammen

Aufräumen in der Natur oder Vorlesen für Kinder: 25 000 Menschen nutzen bereits "letsact" von Ludwig Petersen und Paul Bäumler.

Im Alter von zwölf Jahren hat Ludwig Petersen aus Gauting seine erste Website programmiert. Damals war er noch auf dem Otto-von-Taube-Gymnasium, die Schule ließ sich nebenher erledigen, die Noten waren eher mittelprächtig, aber es waren noch Kapazitäten frei, eigene Ideen zu verwirklichen. Für den Gymnasiasten, der zu der Zeit gerne fotografiert hat, war eine dieser Ideen, seine Bilder über das Internet zu verkaufen. An die 200 Euro mag er damit verdient haben, schätzt er und schmunzelt, als er den Betrag nennt. Paul Bäumler, ein ebenfalls recht umtriebiger und kreativer Schulfreund, der ebenfalls aus Gauting kommt, hat sich damals ein Lernprogramm ausgedacht, das er "Abi-Retter" nannte und das Schüler auf das Mathe-Abitur vorbereiten sollte. Etwa 70 Euro kostete das.

Die beiden sind jetzt 20 Jahre alt, haben beide Studien angefangen, aber bald abgebrochen und sind ihrem Credo treu geblieben, eigene Ideen zu verwirklichen, bewegen sich aber nun in ganz anderen Größenordnungen. Sie haben eine App entwickelt, die dazu dient, gemeinnützige Organisation und ehrenamtliche Helfer zusammenzubringen. Etwa 500 Non-profit-Organisationen und 25 000 Helfer nutzen diese Plattform schon. Tendenz steigend. Das Angebot gibt es bisher in den Städten München, Berlin, Stuttgart, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Bis Ende des Jahres soll es bundesweit laufen, kündigt Petersen an.

Für Menschen, die sich gerne engagieren, hat Ludwig Petersen die Ehrenamts-App entwickelt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Beim Deutschen Gründerpreis hat er in Bayern den ersten Platz belegt, beim europäischen Jugendparlament hat er mitgemacht. Mit seiner sympathischen Art dürfte Petersen schon den einen oder anderen Verbandschef überzeugt haben, der zunächst überrascht war über das jugendliche Alter des App-Erfinders. Er hat ein Studium an der renommierten Wirtschaftsuniversität in St. Gallen in der Schweiz angefangen, aber bald wieder abgebrochen.

Den Branchensprech mit Anglizismen wie "mismatch" oder "committen" hat er aber noch drauf. Angefangen hat alles im Speicher seines Elternhauses in der Gautinger Villenkolonie. Das erinnert an die legendären Garagen der Computer-Pioniere im Silicon Valley. In dem Dachgeschoss in Gauting war es im Winter zu kalt und im Sommer zu warm, aber dort herrschte offenbar das kreative Klima, um "letsact" zu entwickeln. Der Anfang hat eine Menge Arbeit gemacht. "Das waren 80-Stunden-Wochen. Ohne Urlaub", erzählt Petersen. "Das war echt tough, aber wenn wir was machen, dann machen wir es richtig." Er und sein Kompagnon Bäumler mussten Vereinsvorsitzende überzeugen, Leute auf der Straße ansprechen, ob sie mitmachen wollen. Mittlerweile hat sich die Idee herumgesprochen, die Anfragen kommen von selbst. Und es lässt sich Geld damit verdienen. So bezahlen zum Beispiel große Organisationen dafür, dass sie Extra-Funktionen benutzen, die über die Kontaktvermittlung hinaus gehen. Zehn Mitarbeiter haben die Gründer inzwischen, einige davon in Vollzeit.

Die Grundidee ist frappierend einfach. Überall gibt es karitative und gemeinnützige Organisationen und Verbände, die auf die Mitarbeit von ehrenamtlichen Helfern angewiesen sind. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die gerne bereit wären, in ihrer Freizeit sinnvolle Aufgaben zu übernehmen, auch ohne Bezahlung. 44 Prozent der über 14-Jährigen engagierten sich bereits, erzählt Petersen unter Berufung auf eine Statistik. Und: Weitere 33 Prozent würden es gerne tun, wissen aber nicht, wo.

Mit "letsact" kann man beispielsweise Flüchtlingen Deutsch beibringen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Verbindung schafft "letsact". Und das denkbar unkompliziert. "Das ist super-einfach, das geht mit einem Klick. Genau das ist auch unser Anspruch", wirbt der Erfinder für sein Produkt. Über das Portal können verschiedenste Organisationen veröffentlichen, wofür sie Freiwillige suchen, sei es zum Gassigehen mit Hunden, zum Vorlesen in einem Kindergarten oder zu Abbauarbeiten nach einem Festival. Wer eine passende Aufgabe findet, die er gerne erledigen möchte, kann sich mit ein paar Klicks anmelden. Nutzer können auch nachsehen, wer sich schon wo engagiert hat, können Verbindung zueinander aufnehmen, miteinander chatten oder zu bestimmten Projekten einladen. Mehr als 3000 Vermittlungen sind nach Angaben der Gründer schon zustande gekommen.

Zu den Kunden zählen laut Petersen große Wohlfahrtsverbände wie die Johanniter Unfallhilfe, die Caritas oder das Rote Kreuz, aber auch kleine Vereine oder Initiativen. Die Tierhilfe Fünfseenland zum Beispiel ist dabei oder ein Rollstuhlfahrertreffpunkt in Franken, ein Verein, der gegen die Vermüllung der Isar kämpft, und die Umweltorganisation Green City. Auch die Münchnerin Julia Gräter, die Aufräumaktionen organisiert, sucht über "letsact" Helfer. Das nächste Clean-Up in München ist am 5. September. Ein paar Klicks, und man ist dabei.

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