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Wohnen:Gauting kann neues Quartier für mehrere Hundert Menschen bauen

Dieser Entwurf des Münchner Büros "H2R" bleibt weiter die Grundlage für die Bebauung einer Fläche zwischen Ammerseestraße und Pötschener Straße in Gauting. Dort sollen unter anderem mehrere Mehrfamilienhäuser und ein Supermarkt entstehen. Entwurf: H2R

Die Grünen lenken überraschend ein. Ihre Forderung, an der Ammerseestraße auf einen Supermarkt zu verzichten, ist vom Tisch. Nun könnte ein "Musterquartier" entstehen.

Von Michael Berzl

Nach einem überraschenden Einlenken der Gautinger Grünen kann die Gemeinde ihre Planungen für ein neues Wohngebiet mit Platz für mehrere hundert Menschen fortsetzen. Mit großer Mehrheit hat der Gemeinderat am Dienstag entsprechende Grundsatzentscheidungen getroffen und damit den Weg frei gemacht, dass das vorliegende Konzept Hüther weitestgehend wie vorgesehen umgesetzt werden kann. Ermöglicht wird dies auch durch eine Verständigung zwischen Grünen und CSU, die sich in mehreren Punkten auf Kompromisslösungen verständigt haben. Die zuvor von Kritikern erhobenen Forderungen nach einem Verzicht auf einen Supermarkt und nach Obergrenzen für die Wohnflächen sind nun vom Tisch. Dafür spielt jetzt ein "Mobilitätskonzept" eine große Rolle, das dazu dienen soll, den Autoverkehr einzudämmen.

Sehr zufrieden äußerte sich am Tag nach der Sitzung der Planer Hans-Peter Hebensperger-Hüther, der mit seinem Münchner Büro H2R einen Wettbewerb für die Gestaltung des etwa drei Hektar großen Areals zwischen Ammerseestraße und Pötschener Straße gewonnen hatte. Nach seinem Entwurf sollen dort bis zu fünfstöckige Mehrfamilienhäusern entstehen, ein Bereich mit Atriumhäusern ist vorgesehen, ein Supermarkt an der Ammerseestraße und eine große Grünfläche in der Mitte. Dieses Konzept schien in Gefahr zu geraten, als ein Fünf-Fraktionen-Bündnis, zu dem auch die Grünen gehörten, einen Gemeinschaftsantrag vorlegte, der im Kern zum Ziel hatte, die Baumassen zu reduzieren und einen Supermarkt zu verhindern. Nun sind die Grünen ausgeschert. "Das war überraschend. Ich hätte nicht mehr zu hoffen gewagt, dass das so eine Wendung nimmt", sagte Hebensperger-Hüther am Mittwoch. Jetzt sieht er gute Chancen für eine Art Musterquartier.

Die Überraschung besteht aus einem Änderungsantrag zu dem ursprünglich vorgelegten Gemeinschaftsantrag, dazu noch einige Ergänzungen. Demnach streben die Grünen eine "sozial-ökologische Mustersiedlung" an. Zentral erscheint ihnen dabei ein Mobilitätskonzept und ein besonders niedriger Stellplatzschlüssel. Das bedeutet: In dem neuen Wohngebiet gibt es deutlich weniger Parkplätze für Autos, als sonst üblich und vorgeschrieben ist, dafür Angebote wie Lastenfahrräder zum Ausleihen und Car-Sharing.

Gegen den geplanten Supermarkt haben die Grünen nun nichts mehr, nur solle ergänzend dazu die Ansiedlung von Geschäften des täglichen Bedarfs geprüft werden, wobei Schuster, Schneider oder Schlüsseldienst als Beispiele genannt werden. Zum schwarz-grünen Kompromiss-Paket gehört auch, dass auf Flächen der Gemeinde ein Genossenschaftsmodell verwirklicht und der Grund nicht verkauft, sondern im Erbbaurecht vergeben wird. Weitere Grundeigentümer sind der Verband Wohnen, das Katholische Siedlungswerk und eine Erbengemeinschaft der Familie Diehl aus Nürnberg. Siedlungswerk-Geschäftsführer Stefan Geisssler erklärte, er unterstütze den Ansatz eines Mobilitätskonzepts.

Die Debatte über den Patchway-Anger, wie die Gemeinde das Baugebiet im Südwesten des Ortes nenne, hatte zwei Wochen zuvor im Gemeinderat begonnen, musste aber ergebnislos abgebrochen werden, weil das per Geschäftsordnung festgelegte Zeitlimit erreicht war. Seither haben die Grünen einen Beratungsmarathon hinter sich. Das Umdenken war offenbar ein mühsamer und schwieriger Prozess, wie danach die Gemeinderätin Susanne Köhler berichtete, die sich als Architektin am besten mit der Materie auskennt und am Dienstagabend in einem vorgelesenen Statement die Kehrtwende begründete. Fast jeden Abend hätten sich Mitglieder von Fraktion und Ortsverband in wechselnden Konstellationen getroffen. Zuletzt habe es auch eine Unterredung mit den Kollegen von der CSU gegeben.

Enttäuscht bis ausgebootet fühlen sich bisherige Bündnispartner der Grünen, die sich zwei Wochen zuvor noch in einer Mehrheitsposition sahen und sich nun in der deutlichen Minderheit wiederfanden. So warnte Vize-Bürgermeister Jürgen Sklarek (Miteinander-Füreinander) erneut, das Projekt werde das ganze Quartier massiv verändern.

© SZ vom 22.10.2020
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