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Durch die Corona-Krise:Kreatives fürs zweitälteste Gewerbe der Welt

Allen Widrigkeiten zum Trotz hält Angelo Franke sein Unternehmen "Expo24seven" mit ungewöhnlichen Aufträgen über Wasser. Darum ist er für den Wirtschaftspreis nominiert.

Von Jessica Schober

Eine Werbetafel auf zwei Beinen, eine wandelnde Litfaßsäule also - das ist die Idee, die Angelo Frankes Unternehmen retten soll. Sozusagen ein Rucksack mit einer digitalen Werbefläche hinten drauf, den Mini-Jobber mit ausreichend Abstand zu Passanten durch Fußgängerzonen tragen sollen anstatt Flyer zu verteilen. Nette Idee. Aber was hat das alles mit Messebau zu tun? Das könnte man sich fragen. Das fragte sich der gelernte Schreiner Franke auch. Aber eine Messebaufirma, wie es "Expo24seven" aus Inning am Ammersee ist - einer der insgesamt elf Nominierten für den Wirtschaftspreis des Landkreises Starnberg - muss sich 2020 eben von Grund auf neu erfinden.

Franke ist ein Anpacker, das merkt man schon an der Art, wie er spricht. "Mir blutet das Herz", sagt er, wenn er die darniederliegende Messebaubranche beschreiben soll. Für Franke und seine derzeit elf Mitarbeiter sind harte Zeiten angebrochen, durch die Corona-Pandemie steht ihre berufliche Existenz auf dem Spiel. "Was wir in vier Jahren aufgebaut haben, hat sich über Nacht in Luft aufgelöst", sagt der 46-jährige Geschäftsführer. Anfang des Jahres waren seine Auftragsbücher noch voll, "doch innerhalb von vier Tagen Ende Februar waren alle Aufträge weg". Seine Mitarbeiter luden Lastwagen auf, die gerade noch zu einer Messe fahren sollten. Am nächsten Tag luden sie die gleichen Lastwagen wieder ab. Es war zum Verzweifeln. Jetzt sagt er: "Ich habe keine andere Wahl, als mich auf neue Themen einzulassen."

Inning:Wirtschaftspreisnominierte FA World 24 seven , GF Angelo Franke

In Windeseile setzte Angelo Franke eine neue Webseite mit Onlineshop auf und fand unter anderem einen litauischen Lieferanten, um im großen Stil Alltagsmasken zu vertreiben.

(Foto: Nila Thiel)

Und deshalb konzipiert Franke nun technische Lösung für die Probleme seiner Kunden in Zeiten von Corona, wie zum Bespiel den Werberucksack. Ganz schnell umgeschwenkt hat Franke auch beim Verkauf von Schutzmasken: In Windeseile setzte er eine neue Webseite mit Onlineshop auf und fand unter anderem einen litauischen Lieferanten, um im großen Stil Alltagsmasken zu vertreiben. Mehr als 6000 Kunden konnte er somit beliefern, darunter auch die Deutsche Rentenversicherung. Seine festangestellten Messebauer setzte er kurzer Hand hinter Nähmaschinen in seiner Lagerhalle zum Maskennähen - das hielt sie immerhin ein paar Wochen aus der Kurzarbeit raus.

2016 hat Franke Expo24seven in Inning gegründet, zuvor sammelte er im internationalen Messebau bereits zehn Jahre Erfahrung und fand nebenbei mit einer Kollegin aus Russland seine heutige Frau und Projektleiterin. Sie hatte gerade einen Deal an Land gezogen für den teuersten Messestand der Firmengeschichte, Budget 300 000 Euro. Doch das ist jetzt alles abgesagt. Franke hat Soforthilfen und Überbrückungsgeld bekommen. "Wir werden in diesem Jahr definitiv keinen Gewinn einfahren", sagt er, "mein Traum wäre eine schwarze Null." Noch 2019 verzeichnete Expo24seven rund 1,6 Millionen Euro Umsatz und knapp 100 000 Jahresgewinn.

Inning:Wirtschaftspreisnominierte FA World 24 seven , GF Angelo Franke

Unternehmerische Kreativität ist derzeit gefragt bei Angelo Franke, der in seiner Firma sogar eine Abteilung für "durchgeknallten Scheiß" betreibt.

(Foto: Nila Thiel)

Normalerweise sind Sonderwünsche Frankes Spezialgebiet. Keine Anfrage ist ihm zu skurril. Für einen Kunden aus der Tabakindustrie hat er auch schon mal eine akkubetriebene Staubsauger-Attrappe gebaut, mit der man Zigarettenpackungen aufsaugen konnte. Offiziell heißt dieser Firmenbereich "Custom Made Eventware". Intern nennen es Franke und seine Mitarbeiter liebevoll "durchgeknallten Scheiß", den sich mal wieder irgendeine Kreativabteilung ausgedacht hat: Fliegende Turnschuhe, Desinfektionsmittelspender mit Fernsehbildschirm - nichts ist unmöglich. Dabei sind die Materialien, mit denen der einstige Küchenbauer heute zu tun hat, längst nicht mehr Spanplatten, Holz und Plastik. Zuweilen ordert er auch Baumwollstoffe, programmiert Wordpress-Webseiten oder überlegt sich, wie man Werbedisplays an Menschen befestigen kann.

Diese "unternehmerische Kreativität", hat auch die Jury des Wirtschaftspreises besonders beeindruckt, teilt Annette von Nordeck von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis mit. Sie lobt, wie Expo24seven es schaffte, "bedingt durch den Wegfall aller Messebauaufträge und damit keinem Umsatz mehr, kreativ Nischenprodukte, die im weitesten Sinne zu Messe- und Marketingaktivitäten gehören, zu entwickeln."

Eine Messe, das war bislang stets ein Ort der Begegnung. Das wird sich ändern, glaubt Franke. Die Messestände der Zukunft werden jedenfalls andere sein: Konferenzräume müssen größer werden, die Stände dürfen weniger offen gestaltet sein, die Laufwege der Kunden müssen genau geplant werden. Franke weiß aber auch: "Messe ist das zweitälteste Gewerbe der Welt - das ist der Marktplatz der Menschen, das wird weiterleben." Seine Branche starrt indessen gebannt auf die wenigen Messen, die noch stattfinden. Für die Buchmesse in Frankfurt nächstes Jahr bietet Franke jetzt so genannte Hybrid-Messestände an, die Digital- und Präsenzangebote kombinieren. Soll heißen: Wenn nur noch ein Bruchteil der Leute physisch auf eine Messe geht und vor Ort alle Abstand halten, dann muss es wenigstens eine stimmige Internetpräsenz dazu geben.

Nachhaltigkeit ist für Franke kein Green-Washing-Gag, wobei das gar nicht so leicht ist in seiner Branche. Daheim in Reichling kauft er die Bio-Äpfel nur im Stoffsäckchen, doch in der Firma fielen stets große Mengen Verpackungsmaterial an. Er fand es oft irre, dass Leute aus aller Welt für ein paar Tage zu einer Messe einfliegen und danach alles weggeschmissen wird. "Bei einer einzigen Messe fallen im Durchschnitt zwei olympische Schwimmbecken voll Müll an", sagt Franke. "Das ist ein Wahnsinn, den wir so schon lange nicht mehr mitmachen wollten." Also verhängte er zunächst ein Sparsamkeitsgebot für die allgegenwärtige Stretchfolie, mit der im Logistikgewerbe üblicherweise Güter auf Paletten festgezurrt werden. "Das war eine Erziehungsmaßnahme für unsere Mitarbeiter, dass die Stretchfolie plötzlich unser Feind sein soll." Franke schaffte wiederverwertbare Holztransportkisten an und senkte den Verbrauch der Dehnfolie - noch vor der Coronakrise - auf zehn Prozent der Vorjahresmenge. Momentan liegt der Stretchfolienverbrauch beinahe bei Null, es gibt gerade wenig zu transportieren für Franke. Aber er hofft auch, dass sich das demnächst wieder ändern wird.

© SZ vom 28.09.2020

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