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Corona-Krise:Für immer im Home-Office

Homeoffice

Die Pendler freuen sich am meisten über die gesparte Fahrtzeit ins Büro.

(Foto: dpa)

Viele Angestellte wollen auch nach den Beschränkungen mehr von zu Hause aus arbeiten, wie eine Befragung aus Dießen zeigt.

Von David Costanzo

Zwischendurch einkaufen, die Kleinen aus dem Kindergarten abholen und vor allem den täglichen Stau auf dem Weg ins Büro und zurück vermeiden: Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie im März arbeiten viele Angestellte im Home-Office - und viele genießen offenbar die Vorzüge, die ihnen das Büro zu Hause über den Schutz vor Ansteckung hinaus bietet. Das zeigen etliche Umfragen und zu diesem Ergebnis kommt auch ein Stimmungsbild der Genossenschaft "Denkerhaus", die in Dießen Räume zum gemeinschaftlichen Arbeiten vermietet. Die Initiative hat Pendler vom Westufer des Ammersees befragt: vier von fünf wollen nach der Corona-Krise mehr von zu Hause aus arbeiten.

Denkerhaus-Vorstand Hans-Peter Sander hat im Mai und Juni 61 Berufstätige per Online-Fragebogen interviewt. Die meisten stammen aus Dießen, etliche aus Utting und Schondorf, einzelne auch aus Herrsching. Von einer Studie mag Sander wegen der überschaubaren Zahl der Befragten nicht sprechen, dennoch werde die Stimmung der Heimarbeiter deutlich und wie sich die Bürowelt verändern könnte.

Hans-Peter Sander hat für die "Denkerhaus"-Genossenschaft Pendler am Westufer des Ammersees befragt.

(Foto: privat)

Zwei von drei Teilnehmern werten die Erfahrung als positiv, das übrige Drittel zieht ein gemischtes Fazit. Nur ein Befragter spricht von negativen Erfahrungen. Fast alle freuen sich darüber, die Zeit auf der Straße zu sparen und damit auch die Umwelt zu entlasten. Weit überwiegend fahren die Teilnehmer nämlich normalerweise mit dem Auto ins Büro. Zwei von drei Befragten pendelten vor der Corona-Krise länger als eine Stunde hin und zurück, fast jeder Zweite benötigte sogar mehr als eineinhalb Stunden für seine Arbeitswege.

Einige - in der Befragung sagt das jeder fünfte Teilnehmer - wollen nach Ende der Beschränkungen sogar von Bus und Bahn aufs Auto umsteigen, wohl um sich vor Infektionen zu schützen, glaubt Denkerhaus-Vorstand Sander. Denn auch die Minimierung der Ansteckungsgefahr zählen die meisten zu den Vorzügen des Home-Offices. Sander fürchtet: "Hier wird sich umwelttechnisch noch einiges verschlechtern."

Etwa die Hälfte der Pendler genießt es, mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich die Arbeit selbst einteilen zu können. Mehr Zeit für Unternehmungen und ehrenamtliches Engagement spielt dagegen in der Befragung eine untergeordnete Rolle.

Sehr viel seltener berichten die Teilnehmer von negativen Erfahrungen. Etwa jedem Dritten fällt schon einmal die Decke auf den Kopf, und er vermisst den Austausch mit den Kollegen. Nur jeder fünfte Befragte beklagt eine mangelhafte Internetverbindung und zu viele Störungen daheim. Kein Wunder, denn die meisten Pendler nutzen den Komfort eines eigenen Arbeitszimmers, in dem viele schon auch vor der Corona-Krise zumindest sporadisch das dienstliche Laptop aufklappten. Nur wenige müssen in der Küche oder im Wohnzimmer ausharren. Ein Befragter hat sogar die Kantine vermisst.

Die Denkerhaus-Genossenschaft versucht nun, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Einer der "Coworker", wie sich die Kollegen im Gemeinschaftsbüro nennen, hat in der Corona-Zeit etwa ein professionelles Streaming-Studio aufgebaut und von dort aus ein Seminar gehalten - barfuß, was der Kamera verborgen blieb. Vorstand Sander sagt: "Das ist ein Weg, den wir einschlagen müssen."

© SZ vom 03.08.2020

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