Fastenzeit:Philosophieren auf bayerisch? Nur mit Starkbier!

Lesezeit: 1 min

Zum Ruf als "Land der Dichter und Denker" haben die Bayern nicht allzu viel beigetragen. Warum auch? Sie verlassen sich halt eher auf ihr Bierbauchgefühl als auf methodische Systemdenkerei.

Kolumne von Udo Watter

Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit geht der Bayer davon aus, dass seine Heimat besonders reich bedacht wurde, als der Herrgott Hirnschmalz vom Himmel regnen ließ. Daher ja auch das anspruchsvollste Abitur und der flexibelste Ministerpräsident - oder umgekehrt. Der Münchner versteht zwar das Wort Hirnschmoiz nicht mehr, sich selbst sieht er aber naturgemäß als intellektuelle Speerspitze des Freistaates.

Aus Sicht distinguierter Norddeutscher sowie unter Berücksichtigung des Kanons der deutschen Geistesgeschichte schaut es freilich anders aus: Zum Ruf als "Land der Dichter und Denker" haben die Bayern nicht allzu viel beigetragen. Die größten deutschen Philosophen waren Preußen, Sachsen oder Schwaben - und fast alle auch noch Protestanten. Der Altbayer verlässt sich halt eher auf Bauernschläue und sein Bierbauchgefühl als auf methodische Systemdenkerei. Speziell der Münchner verfolgt dabei gerne auch mal den phlegmatischen Imperativ nach Grant.

Bruno Jonas hat einmal die Theorie aufgestellt, dass die Bayern lieber glauben als wissen und daher so wenig Philosophen von Weltruf hervorgebracht haben. Entscheidend dürfte freilich auch eine unglücksselige Begriffsverschiebung in grauer Vorzeit gewesen sein, als man auf einmal die philosophische Qualität des heiligen Rausches leugnete, den erkenntnisfördernden Aspekt drogenspezifischer Entgrenzungserfahrungen verneinte und fortan die nüchterne, analytische Herangehensweise als Königstugend des Denkers ansah: Sokrates stach beim berühmten Gastmahl (Symposion) in Athen alle anderen Redner aus, weil er nüchtern blieb.

Die größten Münchner Philosophen Karl Valentin (Der Firmling!) und Gerhard Polt schätzten hingegen die profunde Freiheit des Deliriums. Polt etwa löst das Rätsel von Sein und Zeit unter Kastanien im Biergarten: Zeit mal Zeit ist Mahlzeit.

Und wer weiß, welche fundamentalontologischen Geheimnisse in den kommenden Wochen gelüftet werden, jetzt, da die Starkbierzeit über die Stadt kommt und sich die einschlägigen Bierkeller - zumindest tagsüber - verstärkt in Stuben der Vita contemplativa verwandeln. Die dunkle Süffigkeit eines Doppelbocks kann das Ich rasch zerfallen lassen und so den Weg frei machen in den erleuchtungsähnlichen Zustand der Zeitlosigkeit. Je schwerer der Kopf, desto tiefer die Gedanken.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB