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Streit über Wiesn-Hendl:"Die Grünen wollen die Menschen umerziehen"

Bio-Streit auf der Wiesn

Lieber ein Hendl aus Massentierhaltung, wenn es dafür aus der Nähe kommt?

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • Der Stadtrat hat ein neues Konzept beschlossen, nach dem ökologisch erzeugte Lebensmittel auf Festen gefördert werden soll.
  • Nach Ansicht der Grünen ist der Beschluss ein Rückschritt - beispielsweise kann zukünftig Massentierhaltung Pluspunkte erhalten, solange sie regional produziert.
  • Die anderen Fraktionen werfen den Grünen ideologische Verbohrtheit vor.

Die Stadt hat sich neue, einheitliche Regeln gegeben, wie sie gesunde und ökologisch erzeugte Lebensmittel auf ihren eigenen Festen stärker fördern will. Die Beschicker können nach diesen Kriterien Bio-Punkte sammeln, die in die Vergabe der Stände auf dem Christkindlmarkt, den drei Auer Dulten, dem Stadtgründungsfest und auch auf der Wiesn einfließen. Allerdings weiterhin nur in sehr kleinem Rahmen, dazu teilweise mit weniger Gewicht als in der Vergangenheit. Die Grünen zeigten sich hochgradig erzürnt über den Beschluss des Ausschusses für Arbeit und Wirtschaft. Dieser sei "Augenwischerei" und eine "Rolle rückwärts", die den Bioanteil bei den Produkten senken werde, sagte Stadträtin Sabine Krieger. Alle anderen Fraktionen warfen den Grünen im Wechsel Ahnungslosigkeit, ideologische Verbohrtheit und eine Erziehungsneurose gegenüber den Bürgern vor.

Vier Stufen sind bei den neuen Öko-Kriterien künftig vorgesehen: Den größten Bonus erhält, wer sein Hauptsortiment mit Waren bestückt, die das Siegel "Bio-Bayern" vorweisen können. Ganz unten, aber immerhin noch auf der Öko-Liste vertreten, rangiert das Siegel "Geprüfte Qualität - Bayern". Das können auch Betriebe mit Massentierhaltung erhalten, wenn sie regional produzieren. Nicht nur, aber zum großen Teil auch deshalb kam es zu einem emotionalen und harten Schlagabtausch im Stadtrat. Der wäre noch massiver ausgefallen, hätte nicht die SPD in letzter Minute die CSU von Bürgermeister Josef Schmid noch eingebremst. Die wollte das umstrittene Regionalsiegel ursprünglich mit der untersten Bio-Stufe gleichstellen. Davon rückte sie im Ausschuss ab.

Die Stadt vergibt die Stände auf ihren Veranstaltungen nach hoch komplizierten Systemen. Auf dem Oktoberfest kann ein Bewerber zum Beispiel maximal 400 Punkte erreichen. Erfüllt er strengste Kriterien, sind als Obergrenze acht Bio-Punkte drin. Das war bisher auch so, allerdings waren anderen Regeln festgelegt. Die neuen gelten nun für alle städtischen Feste. Bei den anderen konnten Beschicker bisher jedoch zehn Bio-Punkte nach wiederum anderen Regeln einheimsen. Einen Rückschritt nennt Krieger deshalb den Beschluss. "Fassungslos" macht sie aber, dass die Stadt künftig für Fleisch aus Massentierhaltung Biopunkte vergebe. "Das können Sie doch nicht wirklich wollen", fragt sie ihre Stadtrats-Kollegen von der CSU, der SPD, der FDP, der Bayernpartei und der ÖDP.

Das könnten sie sehr wohl, antworteten diese unisono: besser Fleisch von Tieren, die kurze Wege zum Schlachter und nach München haben, als von solchen, die aus Norddeutschland oder dem Ausland qualvolle, lange Strecken zurücklegen müssten. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl unterstellte den Grünen zudem Ahnungslosigkeit, wie die Stadt ihre Stände vergebe. Die CSU wolle auch niemanden zwingen, Bioprodukte zu verkaufen. "Das unterscheidet uns von den Grünen." Bürgermeister Josef Schmid (CSU) unterstellte der Umweltpartei pure Ideologie. Da funktionierte auch das Rathausbündnis. "Die Grünen wollen die Menschen umerziehen", sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Grünen-Stadtrat Hep Monatzeder nannte den Ideologie-Vorwurf "idiotisch". Wenn sich die Grünen für gesunde Lebensmittel einsetzten, dürfe man das nicht ins Lächerliche ziehen.

© SZ vom 20.09.2017/axi
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