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Streit um Bio-Siegel:Woher die Lebensmittel für das Oktoberfest kommen sollen

Fleisch Kombi 4er

Egal ob Mittelaltermarkt, Stadtgründungsfest, Wiesn oder Auer Dult: Der Verkauf von Fleisch, Würstl und Fisch gehören überall dazu. Die Stadt möchte gerne, dass die Wirte und Standlbetreiber dafür öfter auf regional erzeugte Bio-Produkte zurückgreifen.

(Foto: Haas, Peljak, Schellnegger, Hassenstein/getty)

Soll München Standbetreiber belohnen, die biologisch und nachhaltig einkaufen? Darüber streitet der Stadtrat seit zwei Jahren. Kritiker sagen: Die Vorschläge des Wirtschaftsreferenten gehen in die Irre.

Von Franz Kotteder

Die ganze Angelegenheit dürfte eigentlich gar nicht so schwierig sein, möchte man meinen. Denn die Bewerbungen für das Oktoberfest - genau 1162 waren es in diesem Jahr, 545 wurden angenommen - werden nach einem Kriterienkatalog bewertet, bei dem man maximal 400 Punkte erreichen kann, in den unterschiedlichsten Disziplinen, von technischem Standard über Ausstattung, Volksfesterfahrung und eher schwammigen Begriffen wie Anziehungskraft und Tradition bis hin zu Nachhaltigkeit und Ökologie.

Letzteres Kriterium ist nicht sehr bedeutend, damit kann ein Bewerber nur ein paar wenige Punkte bekommen, aber immerhin. Trotzdem sorgen die Öko-Punkte gerade für große Aufregung, denn es geht um das Reizthema "Artgerechte Tierhaltung". Die Empfängerin des städtischen Umweltpreises von 2007, Rita Rottenwallner vom Tollwood-Festival, gab gar die Auszeichnung wutentbrannt und unter Protest zurück. Das liegt an einer geplanten Änderung, die der Zweite Bürgermeister Josef Schmid (CSU) durchsetzen möchte. An diesem Dienstagvormittag wird im Stadtratsausschuss für Arbeit und Wirtschaft darüber gestritten, welche Bedeutung es künftig haben soll, woher die Lebensmittel für die Wiesn kommen und wie sie erzeugt wurden.

Der ganze Streit dauert erstaunlicherweise schon mehr als zwei Jahre an. Dabei geht es keineswegs darum, dass es auf dem Oktoberfest und auf anderen städtischen Festen wie der Auer Dult, dem Stadtgründungstag und dem Christkindlmarkt nur noch biologisch erzeugte Lebensmittel zu den entsprechenden Preisen gäbe (was den knallharten Fundamentalisten unter den Bio-Anhängern am liebsten wäre). Es geht nur darum, ob die Stadt jene Wirte und Standlbesitzer durch einen eher winzigen Vorteil dafür belohnt, dass sie auch solche Speisen und Getränke im Angebot haben. Eine Kulturrevolution sieht dann doch anders aus.

Das Problem besteht vor allem darin, dass sich die Stadtrats-CSU in Gestalt ihres damaligen Wiesn-Stadtrats Georg Schlagbauer Anfang 2015 auf dem Gebiet der Lebensmittelsicherheit profilieren wollte. Es galt, der Forderung von Verbänden wie dem Aktionsbündnis Artgerechtes München nach einer stärkeren Berücksichtigung ökologischer Kriterien und der Forderung nach Abschaffung der Massentierhaltung etwas entgegenzusetzen. Schlagbauer, damals Innungsmeister der Münchner Metzger und Handwerkskammerpräsident, erfand den Slogan: "Regional ist das neue Bio" und forderte per Antrag, dass "regional erzeugte und hergestellte Produkte den Bio-Produkten bei der Anzahl der zu vergebenden Punkte gleichgestellt werden".

Von diesem bald drei Jahre alten Antrag wollen sich die CSU und Bürgermeister Josef Schmid in seiner Eigenschaft als zuständiger Wirtschaftsreferent offenbar noch nicht verabschieden. Schon im April 2016 versuchten sie, per Beschluss die weitgehende Gleichstellung von regionaler Herkunft und biologischer Erzeugung bei städtischen Veranstaltungen wie dem Christkindlmarkt und dem Oktoberfest durchzudrücken. Heftiger Protest des Aktionsbündnisses, das in kürzester Zeit viele Tausend Unterschriften für mehr artgerecht erzeugte Produkte gesammelt hatten, verhinderten das ebenso wie Oberbürgermeister Dieter Reiter und seine SPD-Fraktion, die Nachbesserungen verlangten.

Von da an wanderte der Beschluss ein bisschen herum - vom Wirtschaftsreferat in das für Umwelt und Gesundheit und wieder zurück. Nun soll er an diesem Dienstag wiederum im Wirtschaftsausschuss behandelt werden. Josef Schmids Vorschlag: Wie damals von Schlagbauer gefordert, sollen biologische Produkte nach EU-Verordnung und regionale Produkte aus Bayern gleichgestellt und mit jeweils zwei Punkten benotet werden.

Erlaubt "regional" auch Massentierhaltung?

Können für die Bio-Produkte zusätzlich noch kurze Transportwege nachgewiesen werden, so gibt es drei Punkte. Und tragen sie das allgemein als anspruchsvoll anerkannte bayerische Biosiegel, so erhalten sie vier Punkte. Bürgermeister Schmid kann deshalb die Aufregung nicht verstehen: "Wir bewerten biologische Produkte schließlich höher, und erst recht dann, wenn sie nicht von weither angekarrt werden."

Die Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden, die schon 2014 einen Antrag gestellt hatte, artgerechte Erzeugung besserzustellen und damit die ganze Debatte befeuert hatte, sieht das ganz anders: "Bei allen Veranstaltungen außer der Wiesn galten jetzt schon bessere Kriterien für Bio-Produkte. Die sollen jetzt auf das Wiesn-Niveau zurückgestutzt werden." Regional bedeute aber mittlerweile längst: "Die Hendl können auch aus Massentierhaltung in Niederbayern stammen." Verbraucherpolitiker wie die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Gitta Connemann, fordern deshalb längst neue Leitsätze für den Begriff Regionalität.

Rita Rottenwallner von Tollwood hat es in ihrem Brief so formuliert: "Wer Hendl aus bayerischer Massentierhaltung serviert, soll künftig Öko-Punkte kassieren dürfen." Schmid bestreitet das energisch und sagt: "Wir bewerten Öko-Lebensmittel höher." Ob an diesem Dienstag schon eine Entscheidung fällt, oder ob wieder alles ein paar Monate länger dauert, ist noch nicht klar. Das Thema müsse in der Fraktion noch einmal diskutiert werden," sagt Pressesprecher Christian Pfaffinger, "weil die Beschlussvorlage mehrere Punkte, die im Vorfeld anders besprochen wurden, leider nicht im Sinn dieser Diskussion wiedergibt".

© SZ vom 19.09.2017/bhi
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