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Linksaußen:Zeiten des Aufruhrs

Ein Fußballverein ist ein Staat in Miniaturform. Und bei den Münchner Profiklubs gibt es gerade umstürzlerische Tendenzen.

Von Stefan Galler, München

Man könnte sagen, dass es sich bei einem Fußballverein um eine Art Miniaturausgabe eines Staatsgebildes handelt. Oben steht das Präsidium, sozusagen die Regierung des Klubs. Dann gibt es ein paar ausführende Kräfte, also die Trainer und die Kicker auf dem Platz, die den Laden am Laufen halten. Und das Volk, das sind die Fans, die dafür sorgen, dass die Stimmung im Mikrokosmos gut ist und die Einnahmen stimmen. Da in der Demokratie jedoch alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, wie in Artikel 20 unseres Grundgesetzes steht, wollen die Anhänger bisweilen auch mitreden, wenn die eigenen Glücksgefühle fehlen. Etwa weil der Verein aus dem ein oder anderen Grund in Schieflage geraten ist.

So läuft das zumindest in demokratischen Staaten, wobei neue Bewegungen zuletzt ja sogar oligarchische und diktatorische Trutzburgen wie Russland und Belarus erfassten - auch wenn sich dort die Chefs erwartungsgemäß nicht dazu durchringen, irgendetwas vom Volke ausgehen zu lassen. Stattdessen lassen sie die Aufmüpfigen nicht mehr ausgehen - und stecken sie ins Gefängnis oder Arbeitslager.

Mit derlei Härten muss der Fußballanhänger - zumindest hierzulande - nicht rechnen. Nicht einmal beim FC Bayern, wo man ja schon länger ein, nun ja, eigenes Verhältnis zu kritischen Fans hat. Legendär sind die Ausführungen von Uli Hoeneß aus dem Jahre 2007 dazu, dass die Anhänger vom Klub nur noch als Kunden betrachtet würden ("Eure Scheiß-Stimmung? Da seid ihr doch für verantwortlich und nicht wir! Wer glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid! Wir reißen uns für euch den Arsch auf. Dafür lassen wir uns nicht an die Wand stellen!").

Mittlerweile muss sich vor allem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit den Systemkritikern aus dem eigenen Klub auseinandersetzen, zuletzt beispielsweise wegen seiner Äußerungen zum verzögerten Abflug zur Klub WM im Scheichstaat Katar und generell zur Kooperation mit dem dortigen Regime. Die Fangruppierung Red Fanatic München findet das aktuelle Auftreten der Chefs "abstoßend widerlich". Die "feinen Herren in der oberen Etage" würden "in ihrer eigenen Parallelwelt" leben.

Beim Giesinger Arbeiterklub von der anderen Seite der Grünwalder Straße ist das Aufbegehren gegen die Obrigkeit sozusagen Teil der Klub-DNA. Schon CSU-Politiker Erich Riedl, der die Löwen Anfang der Achtziger in einen Lizenz-Entzug trieb, brachte den Anhang gegen sich auf, was natürlich gar nichts ist im Vergleich zu den Protesten gegen den aktuellen Mehrheitseigner Hasan Ismaik aus Jordanien ("Schleich di, Scheich!"), an dem vor allem die Traditionsbewussten unter den Blauen bis heute kein gutes Haar lassen.

Mittlerweile haben die umstürzlerischen Tendenzen sogar die Münchner Vorstadt erreicht: Auch die Fans der SpVgg Unterhaching gehen auf die Barrikaden, das Präsidium wurde letzte Woche aufgefordert, sich im Abstiegskampf von Trainer van Lent zu trennen. Das kennt man im Sportpark nicht mal aus Zeiten der auslaufenden Kupka-Regentschaft, obwohl es damals genug Grund zur Revolution gegeben hätte. Als man beispielsweise einem Hochstapler aufsaß und Millionen, die man gar nicht hatte, in Transfers investierte. Dem offenen Brief der wichtigsten Fangruppierungen begegnete der aktuelle Präsident Manfred Schwabl jedenfalls mit einem Bekenntnis zum Coach. Bleibt die Frage, ob damit das letzte Wort gesprochen ist. Mit Schnitzel für alle aus der Klubwirtschaft dürften sich die Sorgen der Anhänger nicht vertreiben lassen.

© SZ
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