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Handball:Panther erlegen Angsthasen

Sieger-Tänzchen: Die Fürstenfeldbrucker Handballer feiern ihren so unerwarteten wie souveränen Sieg gegen den zigfachen deutschen Meister.

(Foto: Günther Reger)

In einem verbissen geführten Duell ringt der TuS Fürstenfeldbruck den Aufstiegsfavoriten VfL Gummersbach unerwartet souverän nieder.

Von Ralf Tögel, Fürstenfeldbruck

Gudjon Valur Sigurdsson stand in sich ruhend mit ordentlich gescheitelter Frisur da, als wäre nichts geschehen. Eine halbe Stunde vorher hatte er in der Kabine des Handball-Zweitligisten VfL Gummersbach seinem Unmut noch derart Luft gemacht, dass man den Trainer der Oberbergischen auch noch am anderen Ende des Kabinentrakts gut hören konnte. Es lag also der Schluss nahe, dass der Isländer, der als Spieler mit nahezu alle Auszeichnungen, die der Handball zu vergeben hat, bedacht wurde, mit der Leistung seiner Mannschaft nicht so ganz zufrieden war. Was er in der Pressekonferenz nach der überraschenden 25:32-Niederlage beim Tabellenletzten TuS Fürstenfeldbruck bemerkenswert ruhig und fair mitteilte: "Es war auch in dieser Höhe ein verdienter Sieg. Wir haben bekommen, was wir verdient haben."

VfL-Trainer Sigurdsson kritisiert seine Spieler harsch und zollt den Fürstenfeldbruckern Respekt

Ob das am Naturell des Isländers lag, dem eine gewisse Gefühlskontrolle nachgesagt wird, oder an schlichtem Handballverstand, sei dahingestellt, jedenfalls konnte man Sigurdsson nicht widersprechen. Offen war die Partie nur bis zum 7:7 nach neun Spielminuten, dann legten die Panther einen Zwischenspurt von vier Treffern zum 11:7 hin, fortan gelang es den hoch favorisierten Gästen nicht mehr, näher als drei Tore heranzukommen. Der Sieg war also nicht nur deutlich, er war souverän. Und das mit der ambitionierten Brucker Amateurtruppe gegen einen Profi-Kader, in dem die drei österreichischen Nationalspieler Alexander Hermann, Raul Santos und Janko Bozovic stehen, zudem der kroatische WM-Teilnehmer Tin Kontrec als Abwehrchef und Spielmacher Timm Schneider, aus Melsungen gekommen und ehedem deutscher Nationalspieler. Der Tabellenzweite und Aufstiegsfavorit, der zigfache deutsche Meister und Europapokalsieger, der das Hinspiel 40:25 gewonnen hatte gegen das Schlusslicht - was sollte da schon passieren? Sigurdsson jedenfalls verwahrte sich gegen den Vorwurf, den TuS unterschätzt zu haben, sagte aber mit eisigen Worten: "Ich habe immer betont, dass man vor jedem Gegner Respekt haben muss, das hat die Mannschaft heute nicht gezeigt und bitter dafür bezahlt."

Bei Gummersbach stehen aktuelle und ehemalige Nationalspieler im Team. Gegen den TuS sind sie chancenlos

In der Tat war Fürstenfeldbruck in jeder Beziehung überlegen, von der bissigen Abwehr samt famoser Torhüterleistung über das Tempospiel bis zum Positionsspiel lieferte der Außenseiter eine nahezu makellose Teamleistung - allerdings erhielten einige Akteure von Trainer Martin Wild ein Sonderlob. Tobias Prestele etwa, dessen bissiges Abwehrspiel die hochkarätigen Angreifer nervte, was er mit einem Schlag ins Gesicht bezahlte. Der überragende Spielmacher Falk Kolodziej, der zehn Tore warf und das TuS-Spiel mit großer Übersicht orchestrierte, bis er nach einem heftigen Hieb auf die Hüfte 20 Minuten vor dem Ende nur noch zu Siebenmetern auf das Feld humpeln konnte. Und natürlich der ehemalige Junioren-Nationaltorhüter Stefan Hanemann, der seine bislang beste Leistung im TuS-Team zeigte. Hanemann hielt nicht nur drei Siebenmeter, er kroch mit jeder seiner Paraden tiefer in die Köpfe der Gummersbacher Werfer, bis diese nur noch Verzweiflungswürfe zustande brachten.

"Da darf man keinen Angsthasen-Handball spielen": Gummersbachs Spielmacher Timm Schneider hat Brucks Kreisläufer Julian Prause nur scheinbar im Griff.

(Foto: Günther Reger)

Es war aber der Sieg des Kollektivs. Allein die Tatsache, dass die Brucker den frühen Ausfall ihres Spiritus Rector Kolodziej nahezu übergangslos kompensierten, spricht für die Qualität im Kader. In Yannick Engelmann (4 Tore) hat der TuS einen Werfer für einfache Tore aus dem Rückraum, in Julian Prause (4) einen sicheren Vollstrecker vom Kreis und auch Johannes Stumpf (6) und Max Horner (3), beides flinke Rückraumspieler gesegnet mit einem glasharten Wurf, kommen nach ihren Verletzungen wieder in Form. Zur Pause war der TuS dem Zweitliga-Promi bereits auf 17:12 enteilt, und alle Gummersbacher Bemühungen zu einer Aufholjagd erstickten die Panther mit leidenschaftlichen Kampf. Bemerkenswert war dabei, dass der hochgelobte Gast spielerisch klar unterlegen war, phasenweise wirkte dessen Spiel gegen die bissige TuS-Deckung hilflos. Die Brucker dagegen hatten immer eine Lösung, brillierten mit Kempa-Tricks oder blitzschnellen Kontern. Die Einsicht um die Chancenlosigkeit gegen den vermeintlich unterlegenen Gegner führte zu recht ruppigen Szenen auf beiden Seiten, trauriger Höhepunkt war ein unabsichtlicher Schlag ins Gesicht des VfL-Österreichers Hermann, der mit einem offenen Nasenbeinbruch und einer leichten Gehirnerschütterung die Nacht im Brucker Klinikum verbrachte. Dennoch attestierten die Beteiligten der Partie hernach einen zwar sehr robusten, aber nicht unfairen Charakter: "Es war schon hart, aber so ist das manchmal. Dann dürfen wir halt keinen Angsthasen-Handball spielen. Rumheulen hilft nix, die Niederlage war sehr verdient", befand Gäste-Spielmacher Schneider.

Der Rückstand auf den ersten Nichtabstiegsplatz ist auf einen Zähler geschrumpft

Für den TuS bringt dieser unerwartete Erfolg neben viel Selbstvertrauen auch die Gewissheit, sich in der richtigen Liga zu befinden. "Wir haben schon ähnlich gute Leistungen gezeigt", sagte Wild, "dieses Mal sind die Jungs in der zweiten Halbzeit cool geblieben und haben sich an den Matchplan gehalten." Der Abstand zum ersten Nichtabstiegsplatz ist auf einen Zähler geschrumpft. Am kommenden Samstag gelte es diesen Triumph beim Mitaufsteiger Wilhelmshaven zu bestätigen. Wild sagte das ganz ruhig, dann ging er zur Kabinenfete.

© SZ
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