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Fußball:Auf dem grünen Rasen oder am grünen Tisch

Was ist denn nun? Spielen wir weiter? Der SV Heimstetten, hier Mohamad Awata, hätte gerne Antworten.

(Foto: Claus Schunk)

Die Amateurklubs sehnen sich nach einer Entscheidung über den Fortgang der Saison. Eine übereilte Rückkehr auf den Platz könnte aber auch Nachteile haben.

Von Stefan Galler und Christoph Leischwitz, München

Es war zunächst mal nur ein Signal: Dass an Lösungen für baldige Lockerungen im Amateursport gearbeitet werde; dass er wichtig sei für die Gesundheit; dass vor allem Sportarten an frischer Luft Chancen hätten, bald wieder erlaubt zu werden. Was die jüngsten Äußerungen des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann konkret bedeuten, von Aquaball bis Zumbagruppe, ist noch unklar. Trotzdem hat der Bayerische Fußball-Verband (BFV) sie schon mal begrüßt: als "extrem wichtigen Zwischenschritt für unsere Amateurfußballer". Für die bleibt die Lage trotzdem unübersichtlich, denn die Saison 2019/2020 ist ja im vergangenen Sommer nicht beendet, sondern um ein Jahr verlängert worden, in der Hoffnung, dass bis Juni 2021 alle offenen Fragen zu Auf- und Abstieg zu klären sind. Doch noch ist nicht absehbar, ob das klappen kann. Selbst wenn Training im Frühjahr wieder erlaubt sein sollte, bräuchten die Kicker ja eine Zeit, um sich körperlich in Form zu bringen. Die sportliche Unsicherheit betrifft vor allem jene, die in der Tabelle oben oder unten stehen. Drei Beispiele aus drei Spielklassen.

SV Heimstetten (Regionalliga Bayern, Platz 14)

Christoph Schmitt kann sich ein Lachen nicht verkneifen, wenn er die aktuelle Situation beschreiben soll: "Die Saison dauert jetzt schon anderthalb Jahre. Dadurch, dass Türkgücü aus dem laufenden Spieljahr in die dritte Liga versetzt wurde, sind nicht mal mehr die gleichen Gegner da. Da muss man eigentlich sagen: Lassen wir es jetzt gut sein", sagt der Trainer des abstiegsgefährdeten SV Heimstetten. Ein Abbruch hätte für den Sportverein den positiven Nebeneffekt, dass er die Klasse halten würde, denn im Abstiegsparagrafen, den der BFV im August 2020 verabschiedet hat, heißt es, dass in diesem Fall eine Tabelle durch die Quotientenregel (absolvierte Spiele geteilt durch erspielte Punkte) gebildet und die Relegation ausgesetzt werden würde. Sollte dieser Paragraf zur Anwendung kommen, wäre der Tabellenletzte Garching einziger Absteiger.

So oder so, die Heimstettner versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sich für einen Re-Start fit zu halten. "Zweimal wöchentlich machen wir Online-Training mit Stabilisierungs- und Rumpfübungen", sagt Schmitt. Das sei aber nicht genug, um dann in kurzer Zeit wieder wettkampfbereit zu sein. Der BFV erwägt angeblich, im Extremfall nur zwei Wochen nach der Freigabe des Trainings den Spielbetrieb starten zu lassen. "Für einen Fachverband wäre das sehr weit weg von der Realität", findet Schmitt, der auch die neue Regelung kritisiert, wonach zwischen zwei Punktspielen nur ein Tag Pause sein muss: "Auch wenn in der Regionalliga einige Teams auf Profiniveau trainieren, sind wir immer noch eine Amateurspielklasse." Ohne Aktionismus werde man weiter die Planungen für die kommende Saison vorantreiben: "Bei uns ist alles ruhig. Wir sind guter Dinge, mit dieser Mannschaft in der Regionalliga bestehen zu können."

Sie lechzen nach Fußball: Der nach wie vor geschlossene Sportplatz des FC Pipinsried.

(Foto: Toni Heigl)

FC Pipinsried (Bayernliga Süd, Platz 1)

Beim FC Pipinsried gibt es ein sehr trauriges Beispiel dafür, warum das Vereinsleben über den Stadion- und Vereinsstättenbesuch hinaus bedeutsam ist: Kathi Höß ist gestorben. Die Frau des Vereinsgründers galt als gute Seele und Organisatorin des Vereins, mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Zur Beerdigung, erzählt Pipinsrieds Sportlicher Leiter Tarik Sarisakal, sei nur der engste Kreis zugegen gewesen, "aber ich bin mir sicher, in normalen Zeiten wären 600 oder mehr Menschen gekommen, einfach jeder hat sie gekannt". Es sei kein gebührender Abschied gewesen.

Natürlich vermisse man auch die angenehmen Aspekte: die Geselligkeit am Stammtisch, das Geratsche auf der Haupttribüne, die legendäre Fischsemmel am Kiosk, oft ausgegeben von der Kathi. Schon allein deshalb findet Sarisakal ein Weiterspielen im April ohne Zuschauer wenig sinnvoll. Abgesehen davon, dass man laufende Kosten nicht ohne Zuschauereinnahmen kompensieren könne. Andererseits lechze jeder geradezu nach dem Fußball, sagt der Sportliche Leiter, und: "Eine Entscheidung auf dem grünen Rasen ist immer besser als am grünen Tisch." Der FC ist Spitzenreiter der Bayernliga Süd, hat 19 Punkte Vorsprung und noch acht Spiele zu bestreiten - um der Spannung in der Aufstiegsfrage willen müsste man wohl nicht weitermachen. Jegliche Kaderplanung beziehe sich schon "auf die kommende Saison", sagt Sarisakal, mit anderen Worten: auf die Regionalliga. Corona habe aber viel verändert, glaubt er, es müsse "Vernunft einkehren". Was er meint, ist: Die Pandemie drückt auf die Liquidität. Eine Überlegung wert wäre es, sagt der 48-Jährige, die berühmte "Naturtribüne", den Acker neben dem Stadion, zu reaktivieren, um damit Abstände zwischen Zuschauern einhalten zu können.

VfB Hallbergmoos (Landesliga Südost, Platz 2)

Seit dem Aufstieg in die Landesliga 2013 nimmt der VfB Hallbergmoos die Fußball-Bayernliga ins Visier. Bislang landete er zwar schon dreimal auf dem dritten Rang, zum großen Wurf hat es aber noch nicht gereicht. Das könnte sich in dieser kuriosen Stretch-Saison ändern. Sollte nämlich der Abbruch folgen, dann wären die Kicker aus dem Landkreis Freising tatsächlich aufgestiegen, weil sie ihre 52 Zähler in 27 Partien erspielten und nicht wie Tabellenführer Eintracht Karlsfeld in 28. In diesem Fall wäre der Punktequotient der Hallbergmooser ausschlaggebend und nicht der direkte Vergleich, den die Karlsfelder wegen der Auswärtstorregel (3:3, 1:1) für sich entschieden haben. "Das wäre schon eine harte Geschichte, nicht wirklich fair", räumt der Sportliche Leiter des VfB, Anselm Küchle, unumwunden ein. "Wir wünschen uns, dass wir die Saison sportlich zu Ende bekommen." Dennoch werde man natürlich auch den Aufstieg annehmen, sollte die Saison 2019-2021 doch noch abgebrochen werden.

Küchle zurrt derzeit ganz unabhängig von der Ligazugehörigkeit die Personalien für die Zukunft fest. Trainer Gediminas Sugzda wird definitiv bleiben, mit den meisten Leistungsträgern hat man die Verträge verlängert. "Wir setzen auf Kontinuität", sagt Küchle, der versucht, die positiven Aspekte der Corona-Pause zu betonen: "Zwischenzeitlich waren bis zu acht Leute verletzt, jetzt sind wieder alle an Bord." Gerade diese Tatsache lässt auch die Hallbergmooser vor den Notfallplänen des BFV erschaudern, die Vorbereitungszeit vor einem möglichen Restart zu verkürzen: "Das sehe ich besonders kritisch. Die Verletzungsgefahr wäre in diesem Fall sehr groß."

© SZ/lib/sjo
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