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Basketball:Kater nach der Glitzernacht

11.04.2021, BBL FCB Basketball vs Loewe Braunschweig, Audi Dome , Muenchen im Bild: Leon Radosevic (FCB Basketball) vs G; Leon Radosevic

"Das ist normal, das sollte eben nicht so sein, nur leider ist es so." Leon Radosevic (li.) versucht gegen Braunschweigs Gavin Schilling alles. Aber manchmal fehlte es einfach an Energie und dem letzten Biss.

(Foto: Philippe Ruiz/Imago)

Die Basketballer des FC Bayern München schonen nach dem Triumph in Barcelona wichtige Spieler und zollen bei der Heimniederlage gegen Braunschweig erneut den Strapazen Tribut.

Von Ralf Tögel, München

Plötzlich standen Vladimir Lucic und Gavin Schilling Nase an Nase. Glücklicherweise sind im Basketball noch keine Lippenleser zugange, es war dennoch leicht zu erraten, dass die beiden riesigen Kerle keine Komplimente austauschten. Diese Szene darf als Ausdruck dessen gelten, wie umkämpft dieses Spiel in der Basketball-Bundesliga (BBL) zwischen dem FC Bayern München und den Basketball Löwen Braunschweig war, das die Gäste 85:83 gewannen. Und damit dem klaren Favoriten die bereits siebte Saisonniederlage im nationalen Wettbewerb beibrachten, in drei der vier jüngsten Ligaspiele verließ der FCB das Feld als Verlierer. Derlei Niederlagen, wie bei Schlusslicht Gießen oder nun zu Hause gegen Braunschweig, das um den Klassenerhalt kämpft, sind im Licht der Teilnahme an der Euroleague-Endrunde natürlich schwer zu erklären.

In der Euroleague schaffen die Bayern als erstes deutsches Team die Playoff-Teilnahme. In der BBL verlieren sie drei der vergangenen vier Spiele

Center Leon Radosevic, der neben einer feinen Leistung mit 23 Punkten Karrierebestwert erzielte, versuchte es dennoch. Und er fand am Mikrofon des übertragenden Senders Magentasport erfrischend ehrliche Worte. Es sei schon schwer, sich im Zwei-Tages-Rhythmus zu Spitzenleistungen aufzuraffen, und ja, gerade nach einem solchen Glitzersieg beim Euroleague-Primus FC Barcelona sei es nur zwei Tage später besonders schwer gewesen, gegen den Gast aus Niedersachsen die letzten Reserven aus den matten Körpern zu quetschen: "Das ist normal, das sollte eben nicht so sein, nur leider ist es so."

Der Münchner Matchplan sieht für solche Vergleiche eigentlich vor, im dritten Viertel so viel Vorsprung anzuhäufen, dass der Gegner den Glauben an die Überraschung verliert. Was in jüngerer Vergangenheit nicht mehr gelungen ist - und dann spielen in engen Schlussphasen Wille und Kraft die entscheidende Rolle. Denn Basketball verstehen mittlerweile alle BBL-Teams vorzüglich zu spielen. Auch die Löwen aus Braunschweig.

Neben dem wuchtigen 2,06-Brocken Schilling, der wichtige Rebounds fischte, stehen dort im tschechischen Nationalspieler Martin Peterka und dem litauischen Internationalen Arnas Velička starke Schützen im Team. Und natürlich Karim Jallow, mit 24 Punkten Topscorer der Gäste, der vom FC Bayern ausgebildet wurde und in Ludwigsburg und nun Braunschweig zum Nationalspieler reifte. Zur Halbzeit führte der FCB knapp (38:37), geriet vor dem letzten Drittel entgegen dem Matchplan aber in Rückstand (60:68), drehte das Spiel in den Schlussminuten scheinbar (83:80) und geriet in jenes Abschlussscharmützel, das die Bayern unbedingt vermeiden wollten: Zwei unglückliche Aktionen, der unbedingte Wille der Gäste zur Sensation, fehlende Energie - und der letzte Wurf ging daneben.

Die Sperre von Trainer Andrea Trinchieri durch die Liga wollen die Münchner nicht akzeptieren, sie gehen in Berufung

Natürlich muss man berücksichtigen, dass die Bayern in Wade Baldwin und Jalen Reynolds die beiden besten Schützen aus dem Barcelona-Spiel schonten, zudem fehlte in Nick Weiler-Babb der Motor der Defensive. Auch der lautstarke Taktgeber am Spielfeldrand war nicht da, Andrea Trinchieri saß eine Sperre ab. Die bekam er neben einer Geldstrafe von 2000 Euro von der BBL nach der Auswärtsniederlage in Hamburg aufgebrummt, weil er sich ein Wortgefecht mit Towers-Coach Pedro Calles geliefert hatte. Auch da konnten keine Lippenleser Erhellendes beitragen, die Fernsehbilder waren jedenfalls wenig spektakulär. Radosevic wollte der Absenz des italienischen Trainer-Vulkans ohnehin keine entscheidende Bedeutung beimessen, der sei bestens vom Assistenten Adriano Vertemati vertreten worden. Auffallend ist indes, dass Trinchieri schon bei der Pleite in Gießen gefehlt hatte.

Beim Termin für die Pokalendrunde hätten sich die Bayern mehr Fingerspitzengefühl von der BBL gewünscht

Bayern-Geschäftsführer Marko Pesic wundert sich über diese harte Strafe durch die BBL, er akzeptiere jede Sanktion für den Coach seitens der Schiedsrichter auf dem Spielfeld, was oft genug geschehe. Dem offensichtlichen Versuch der Liga aber, Trinchieri zu erziehen, werde er nicht tatenlos zusehen: "Unsere Rechtsabteilung prüft den Fall und wir gehen in Berufung." Nicht die einzige Entscheidung, bei der sich die Bayern etwas mehr Fingerspitzengefühl vom Verband gewünscht hätten. Auch die Ansetzung der Pokalendrunde am kommenden Wochenende ist für die Münchner gelinde gesagt suboptimal. Am Dienstag gastieren sie in Bonn, am Samstag ist das Pokal-Halbfinale gegen Ulm, sonntags das mögliche Endspiel. Und nur zwei Tage später beginnen für den FCB die Euroleague-Playoffs mit zwei Spielen (voraussichtlich Dienstag und Donnerstag) in Mailand. Wieder nur zwei Tage darauf steht das BBL-Spitzenspiel gegen Berlin an, das angesichts der Flut an Topspielen schon fast in den Hintergrund gerät. Deshalb hatte der Klub, der nach dem DM-Finalturnier im vergangenen Juni nun mit dem Pokal-Final-Four das zweite Endrundenturnier für die BBL ausrichtet, für dieses alternative Termine angeboten. Auch weil früh absehbar war, dass man die Euroleague-Playoffs erreichen könne. "Die BBL hat so entscheiden, das müssen wir respektieren", sagt Pesic. Es bleibe keine Wahl - und Jammern beinhalte nur den Verdacht, nach Alibis zu suchen.

Auch mit den Spielern will der Geschäftsführer nicht hart ins Gericht gehen: "Ich bin ganz nah an der Mannschaft dran und weiß, was sie leistet." Es bleibe schlichtweg keine Zeit, um sich auf durchaus talentierte Gegner wie eben Braunschweig adäquat vorzubereiten. Auch daran werde sich nichts ändern: "Das müssen wir auch akzeptieren."

© SZ/sewi
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