Süddeutsche Zeitung

Amateurfußball:Wegen Massenschlägereien: Fußballverein muss Mannschaft abmelden

Zu den Spielen des Münchner Vereins FSV Newros rückte bereits mehrmals die Polizei an. "Wir können so nicht weitermachen", sagt der Vorsitzende.

Fünf Jahre ist es her, da gelang den Fußballern des FSV Newros München ein echtes Kunststück. 16 Tore hatten sie in der Kreisklasse erzielt, drei Siege, zwei Unentschieden. Doch die Saison beendeten sie nicht mit elf Punkten, sondern mit: minus einem.

Der Verband hatte ihnen zweimal sechs Zähler abgezogen, erst wegen des Einsatzes nicht spielberechtigter Spieler, dann, weil einige Newros-Fußballer am Ende einer hitzigen Partie eine Prügelei angezettelt hatten. Spätestens hier hörte die Geschichte auf, lustig zu sein. Mit sechs Streifenwagen und einem Einsatzbus hatte die Polizei anrücken müssen. Ein Gegenspieler war von hinten mit einer Kühltasche geschlagen worden, ein anderer am Boden liegend mit Tritten traktiert. "Krieg in der Kreisklasse", titelte die tz.

Der FSV Newros, seit 2006 im Spielbetrieb des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), hat weitergemacht. Trotz der Schlagzeilen, trotz des Abstiegs. Die Akteure von damals seien längst nicht mehr im Verein, erzählt Osman Sahin, der heutige Vorsitzende. Auch er selbst stieß erst später dazu. In der laufenden Saison trat das Team in der B-Klasse 5 an.

Doch vor einigen Tagen verschwand es aus dem Spielplan, angefangen mit einer Mittwochspartie gegen den TSV Maccabi. Zunächst hatte der BFV-Kreisvorsitzende Bernhard Slawinski alle Newros-Partien ausgesetzt, um dem Sportgericht "Zeit zu verschaffen", wie er sagte. Inzwischen hat Newros seine Mannschaft selbst abgemeldet und sogar die eigene Vereinsauflösung angekündigt. "Wir können so nicht weitermachen", sagt Sahin.

Faustschläge und Handgreiflichkeiten im Rücken des Schiedsrichters

Tage zuvor war wieder ein Spiel abgebrochen worden. Wieder kam die Polizei, nahm drei Anzeigen wegen Körperverletzung auf, zwei davon gegen Newros-Spieler. Uwe Delkof berichtete von "kleineren Tätlichkeiten", von rassistischen Beleidigungen gegen dunkelhäutige Spieler, von einem dicken Auge. Er ist Trainer und Vorsitzender des Gastgebers, des SC Arcadia Messestadt, und er bemühte sich, den Vorfall nicht aufzubauschen. Die Emotionen seien eben hochgekocht, einige, etwa der Kapitän des FSV, hätten noch versucht, ihre Mitspieler zu beruhigen. Die Polizei habe man eher "prophylaktisch" verständigt, weil es noch Drohungen gegeben habe.

Ein Zeuge berichtet allerdings von extrem aggressivem Auftreten der Gäste, von Handgreiflichkeiten im Rücken des Schiedsrichters und von Faustschlägen. Der BFV griff hart durch: Per einstweiliger Verfügung schloss er gleich sieben Newros-Spieler vorerst von Verbandsspielen aus. Ein Grund: Es habe solche Vorfälle immer wieder gegeben.

Osman Sahin ist ein freundlicher Mann. Er will nichts beschönigen, aber es tut ihm doch weh, dass sein Verein nun wieder in der Zeitung auftaucht. Es ist ein Verein für Kurden. Newroz ist das kurdische Neujahrsfest, immer zum Frühlingsbeginn am 21. März; es gilt ebenso als Symbol für den Widerstand wie für die Hoffnung auf Freiheit und Frieden. "Ein paar Jungen waren ein bisschen aggressiv", sagt Sahin, "sie haben sich geärgert und Fehler gemacht." Das passiere. Ihm gehe es um die Integration, er habe "alles versucht", um jungen Leuten zu helfen und ihnen etwas Spaß im Sport zu ermöglichen. Er habe nur nicht alles geschafft.

"Wir hatten nie einen richtigen Vorstand", sagt er, "es ist schwer alleine, ohne Trainer, ohne Betreuer und ohne Disziplin". Eigentlich sei seine Zeit bei Newros schön gewesen, findet der 44-Jährige. Vielleicht könne man irgendwie weitermachen, unter einem neuen Namen. Aber nur, wenn es genügend Leute gebe, die helfen.

"Es gibt immer Vereine, wo es mal rumpelt"

Der Kreisvorsitzende Slawinski ist erleichtert, dass sich der Verein zurückgezogen hat. Zu beinahe jedem seiner Spiele hatte er Beobachter geschickt, sie galten stets als riskant, standen häufiger vor dem Abbruch. Die Spieler seien leicht reizbar. "Es gibt immer Vereine, wo es mal rumpelt", sagt er. Der FC Eintracht sei zuletzt ein solcher gewesen, inzwischen sei er fast schon ein Musterverein.

Doch bei Newros fruchteten all jene Maßnahmen nicht, mit denen Slawinskis Präventionsprogramm "Fairplay München" sonst gute Erfolge erzielt. Keine Mediation, keine Hilfsangebote, keine Beratung zu Strukturen; auch zum angebotenen Anti-Gewalt-Training sei kaum jemand erschienen: "Außerhalb des Fußballplatzes sind das nette Leute, aber wir sind nicht rangekommen."

Newros sei ein besonderer Fall gewesen, in der Häufung wie in der Qualität der Vorfälle. Es gebe in München auch kurdische Klubs, die keine Probleme machten. Slawinski treibt zurzeit eher eine generelle Sorge um: Immer häufiger beobachteten seine Mitarbeiter, dass politische Konflikte auch auf den Rasen getragen würden, dass dort Anhänger aller möglichen Gruppen samt ihren Vorurteilen aneinander gerieten; dass sich "von allen Seiten Fronten aufbauen", wie er sagt. Dagegen werde man entschlossen vorgehen.

Uwe Delkof vom SC Arcadia sagt, er sei "ein bisschen hin- und hergerissen": Einerseits verstehe er, wenn Menschen mit Migrationshintergrund im Verein Anschluss zu Landsleuten suchten, andererseits sehe er die Gefahr, dass so aus Integration auch leicht das Gegenteil werde, nämlich "Isolation". Er verweist auf seine Mannschaft, in der Spieler verschiedenster Herkunft gemischt seien.

"Ich reiße mir seit zehn Jahren den Hintern auf, um da eine Linie reinzubringen", sagt er. "Wir versuchen, Integration richtig zu machen." Auch der SC Arcadia habe nicht immer den besten Ruf gehabt, drei Mannschaften habe er schon abmelden müssen. Aktuell aber, bestätigt Slawinski, liege der Klub aus der Messestadt weit vorne in der Fairplay-Tabelle.

Sogenannte monoethnische Vereine seien gar kein Problem, sagt Slawinski, sofern sie sich nicht völlig isolierten. Ihre frühere Bedeutung, als sie Gastarbeitern eine erste Heimat gaben, ihnen das hiesige System erklärten, ihnen bei Behördengängen halfen, habe sich zwar ein wenig gewandelt - dafür seien Klubs wie Türkgücü München oder Herakles heute offener geworden und dadurch erst recht ein wichtiger Integrationsfaktor. Der SV Italia kümmere sich gerade vorbildlich um die Eingliederung von Flüchtlingen.

Der Verband werde künftig noch genauer hinsehen und jede Form von Rassismus und Provokation ahnden, das ist Slawinskis Botschaft - "ganz gleich aus welcher Richtung". Kürzlich hätten Spieler italienischer Herkunft marokkanische Gegenspieler beleidigt und das Pech gehabt, dass auch der Schiedsrichter Italienisch verstand.

Gerade erst habe ein Südamerikaner einem Schiedsrichter, der auf dem Platz darum gebeten hatte, möglichst Deutsch zu sprechen, im Kabinengang "Heil Hitler" zugeraunt. Nicht ahnend, dass der Unparteiische türkischer Herkunft war. Noch so eine Geschichte, die nicht lustig ist.

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SZ vom 28.04.2016/mkro
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