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Ausflug zum Spitzingsee:Auf den Kilimandscharo der Münchner

Schnee am Spitzingsee

Nicht alleine: Besucher laufen durch den verschneiten Firstgraben am Spitzingsee.

(Foto: dpa)

Nach dem Kampf um den letzten Parkplatz warten Kaiserschmarrn aus der Pappschachtel, söderfreies Weißbier und ein Abfahrtsrennen im Gedränge. Es ist einfach schön am zugefrorenen Spitzingsee.

Glosse von Christian Mayer

Als Münchner sehnt man sich eigentlich immer nach dem Süden, auch jetzt, wo der Winter Einzug hält. Man träumt von der Sonne, die sich in der Stadt seit Tagen nicht mehr blicken lässt und konsultiert im Halb-Stunden-Takt fünf verschiedene Wetter-Apps, um irgendwo ein Fitzelchen Helligkeit zu erhaschen - und wenn zwischen 13 und 13.10 Uhr die Wetterprognosen im Landkreis Miesbach relativ günstig sind, setzt man sich ins Auto und fährt los. Gemeinsam mit all den anderen, die das Gleiche im Sinn haben: Sie wollen nur raus, die urbane Vollzeit-Isolation hinter sich lassen, die letzten Abenteuer genießen.

Ach, es ist einfach schön am zugefrorenen Spitzingsee, obwohl Einheimische stets das Gegenteil behaupten, der abschreckenden Wirkung wegen. Das Abenteuer beginnt an der Taubensteinbahn, wo man sich fluchend begrüßt und mit heruntergerollter Scheibe den Stinkefinger zeigt: Beim Rennen um die letzten freien Parkplätze ist Dreistigkeit genauso gefragt wie fieses Ausbremsen. Wie das geht, kann man von den voll bekuften Lokalmatadoren auf der freigeschaufelten Eisfläche lernen, die ihr Spiel immer nur kurz unterbrechen, wenn einer der Draufgänger eins mit dem Eishockeyschläger in die Fresse bekommen hat und sich das Blut von den Lippen leckt.

Die Münchner streben nach Höherem, der Sonne entgegen

Die Münchner lassen den Spitzingsee rasch hinter sich, sie streben nach Höherem, der Sonne entgegen, die sich doch da oben hinter der Nebelwand abzeichnet, oder etwa nicht? Was sagt noch mal die Wetter-App? Ganze Kohorten rotwangiger Polarjackenträger suchen hier ihr Glück, Schlitten reiht sich an Schlitten beim gemeinsamen Aufstieg - dort oben, hinter der Rechtskurve, liegt ja schon die Obere Firstalm, der Münchner Kilimandscharo, wo man Kaiserschmarrn aus der Pappschachtel löffelt, selbstverständlich unter Einhaltung sämtlicher Abstandsregeln. Anstoßen darf man ohnehin nur mit söderfreiem Weißbier.

Und dann, als Höhepunkt der Münchner Winterfestspiele, folgt das Abfahrtsrennen. Die Fahrt vom Kaiserschmarrn-Kilimandscharo runter zum Spitzingsee ist ein einziges Gedränge, Gewürge und Gejohle, wobei die halbwüchsigen Bob-Rambos nur halb so schlimm sind wie die Erwachsenen mit ihren infantilen Rutschgeräten - alle möchten halt mal wieder die Sau rauslassen nach Wochen der Beschränkung.

Die Sonne kam übrigens auch noch raus, auf der oberen Firstalm. Genau für sieben Minuten.

© SZ vom 05.01.2021/van/sonn
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