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Schülerbetreuung:An den Münchner Schulen gibt es zu wenige Sozialarbeiter

Eröffnung neuer Schulpavillon in der Grundschule an der Guardinistraße 60, Schulcontainer

Der Bedarf an den Münchner Schulen ist da. Doch längst nicht alle Schulen haben feste Sozialarbeiter. Nur Förder- und Mittelschulen sind flächendeckend versorgt.

(Foto: Florian Peljak)
  • Eine Grundschule in Sendling hat seit September bereits viermal das Sozialbürgerhaus informiert, weil Schüler zuhause gefährdet waren.
  • Wegen der heterogenen Mischung der teilweise verhaltensauffälligen Schüler fordern die Schule und Stadtteilpolitiker mehr Schulsozialarbeiter.
  • Die Stadt sieht jedoch vor, dass sich mehrere Schulen einen Sozialpädagogen teilen.

Von Melanie Staudinger

Einige Kinder stammen aus schwierigen Familien, sie sind aggressiv und prügeln sich schnell. Andere sind mit ihren Eltern aus Kriegsgebieten geflohen. Diese Mädchen und Jungen sprechen kaum Deutsch, sind oftmals traumatisiert und verhaltensauffällig. Die Lehrer arbeiten am Limit und sind, weil die Schülerschaft so heterogen ist, stark gefordert. Das ist der Alltag an der Grundschule an der Baierbrunner Straße in Sendling, so hat sie es an die Stadt gemeldet.

Seit September musste die Schulleitung alleine viermal das zuständige Sozialbürgerhaus informieren, weil Kinder zu Hause gefährdet waren. Um all dies zu bewältigen, brauche man Schulsozialarbeiter, am besten sogar zwei in Vollzeit, die sich ausreichend um die Kinder kümmern können, fordern Schulleitung und Stadtteilpolitiker.

Doch so viele Stellen wird es vorerst nicht geben. Denn an diesem Dienstag beschäftigen sich der Kinder- und Jugendhilfe- sowie der Bildungsausschuss des Stadtrats mit dem Thema Schulsozialarbeit, um die sich Freistaat und Staat schon lange zanken. Sie soll in München zwar ausgeweitet werden, allerdings nach einem neuen Modell, wonach sich - anders als bisher - mehrere Schulen einen Sozialpädagogen teilen. So will die Stadt die Kosten im Rahmen halten und trotzdem mehr Unterstützung anbieten.

Dieser Plan kommt nicht überall gut an. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung wollen die Wohlfahrts- und Jugendverbände in der Sitzung am Dienstag dafür werben, die bisherige Ausstattung beizubehalten: also mindestens ein Sozialpädagoge in Vollzeit pro Schule. Alles andere sei zu wenig, so ihr Argument.

Schulsozialarbeiter leisten einen wichtigen Beitrag für den Schulfrieden. Sie schlichten Streit, unterstützen Lehrer in Konfliktfällen, stellen Kontakte zu den Eltern her und haben Verbindungen zu anderen Jugendhilfe- Einrichtungen. Unstrittig ist, dass sie gerade in einer wachsenden Großstadt wie München nötig sind. Zugewanderte, geflüchtete und sozial schwache Familien brauchen oftmals Hilfe.

Drei Halbtagskräfte für 915 Schüler

Doch längst nicht alle Schulen haben Sozialarbeiter. Lediglich Förder- und Mittelschulen sind flächendeckend versorgt. Von den 23 Realschulen in München haben nur vier, von den 83 beruflichen Schulen nur 41 ein solches Angebot. Auch bei den Grundschulen klafft eine große Lücke. An 42 der 134 Schulen gibt es Schulsozialarbeiter. 25 weitere Grundschulen haben einen Bedarf angemeldet, so wie die an der Baierbrunner Straße. Mindestens sechs davon haben dem Stadtjugendamt zufolge eine sehr hohe, acht eine hohe Priorität.

Stimmt der Stadtrat zu, wird zumindest fünf Schulen von dieser Liste jetzt geholfen. Sozial- und Bildungsreferat wollen regionale Verbünde benachbarter Schulen bilden, an jedem Schulstandort soll eine Fachkraft mit einer halben Stelle arbeiten. In Neuhausen und Nymphenburg sollen sich die Grundschulen an der Helmholtz-, der Hirschberg- und der Margarethe-Danzi-Straße, also 915 Schüler, drei Halbtagskräfte teilen. Die Grundschulen an der Baierbrunner und der Boschetsrieder Straße erhalten gemeinsam zwei Halbtagsstellen.

Die Sozialpädagogen sollen an jeweils einer Schule schwerpunktmäßig tätig sein, damit die Kinder einen festen Ansprechpartner haben. Das Modell kostet 192 000 Euro im Jahr und spart Stellen. Denn nach dem bisherigen System, das sich nach der Anzahl der Schüler berechnet, hätten fünf statt jetzt 2,5 Stellen geschaffen werden müssen. Zusätzlich soll sich künftig ein mobiler Dienst um Probleme an den Schulen kümmern, die keine eigenen Sozialpädagogen haben. Wie der genau aussehen soll, ist offen.

Beatrix Burkhardt, CSU-Stadträtin und Bildungspolitikerin, hatte bereits vor zwei Jahren gefordert, die Schulsozialarbeit auszuweiten. Den Vorschlag des Sozialreferats sieht sie als "Kompromisslösung". Sie sei sich nicht sicher, ob sich größere Probleme an Schulen tatsächlich mit einer halben Stelle Sozialarbeit lösen lassen. "Wenn das funktioniert, wäre es schön. Vorstellen kann ich es mir noch nicht", sagt Burkhardt. Sie plädiert daher dafür, den Modellversuch auf ein Jahr zu befristen und zu schauen, ob die Stellen ausreichen.

"Wir müssen neue Dinge ausprobieren", sagt SPD-Stadtrat und Sozialexperte Christian Müller. Die Stadt steht aus seiner Sicht vor zwei Schwierigkeiten: Zum einen nehme der Bedarf an Schulsozialarbeit zu, zum anderen stehe der Stadt aber nicht unendlich Geld zur Verfügung. Müller sieht den Freistaat in der Pflicht. "Schulsozialarbeit sollte ein integraler Bestandteil des Unterrichts sein", sagt er. Dann müsste der Freistaat das Personal finanzieren. Der aber engagiert sich nur im Projekt "Jugendsozialarbeit an Schulen", das sich aber nur an einzelne sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wendet. Die klassische Schulsozialarbeit ist aus Sicht des Freistaats eine kommunale Aufgabe.

© SZ vom 24.10.2017/libo

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