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Schauspieler Benito Bause:"Ich bin nicht nur schwul, ich bin auch schwarz"

All you need

Feierwütiger Dauersingle: Benito Bause spielt in der ARD-Serie "All You Need" um vier homosexuelle Männer den Medizinstudenten Vince.

(Foto: ARD Degeto/Andrea Hansen)

Für Benito Bause ist das eine Chance, über Rassismus und Sexismus nachzudenken. Er hätte Arzt werden können wie sein Vater. Doch lieber spielt der 30-Jährige einen Medizinstudenten in der ARD-Serie "All You Need".

Von Josef Grübl

Luft nach oben gibt es immer, in diesem Fall sind es aber mindestens fünfzig Zentimeter. Gleich in der ersten Szene von "All You Need" sitzt Benito Bause am Boden eines vollen Swimmingpools, er blickt direkt in die Kamera, Blasen blubbern aus seiner Nase, ein Cocktailglas schwimmt an ihm vorbei. Was er da unter Wasser macht, erfährt man nicht gleich, die Serie wird in einer langen Rückblende erzählt. Seit Kurzem ist sie in der ARD Mediathek zu sehen.

Die fünfteilige Miniserie unterscheidet sich deutlich von all den anderen ARD-Serien, von den unzähligen Kommissaren, stürmenden Lieben oder himmlischen Nonnen. "All You Need" stellt vier homosexuelle Männer in den Mittelpunkt; es geht um Liebe, Freundschaft, Eifersucht, Spießigkeit und schwulen Sex. In anderen Ländern entstanden solche Serien schon vor Jahren, sie heißen "Queer As Folk", "Looking" oder "Cucumber", im deutschen Fernsehen gab es so etwas in dieser Form noch nie.

Benito Bause spielt den feierwütigen Dauersingle Vince, es ist seine erste Serienhauptrolle. Im Jahr 2019 kam er als Ensemblemitglied ans Residenztheater, zuvor spielte er am Schauspielhaus Zürich. Vor dem Theatereingang hat man sich auch mit ihm verabredet: Der Max-Joseph-Platz ist an diesem sonnigen Frühlingstag voller Leute, zu voll und laut für ein Gespräch über Schwule, Schwarze und Schauspieler. Also zieht man weiter zum Marstallplatz und sucht eine Bank im Schatten.

Der 30-Jährige trägt eine weite Cordhose und eine Funktionsjacke, beides in Künstlerschwarz. Farbe bringt er selbst ins Spiel: "Pink oder Orange?", fragt er und zieht zwei Smoothies aus der Tasche, einen mit Drachenfrucht, einen mit Mango. Nach einem kräftigen Schluck aus der pinken Flasche fängt er zu erzählen an, von seiner Familie, seiner Zeit in Ostdeutschland, von ersten Engagements und wie es ihm in München gefällt.

Geboren wurde er 1991 in Warstein, aufgewachsen ist er im Sauerland und in Hannover. "Ich komme aus einer Ärztefamilie", sagt er. Sein Vater ist Psychiater und Neurologe, eine seiner Schwestern und sein Onkel sind ebenfalls Ärzte. Auch er dachte eine Zeit lang darüber nach, ob er wohl die Praxis des Papas übernehmen müsse, doch kurz vor dem Abitur entschied er sich für eine künstlerische Laufbahn. Bauses Mutter stammt aus Tansania, sie ist Kinderbuchautorin und bildende Künstlerin.

Dass er jetzt als Schauspieler einen Medizinstudenten verkörpere, sei ein schöner Zufall, sagt er lachend. Der von ihm verkörperte Vince ist aber noch viel mehr, nicht nur Unterwasser-Hocker und Um-die-Häuser-Zieher, sondern auch Charmebolzen und Identifikationsfigur. Und dann wäre da noch das Offensichtliche: "Ich bin nicht nur schwul, ich bin auch schwarz", sagt er in Folge vier. Das genau sei doch das Tolle an der Rolle, findet der Schauspieler: "Wir behandeln genau diese Intersektionalität, den Schnittpunkt von Sexismus und Rassismus."

"Uns war klar, dass sich nicht jeder wiedererkennen wird"

Er habe von Anfang an einen schwarzen Schauspieler für diese Rolle haben wollen, erzählt Benjamin Gutsche ein paar Tage später am Telefon. Er ist der Autor und Regisseur der Serie: "Schon beim Schreiben dachte ich an einen schwarzen Freund aus Texas. Er erzählte mir, dass er noch nie so viel Alltagsrassismus erlebt habe wie in Berlin, auch innerhalb der schwulen Szene." Äußerlich entsprach Benito Bause also den Anforderungen für die Hauptrolle, seine sexuelle Identität spielte dagegen keine Rolle.

Die Schauspieler wurden beim Casting nicht danach gefragt, sagt Gutsche, das sei auch wegen arbeitsrechtlicher Bestimmungen nicht möglich: Menschen dürfen wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht diskriminiert werden, egal ob hetero-, homo- oder transsexuell. Entscheidend bei der Besetzung seien ohnehin Ausstrahlung, Talent und Glaubwürdigkeit, so der Serienmacher, der eigene schwule Erfahrungen mit in die Serie eingebaut hat.

Bause ist überzeugend in der Rolle des homosexuellen Studenten - selbst sein Regisseur vermutete anfangs, dass er auch privat Männer lieben würde. Beim Gespräch am Marstallplatz betont Bause aber: "Ich lebe in einer heterosexuellen Beziehung." Doch so soll es sein im Schauspielberuf, alle sollen alles spielen können - das forderten auch die 185 Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich vor einigen Monaten im SZ Magazin als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und trans* outeten. Diese Aktion habe viel bewegt, sagt Gutsche, sie führe zu mehr Sichtbarkeit und Diversität.

Überhaupt verändere sich gerade einiges in der Branche, er hofft, dass "All You Need" ein Türöffner für weitere queere Serien aus Deutschland sei. Damit reagiert er auch auf jene kritischen Zuschauerstimmen, die finden, dass er keine lesbischen Frauen, ältere Schwule oder Transmenschen zeige. "Uns war klar, dass sich nicht jeder wiedererkennen wird", so Gutsche. Derzeit bereitet er die zweite Serienstaffel vor, im Herbst sollen sechs neue Folgen gedreht werden - wieder mit Benito Bause als Vince.

Beim Casting von Filmen werden viele Rollen noch nach alten Klischees vergeben

Auf der Bank am Marstallplatz erzählt dieser noch von anderen Projekten, von seinen Musikplänen und einer weiteren Serie, die er gerade in Berlin dreht. Auch am Resi ist er bald wieder zu sehen: Für Simon Stone wird er in "Unsere Zeit" auf der Bühne stehen, einem Stück nach Motiven von Ödön von Horváth. Er ist erst seit einigen Jahren im Beruf, bis Sommer 2017 war er an der Schauspielschule in Leipzig. Bereits während des Studiums stand er in Halle in einer Neufassung von Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf" auf der Bühne, auch in einer Adaption des Kinohits "Ziemlich beste Freunde" spielte er mit.

In beiden Stücken geht es um Rassismus, das Thema treibt Bause um. Seit dem Mord an George Floyd im letzten Jahr und dem Erstarken der "Black Lives Matter"-Bewegung engagiert er sich, unter anderem hat er an den Aktionen des Residenztheaters am Max-Joseph-Platz und Odeonsplatz teilgenommen. "Die Verpflichtung liegt bei uns allen", sagt er und nimmt einen letzten Schluck aus der pinken Flasche.

Aber auch unter Schwarzen könne man Rassismus feststellen, erklärt er: "Es gibt ja diesen Ausdruck 'Colorism', bei dem danach unterschieden wird, wie dunkel man ist." Er selbst sei als Schwarzer "lightskinned", habe eher hellere Haut, was von vielen Menschen in Deutschland als positiv empfunden werde. Das sei bei Menschen, die "darkskinned" seien, also deutlich dunklere Haut hätten, ganz anders. "Da wird dann schnell an Drogendealer, Verbrecher oder Geflüchtete gedacht", sagt er.

Übrigens auch beim Casting von Filmen: Auch hier werden Rollen trotz aller Fortschritte in Sachen Diversität oft noch nach alten Klischees vergeben. "Gerade eine stereotype Besetzung führt aber zum Erstarken dieser Vorurteile", sagt Bause auf dem Weg zurück. Auch da ist also noch Luft nach oben, sicherlich mehr als fünfzig Zentimeter.

© SZ vom 17.05.2021/lfr
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