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Schäffler:Lieber tanzen als Urlaub machen in der Karibik

Das traditionelle Schäfflertanzen im Atrium der Süddeutschen Zeitung in der Hultschiner Straße 8 in München.

Das traditionelle Schäfflertanzen

(Foto: Jan A. Staiger)

Die Schäffler nehmen eine Menge auf sich, um alle sieben Jahre ihre Tänze aufführen zu können. Ein Besuch.

An einem Dienstagabend, es ist etwa 21.15 Uhr, an den Balkonen in der Ferne leuchten Lichterketten, steht Stefan Schmid auf einem Holzfass. Er ist 25 Jahre alt, trägt einen Vollbart, einen roten Kapuzenpulli, eine Jeans, feste beige Winterstiefel und ruft laut: "Griaß eich miteinand." "Stop. Du musst lautlos grüßen", sagt einer, der auch Stefan heißt, aber Schiedermeier mit Nachnamen, der gut 20 Jahre älter ist, das graue Haar mit viel Gel zurückgekämmt hat. Er steht auf keinem Fass, sondern davor auf dem Boden, nass vom geschmolzenen Schnee. "Lautlos grüßen?", fragt der Jüngere. "Lautlos", wiederholt der Ältere und tut so, als würde er einen Hut ziehen. Ganz gerade steht er da, Bauch rein, Brust raus, das Kinn leicht nach oben, den Blick nach vorne, unheimlich stolz sieht er aus. Und Stefan Schmid auf dem Holzfass macht es nach.

Von 6. Januar an werden die beiden Stefans abwechselnd sechs Wochen lang, an die zehnmal am Tag so grüßen - in Grundschulen, in Altenheimen, auf Geburtstagen und Firmenfeiern, in Hinterhöfen und auf öffentlichen Plätzen, von Grünwald bis zum Münchner Marienplatz. Sie treten dort überall mit den Münchner Schäfflertänzern auf - Schmid zum ersten, Schiedermeier zum dritten Mal. Und das Grüßen dürfte bei ihrer Rolle wohl der leichteste Part sein: Als Reifenschwinger müssen sie zwei weiß-blau bemalte Holzringe, in denen kleine mit Wein gefüllte Gläser stehen, durch die Luft wirbeln. Und am Ende soll der Inhalt dann auch nicht auf den Mänteln der Zuschauer, sondern in ihren Mündern landen.

Schäffler bei einer Probe, bei der Fassfabrik Schmid, Straubinger Str. 34

Mit dabei: die Blasmusik.

(Foto: Floriak Peljak)

Der Legende, an deren Echtheit allerdings Zweifel bestehen, sollen die Schäffler ihren Tanz zum ersten Mal nach einer Pest-Epidemie 1517 aufgeführt haben. Diejenigen, die überlebt hatten, sollen sich nicht aus ihren Häusern getraut haben. Die Schäffler sollen sie mit ihrem Tanz wieder auf die Straßen gelockt haben. Alle sieben Jahre führen sie ihn seitdem auf - weil die Pest angeblich alle sieben Jahre zurückkam, und weil die Zahl Sieben als Glückszahl gilt.

Der Schäfflertanz gehört also zu den ältesten Traditionen Münchens und vielleicht zu den letzten Gewissheiten in einer Stadt, die zwar viele Dorf nennen, aber in die jedes Jahr Tausende Menschen aus der ganzen Welt ziehen, in der jede Woche eine neue Kneipe, ein neuer Laden, ein neues Start-up eröffnet. In dieser schnellen Welt bleibt der Schäfflertanz immer gleich: Männer mit weißen Kniestrümpfen, roten Westen und grünem Hut heben gleichzeitig die Knie, tippeln aufeinander zu und voneinander weg und tragen dabei bogenförmige Kränze. Ein Kasperl bemalt die Zuschauer mit einem Kohlestrich, ein Reifenschwinger schwingt die Holzreifen. Dazu spielt eine Blaskapelle einen Marsch.

Es gibt keine neuen Choreografien, keine neue Musik, keine Frauen. "Bei uns heißt ein Ja noch Ja und ein Nein Nein", sagt Stefan Schiedermeier, 47 Jahre alt, Elektriker. Dass man sich auf sie verlassen könne, gehöre zum "Ehrenkodex" der Schäffler. Tugenden seien ihm wichtig, mitmachen dürfe nur, wer eine weiße Weste habe - "so wie unsere Hemden". Früher tanzten bloß Schäfflergesellen mit, also junge Männer, die eine Ausbildung zum Fassbauer machten. Weil aber immer weniger Holzfässer gebraucht werden und deshalb immer weniger Männer diesen Beruf lernen, dürfen inzwischen alle mitmachen, die Lust haben. Die Münchner Tänzer sind zwischen 20 und 55 Jahre alt, von Beruf Handwerker, Informatiker, Techniker, Lokführer. Ob dann eines Tages auch Frauen mittanzen dürfen? "Eine Frauenquote beim Schäfflertanz kann ich mir jetzt nicht vorstellen", sagt Stefan Schmid. "Es waren halt schon immer nur Männer", sagt Stefan Schiedermeier. Das sei so Tradition, und darum, die zu bewahren, gehe es bei dem Schäfflertanz schließlich.

Es ist eine Ehre, die alte Tradition am Leben zu erhalten

Zweimal die Woche, seit das Oktoberfest zu Ende ist, proben die Männer in dem Hinterhof im Münchner Westen, umgeben von Wohnhäusern, manche zehn Stockwerke hoch. Hier liegt die Werkstatt von Willy Schmid, Chef der letzten Fassfabrik in der Region, Vorsitzender des Münchner Schäfflervereins. Während außen die Männer in dicken dunklen Wintermänteln, viele mit Mützen oder Stirnbändern auf dem Kopf, zu Marschmusik der Truderinger Blaskapelle im Gleichschritt ihre Knie heben, sitzt er in seiner Werkstatt und organisiert Termine.

Fünf seiner Mitarbeiter gibt er für die Auftritte sechs Wochen am Stück frei. "Ich tanze nicht mit - irgendwer muss den Laden ja noch am Laufen halten", sagt er. Weil viele Arbeitgeber nicht mehr dazu bereit seien, ihren Mitarbeiten so lange frei zu geben, müsse er immer häufiger Rollen doppelt besetzen. Schwierigkeiten, genug Leute zu finden, habe er aber nie. Brauchtum, Tradition, vielleicht erlebe das gerade sogar einen Aufwind, meint er. "Beim Oktoberfest tragen zumindest fast alle wieder Tracht. Vor 20 Jahren war das noch anders." Trotzdem: Warum schlagen sich die Männer auf einem Hinterhof den Feierabend um die Ohren? Weshalb nehmen sie sich für einen Tanz so lange frei, dass man in der Zeit auch einen Karibikurlaub machen könnte?

Weil es für ihn eine Ehre sei, eine so alte Tradition am Leben zu erhalten, sagt Michi Zehetbauer - eine Antwort, die man so ähnlich von vielen bekommt. Der 33-Jährige ist Kaminkehrer und spielt den Kasperl. Als die Schäffler vor sieben Jahren auftraten, fuhr er ihnen nach, so oft es nur ging. Früher habe er sich jedes Spiel vom FC Bayern angeschaut und 2012 insgesamt 108 Schäfflertänze - bis ihn einer ansprach, ob er nicht auch mitmachen wolle. "Vielleicht", sagt er, "bin ich ein bisschen verrückt." Und so geht es bei den Schäfflern wohl nicht nur ihm: Alexander Meier, 53, ein Lokführer mit Schnauzer, fährt für die Proben zweimal die Woche von Peißenberg nach München, 60 Kilometer. Während der Zeit, in denen die Schäffler auftreten, schläft er bei einem Freund.

"Meine Frau sieht mich da vielleicht einmal in der Woche." Er habe noch nie bereut, dabei zu sein - auch wenn er sich in diesen sechs Wochen hauptsächlich von Wurstsemmeln ernährt, jedes Mal an die zehn Kilo abnimmt, gegen Ende immer gegen Erkältungen kämpft und gegen den "Bus-Koller" - denn die Schäffler fahren zu jedem Auftritt zusammen in einem Reisebus. "Und was in diesem Bus passiert", sagt Alexander Meier, "bleibt auch in dem Bus." Er klingt ein bisschen verschwörerisch, und man versteht: So wie bei den Burschenvereinen und dem Oktoberfest geht es wohl auch bei den Schäfflern neben der Tradition um den Spaß.

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