St. Emmeramsmühle Zu viel von allem

Biergarten Emmeramsmühle, 2007 Der Biergarten "Emmeramsmühle" an der Isar zwischen Bogenhausen und Oberföhring ist ein beliebtes Ausflugsziel.

(Foto: Robert Haas)

Idyllisch an der Isar liegt die St. Emmeramsmühle in Oberföhring, die Karte verspricht Gaumenfreuden. Großzügig bedient wird man hier auf jeden Fall: Die Portionen sind gewaltig. Bei der Qualität hapert es allerdings.

Von Johanna N. Hummel

Die Wagen von der Linie 16, weiß-blau, fahren seit bald acht Monaten mehr oder weniger ratternd durch die Stadt nach St. Emmeram, was so manchen Menschen, der nahe der Trambahntrasse wohnt, gar grantig schauen lässt.

Ohne lange über Leid und Freud zu philosophieren: Es gibt einen Menschen, Karl-Heinz Zacher heißt er, der in der Kapelle unweit seines Lokals dem Märtyrer Emmeram eine Kerze stiften müsste. Welcher Wirt hat schon das Glück, dass er auf einer Tram kostenlose Werbung erhält, im zehn oder zwanzig Minutentakt. "Ich wollte von gar nichts wissen./ Da habe ich eine Reklame erblickt./ Die hat mich in die Augen gezwickt/ und ins Gedächtnis gebissen", dichtete Joachim Ringelnatz, und er war vermutlich dabei, als die Schwabinger Bohème um die Wende zum 20. Jahrhundert in diesem Wirtshaus gefeiert hat.

Nun ist es ganz praktisch, mit der Trambahn nach Oberföhring zu fahren und den Isarhang zur Sankt Emmeramsmühle hinunterzulaufen, weil dort die Parkplätze klein und die Autos groß sind. Immerhin gibt es einen dienstbaren Geist, der einem für drei Euro den Schlüssel abnimmt, das Auto verstaut und es, sobald man wieder auftaucht, vorfährt - valet parking in einer Wirtschaft mit einem Hang zu Vornehmheit und Prominenz.

Kein Wunder: Die Emmeramsmühle ist wohl einer der schönsten Plätze weit und breit. Im Biergarten unter Kastanien zu sitzen, mit Blick auf grüne Wiesen und weidende Schafe, ein Helles von der Spatenbrauerei (die Halbe 4,10 Euro), einen Grünen Veltliner (0,2l 5,60) vor sich, ist ein idealer Zustand. Bald 150 Jahre ist das Gasthaus alt, die Stuben mit Holzdecken, Holztischen und gemauerten Öfen sind schön vertäfelt, an den Wänden hängen ein paar Bilder, lästiger Zierrat fehlt.

Bei der Speisenkarte ist das anders. Von erlesener Albernheit sei sie, schrieb 2001 Ignaz Permaneder in der Kostprobe, und daran hat sich nichts geändert. "Speisengaumerie" heißt die Karte, sie wird gegliedert in Überschriften wie "Abenddämmerung, zart sprang ein dunkles Reh im Wald" (wobei kein Wild auf der Karte stand). Suppen heißen "Terrinenkonzert, helldunkles Suppenorchester verwöhnter Zungen".

Der Koch gibt alles

Ach ja? Der Leberknödel in gut salziger Brühe war reichlich fest. Bei der braven Kartoffelcrèmesuppe stellte sich die Frage, wie so wenig Speck so intensiv schmecken kann? In die Bouillabaisse hatte der Koch alles gegeben: zu viel Gemüse, zu viele Gewürze, zu lang gegarter Fisch, matschige Croutons; warum Croutons in einer Suppe, zu der Knoblauchbrot mit feiner Rouille serviert wird? Angenehm scharf war die Garnelensuppe mit Glasnudeln; die drei großen Garnelen mit harter Schwanzflosse allerdings flutschten vor Gabel und Messer davon, mit den Fingern musste man sie essen (5,30 bis 13.90).

In der Emmeramsmühle wird - mit mehr und vor allem weniger Sorgfalt - gekocht, als seien Isarflößer nach entbehrungsreicher Fahrt gelandet. Auf dem Teller wird aufgehäuft, selbst wenn es nicht so recht zusammenpasst. Die großen Portionen haben ihren großen Preis.

Der schön gebratene Bachsaibling, ein riesiges Tier, schwamm in einem See von Limettenbutter und war umringt von Spinat, Trockentomaten, Ratatouille, Zuckerschoten, Karotten und Kräuterkartoffeln. Einige Gemüse tauchten immer wieder auf, auch zu den wabbeligen Backen vom Weideochsen (hat er je geweidet?) in einer Rotweinsauce, die nach Weihnachten roch; außerdem lagen auf dem Teller Wurzelgemüse, Fenchel in der Sesamkruste und ein getrüffelter Kartoffel-Sellerie-Stock, der weder nach Sellerie noch nach Trüffel schmeckte.

In einem Wirtshaus, in dem die mal freundlichen, mal recht herben Bedienungen Dirndl oder Lederhosen tragen, sollte man beim Essen konservativ sein. Der Spanferkelrücken mit lockerem Knödel und intensiver Kümmelsauce war zart, die Haut knusprig, der Krautsalat feinsäuerlich. Auch an der Viertel Ente mit Blaukraut gab es nichts zu mäkeln. Zum schön dünnen Wiener Schnitzel in fader Panade wurden ordentliche Bratkartoffeln aufgetragen, ebenso zum wunderbar medium gebratenen, gewaltigen Rostbraten mit strohigen Zwiebeln, wohl aus der Fritteuse (14,90 bis 25,90).

Angesichts der unsinnigen Mengen, die aufgetischt werden, ist es schwer, zu Nachspeisen vorzudringen, zum Beispiel zu den Apfelkücherl im fest gebackenen Weinteig (8,90). Ein Menü zu bewältigen, ähnelt Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen. Und selbst die gibt es hier: Auf dem Signet für Wegweiser oder Speisenkarte hat die alte Wassermühle Windmühlenflügel bekommen. Auch sie werden wohl bleiben, bis einmal die höhere Einsicht einkehrt.