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Ramersdorf/Fasangarten:Überlebensfragen

Weil der geplante Tram-Betriebshof an der Ständlerstraße schon jetzt zu klein ist, verliert Ende 2021 der SV Stadtwerke München sein Vereinsgelände. Womöglich werden die Abteilungen dann in alle Winde verstreut

Von Hubert Grundner, Ramersdorf/Fasangarten

"Unser Traum wäre, dass man die Anlage zumindest in kleinerem Umfang erhält. Und darum wollen wir kämpfen, solange bis wir wirklich den Schlüssel abgeben müssen." Birgit Knoblach lässt keinen Zweifel daran, dass sie alles versuchen will, um dem Sportverein Stadtwerke München (SV SWM) das Überleben zu sichern. Denn um nichts weniger als das geht es: Die Stadtwerke wollen den Tram-Betriebshof an der Ständlerstraße ausbauen und benötigen dafür das gesamte Areal südlich davon bis hin zur Lauensteinstraße. Wohin sollen dann aber die knapp 1400 Mitglieder aller Altersstufen ausweichen, und wird es den SV SWM dann als solchen überhaupt noch geben?

Mit diesen drängenden Fragen muss sich Knoblach, die im Juli zur Nachfolgerin von Vereinspräsident Jürgen Öllinger gewählt wurde, herumschlagen. Zusammen mit ihrem Stellvertreter Walter Merk und Geschäftsführerin Tanja Wanka sucht sie nach einem Weg aus der Misere. Dabei kommt erschwerend Corona hinzu: Eine Mitgliederversammlung zu dem Thema musste Ende Oktober abgesagt werden, bedauert die 50-Jährige, die als freiberufliche Organisationsberaterin arbeitet.

Schmerzhafter Ausblick: Dem Ausbau des Tram-Betriebshofs werden die Dreifachturnhalle und die Sportplätze aller Voraussicht nach zum Opfer fallen.

(Foto: Gino Dambrowski)

"Wir hoffen natürlich, dass wir zusammenbleiben können und unsere Anlagen hier behalten", sagt sie zwar, fügt aber umgehend hinzu: "Uns wird von allen Seiten signalisiert, dass die Stadtwerke die gesamte Fläche brauchen beziehungsweise die Halle loswerden wollen."

Umso lieber wüssten die Vereinsverantwortlichen, was die Pläne zur Erweiterung der Trambahn-Werkstätten im Detail vorsehen. Und umso mehr bedauern sie, dass sie als Pächter des Sportgeländes keinen Anspruch auf Einsicht haben. Denn mit der Pandemie ließe sich paradoxerweise auch eine kleine Hoffnung verknüpfen. Dann nämlich, wenn coronabedingt der aktuelle Zeitplan der SWM hinfällig würde und sich die Ausbauschritte für den Tram-Betriebshof verzögern würden. Dadurch gewönne der Verein vielleicht, so Knoblach, mehr Zeit, um seinen "Auszug" zumindest halbwegs annehmbar zu gestalten. Der ist für Ende 2021 terminiert - "davon gehen wir aus" -, und bis dahin glaubt die Präsidentin nicht, dass für die verschiedenen Abteilungen passende Lösungen gefunden werden können. Dafür herrsche in München momentan schlicht ein zu großer Mangel speziell an Hallenkapazitäten. Weshalb Knoblach auch moniert, dass die Stadtwerke mit dem Abriss der Dreifachturnhalle geradezu einen "Frevel" begehen würden. Zumal diese nicht nur von den eigenen Aktiven genutzt werde, sondern täglich bis 14, 15 Uhr durch Schülerinnen und Schüler ausgelastet sei. Und eine vergleichbare Halle, die das auffangen könnte, sei in der Umgebung praktisch nicht zu finden.

Gerade aber die Kinder und Jugendlichen aus den mitgliederstärksten Abteilungen Fußball und Judo kommen fast alle aus der direkten Nachbarschaft, gibt Knoblach zu bedenken. "Beim Referat für Bildung und Sport hat man verstanden, dass es für uns wichtig ist, hier bleiben zu können." Schließlich sei ein Verein "mehr als nur ,Kicken und dann Gehen' - ein Verein ist mehr als Sport". Nachbarschaft und Integration würden gelebt, wichtige soziale Kontakte und Freundschaften geknüpft. Ohne das zentrale Vereinsheim aber, es ist Teil der Turnhalle, falle all das auseinander, befürchten die SV-Verantwortlichen.

Nicht zu beneiden: Präsidentin Birgit Knoblach (re.) und Schatzmeisterin Tanja Wanka kämpfen um den Fortbestand des SV Stadtwerke.

(Foto: Gino Dambrowski)

Und mit dem drohenden Ende des Sportklubs fühlen sie sich momentan ziemlich alleine gelassen. Sie hegen jedenfalls den Verdacht, dass die Stadtwerke den 1926 gegründeten Straßenbahnsportverein, wie er ursprünglich hieß, nicht mehr als "ihren" Verein sehen. Oder wie Birgit Knoblach sagt: "Die Stadtwerke betrachten den Verein nicht mehr als Teil ihrer Unternehmensstrategie." In dieses Bild fügt sich für sie auch, dass das Referat für Arbeit und Wirtschaft, mit Clemens Baumgärtner (CSU) an der Spitze, "offenbar überhaupt kein Verständnis für das Thema Sport hat". Knoblachs Eindruck ist, dass das RAW die Sporthalle an der Lauensteinstraße auch wegen der Betriebskosten loswerden wolle. Dabei sei das Gebäude noch in einem guten Zustand.

Die bisher vom Referat für Bildung und Sport (RBS) ausgearbeiteten Vorschläge zu einem Auszug des SV sind jedenfalls nicht dazu angetan, Knoblach und die anderen Vereinsmitglieder zu beruhigen: So sieht dieses Konzept im Wesentlichen vor, die mitgliederstarke Fußballabteilung möglichst in benachbarten Bezirks- oder Vereinssportanlagen unterzubringen. Der Hallensport wiederum würde demnach einerseits an die Emmy-Noether-Straße verlagert, um so wieder attraktiver für SWM-Mitarbeiter zu werden. Andererseits erwartet das RBS, dass sich durch den Neubau von zwei übereinanderliegenden Einfachhallen Nutzungsmöglichkeiten am Beruflichen Schulzentrum Balanstraße ergeben. Von 2022 an seien auch ergänzende Anmietungen von Hallen-Kapazitäten in der Siedlung am Perlacher Forst denkbar. Aus Sicht des SV-SWM-Präsidiums ist das keine Lösung: Diese Vorschläge würden praktisch das Ende des Vereins bedeuten, heißt es von deren Seite. Dabei wird durchaus anerkannt, dass ein Ausbau des Tram-Betriebshofs, um den ÖPNV weiterzuentwickeln, notwendig ist. Bei der Suche nach einer auch für den Verein guten Lösung vermisst Knoblach aber "die Bereitschaft miteinander kreative Wege zu gehen".

Den Nöten der Sportler scheinen indessen die Nöte der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) in nichts nachzustehen. So erklärt Sprecher Matthias Korte, dass die MVG 2022 mit Vorarbeiten für den neuen Betriebshofs beginnen müsse. Daher stehe das Sportgelände dem Verein nur noch bis Ende 2021 zur Verfügung. "Wir benötigen den Betriebshof dringend, um unsere wachsende Zugflotte abstellen, warten und reparieren zu können." Die vorhandenen Standorte platzten schon heute aus allen Nähten. Der Flächenmangel drohe den weiteren Ausbau des ÖPNV auszubremsen. Für einen Verbleib des SV Stadtwerke an der Lauensteinstraße sieht Korte offenbar keine Möglichkeit und betont: "Wir sind auf jeden Quadratmeter angewiesen."

© SZ vom 03.12.2020
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