Radverkehr Was die Daten der Radlzählstellen über die Münchner verraten

Fahrradfahrer auf dem Radweg in der Lindwurmstraße

(Foto: Stephan Rumpf)

Vor zehn Jahren hat die Stadt die erste Zählstelle für Radfahrer eingerichtet, inzwischen wird an sechs Standorten gemessen. Die spannendsten Erkenntnisse in sechs Grafiken.

Von Birgit Kruse, Benedict Witzenberger und Moritz Zajonz

Seit April 2017 wissen Radler auf dem Isar-Radweg am Deutschen Museum genau, wie viele Fahrräder den Ort vor ihnen schon passiert haben. Denn seitdem gibt es an der dortigen Raddauerzählstelle eine Digitalanzeige mit den Tages- und Jahreswerten der vorbeifahrenden Zweiräder. Andere Zählstellen für Radfahrer existieren indes schon länger, die ersten beiden wurden im Sommer 2008 installiert. Vier weitere folgten.

An den Zählstellen sind Sensoren im Boden eingelassen. Sobald ein Rad darüberfährt, wird es registriert. Ziel der Messungen ist es, die Verteilung der Radfahrer auf Hauptverkehrsachsen und Nebenwegen abzubilden - und so die Entwicklung des Radverkehrs in München zählbar zu machen. Trotzdem weist die Stadt darauf hin, dass sie nur einen Auszug der Radentwicklung in München geben können und keinen Gesamtüberblick. Die dauerhaften Radzählstellen sollen vor allem helfen, die Zahlen der Radler besser einschätzen zu können. Üblich sind normalerweise nur Kurzzeitzählungen von zweimal vier Stunden. Die Daten der Dauerzählstellen liefern einen kontinuierlichen Datenstrom, ohne dass das Wetter oder andere Aspekte die Zählung stark beeinflussen können.

Seit diesem Jahr steht ein Teil der Daten auf dem sogenannten Open-Data-Portal der Stadt für jeden einsehbar zur Verfügung. Die Zeitreihe beginnt im Januar 2017. Die Süddeutsche Zeitung hat von der Stadt jedoch die Daten von 2008 zur Auswertung erhalten. Insgesamt handelt es sich um 1,9 Millionen Datenzeilen, die seit Beginn der Messungen im Viertelstundentakt von den Zählstellen übermittelt worden sind. Ein Überblick:

Es ist knapp zehn Jahre her, seit die Stadt im Sommer 2008 die beiden ersten Zählstellen für Fahrradfahrer installiert hat. Sensoren im Boden zählen die Radler, die die entsprechende Stelle passieren. Mehr als 27 Millionen Mal sind die Sensoren seither überfahren worden. Die ersten beiden Zählstellen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine befindet sich am Ludwig-Hörwick-Weg in Berg am Laim, einem kleinen Fuß- und Radweg, der durch eine Grünanlage führt. Die andere liegt an der viel befahrenen Arnulfstraße. 2009 folgten die Zählstellen am Hirschgarten und im Olympiapark, zwei Jahre später kamen die Margaretenstraße in Sendling und die Erhardtstraße am Deutschen Museum hinzu.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Zählstellen in der Stadt sind groß - vor allem, wenn man sich die täglichen Durchschnittswerte an den einzelnen Standorten seit deren Errichtung ansieht. Im Joseph-Hörwick-Weg waren es im Schnitt täglich lediglich 288 Radler, an der Erhardtstraße beim Deutschen Museum indes 3298, das sind mehr als elfmal so viele Radfahrer. An der Arnulfstraße wurden täglich im Schnitt 1053 Radler gemessen. Damit belegt die Zählstelle, die an einer der Hauptverkehrsstraßen der Stadt liegt, bei den Radfahrern nur den drittletzten Platz. Etwas frequentierter ist die Route durch den Olympiapark, die es Radlern immerhin ermöglicht, fernab des Autoverkehrs unterwegs zu sein.

Die Münchner Radler sind Pendler. Denn legt man die Daten aller Zählstellen für den Zeitraum von einem Tag übereinander, ergibt sich ein eindeutigen Bild: Im Schnitt fahren die meisten Radler in den Morgenstunden oder am frühen Abend, also genau zu den täglichen Hauptverkehrszeiten. Der erste Höhepunkt wird morgens gegen 7.45 Uhr in der Margaretenstraße in Sendling gemessen. Im Schnitt überqueren hier 60 Radler pro Viertelstunde die Zählstelle. Die meisten Radler sind jedoch am Deutschen Museum unterwegs. Gegen 9 Uhr lässt der Radverkehr an allen Zählstellen wieder deutlich nach. Erst am Abend gegen 19 Uhr erreicht er dann seinen zweiten Höhepunkt.

Wie stark das Wetter den Radverkehr in der Stadt beeinflusst, lässt sich daran ablesen, wie sehr sich die Anzahl der Radfahrer bei warmen und bei kalten Temperaturen voneinander unterscheidet. Besonders deutlich wird der Unterschied an der Zählstelle in der Erhardtstraße. Hier überqueren täglich die meisten Radfahrer die Sensoren, vor allem am Morgen und am Abend werden Spitzenwerte erreicht. Im Schnitt kommen hier in der Früh pro Viertelstunde etwa 80 Radler vorbei. Am Morgen des 9. August, dem heißesten Tag des vergangenen Sommers, waren es etwa 250, mehr als dreimal so viele. Am kältesten Tag, dem 28. Februar, kamen zu gleichen Uhrzeit indes nur 26 Radfahrer an der Zählstelle vorbei.

Wie sehr neue Wohnquartiere sich auf den Verkehr in der näheren Umgebung auswirken, kann man besonders gut an den Daten der Zählstelle am Birketweg sehen. Denn hier, am Ende des Hirschgartens, ist in den vergangenen Jahren auf etwa 60 Hektar Fläche ein neues Wohnquartier entstanden. Einst wurde die Brachfläche nahe der S-Bahn-Gleise von der Post und der Bahn genutzt. Inzwischen sind hier Wohnungen für fast 5000 Menschen entstanden sowie etwa 5800 Arbeitsplätze - mit Folgen für den Radverkehr. Im Jahr 2010 wurden im Schnitt noch 228 Radler am Tag gezählt. Zwei Jahre später hatte sich der Wert auf 467 mehr als verdoppelt. Und in diesem Jahr zählte der Sensor bereits im Schnitt 1212 Radler.

Über das gesamte Stadtgebiet verteilt gibt es inzwischen sechs Zählstellen für Radfahrer. Sie befinden sich an Hauptverkehrsstraßen ebenso wie in kleinen Wohngebieten. Die Standorte sind bewusst so unterschiedlich gewählt. Denn der Stadt geht es darum, den Radverkehr so gut wie möglich abzubilden, und nicht um möglichst hohe Messergebnisse. Wie extrem die Unterschiede zwischen den einzelnen Standorten sein können, zeigt der Vergleich zwischen der am meisten frequentierten Zählstelle in der Erhardtstraße und der mit den wenigsten Zählungen im Joseph-Hörwick-Weg. Während am Deutschen Museum im Schnitt 3300 Radler am Tag vorbeifahren, sind es im Joseph-Hörwick-Weg lediglich 288.

Eigentlich geht es bei den Zählstellen ja darum, verwertbare Daten über den Radverkehr in der Stadt zu gewinnen. Es kann aber auch vorkommen, dass die Zählstellen zu einer Art Archiv werden - wie es etwa an dem Standort im Olympiapark geschehen ist. Die Zählstelle gehört nicht gerade zu den am meisten frequentierten; etwas mehr als 1300 Radler kommen im Schnitt am Tag vorbei. Nur an drei Tagen näherten sich die Werte der 15 000-Radler-Marke in den Jahren 2010 (hier sind es zwei Ereignisse kurz hintereinander) und 2012. Damals fanden im Olympiapark 24-Stunden-Rennen für Mountainbiker statt.

SZ-Grafiken: Sarah Unterhitzenberger; Quelle: Stadt München, Stand August 2018

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