Zwischen Welten:Jetzt helfen oder noch warten

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Zwischen Welten: Emiliia Dieniezhna

Emiliia Dieniezhna

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

Ursprünglich ging es um kulturellen Austausch und Feiern. Unsere Kolumnistin macht sich Gedanken darüber, wie sich die kommunalen Partnerschaften zwischen deutschen und ukrainischen Städten und Gemeinden durch den Krieg verändert haben.

Von Emiliia Dieniezhna

Während die russische Armee ukrainische Infrastrukturziele bombardiert, wird diskutiert, ob es sich lohnt, gleichzeitig mit dem Wiederaufbau der zerstörten ukrainischen Städte und Dörfer zu beginnen, oder ob man lieber noch warten sollte. Diese Frage war auch Thema auf der fünften deutsch-ukrainischen kommunalen Partnerschaftskonferenz, die kürzlich in Augsburg stattgefunden hat. Das Teilnehmerfeld war in diesem Jahr so groß wie nie zuvor. Während es bei der letzten Konferenz noch 72 Partnerschaften zwischen deutschen und ukrainischen Kommunen gegeben hat, sind sie auf 107 angewachsen, seitdem der Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat.

Die Stimmung war gedrückt, denn an diesem Tag wurde Mykolajiw im Süden der Ukraine besonders heftig bombardiert. Nach wie vor müssen Menschen aus diesen Orten fliehen, um ihr Leben zu retten. Es gibt Städte in der Ukraine, die sicherer scheinen und die im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl bis zu 90 Prozent Geflüchtete aufgenommen haben. Zum Vergleich: Pullach, wo ich jetzt wohne, hat in Relation zur Bevölkerung nur 1,5 Prozent Geflüchtete aufgenommen und ist damit an der Grenze der Belastbarkeit angekommen, nicht zuletzt natürlich, weil es keinen freien Wohnraum gibt. Was die hohe Flüchtlingszahl für die ukrainischen Kommunen bedeutet, kann man sich vorstellen. Da geht es um Wohnraum, Kinderbetreuung, medizinische Hilfe und die Versorgung mit Trinkwasser.

Große Sorgen bereiten den Menschen die kaputten Häuser, deren Fenster und Türen durch die Bombenangriffe herausgesprengt wurden. Meistens ist ein einfaches Auswechseln nicht möglich, weil auch das Mauerwerk beschädigt ist. Oft werden die Löcher einfach mit Holz zugenagelt. In den Innenräumen ist es dadurch zwar stockdunkel, aber es wird auch nicht ganz so kalt. Manches Problem ist aber auch einzigartig. In Mykolajiw etwa muss in einem komplizierten Verfahren das Trinkwasser entsalzt werden, weil die Leitungen zum Süßwasserfluss zerstört worden sind.

Wo und wie Hilfe beim Wiederaufbau nötig ist, entscheiden die Partnergemeinden ganz individuell. Die Partnerstadt von Pullach ist Baryschiwka in der Nähe von Kiew. Pullach liefert Krankenwagen und Medikamente, und gemeinsam wird bereits geplant, wie die Infrastruktur wieder in Gang gesetzt werden kann. Das hat mir der Projektleiter des hiesigen Partnerschaftsverein erklärt. Schon seit 30 Jahren besteht diese Partnerschaft. Seitdem wurden viele tolle Projekte realisiert. Auf dem Dach eines Altenheims wurde eine Solaranlage installiert und in der Stadt Photovoltaikanlagen aufgebaut. Weil Kraftwerke zerstört wurden, gibt es in Baryschiwka nur zwei Stunden täglich Strom. Aber dank der Photovoltaikanlagen, die die Pumpen für das Trinkwasser antreiben, haben die Menschen wenigstens durchgehend frisches Wasser.

Längst planen die Pullacher weitere Projekte, die Baryschiwka unabhängiger machen sollen. Langfristig soll Atomstrom durch Photovoltaik in den kommunalen Gebäuden wie Schule und Kindergarten ersetzt werden. Die Kosten dafür teilen sich die Partnergemeinden mit der deutschen Regierung.

Die Unterstützung aus Pullach ist wirklich beachtlich. Ich bin aber auch allen anderen Kommunen dankbar, die ihren ukrainischen Partnerstädten ungeachtet der fortdauernden Kriegshandlungen schon jetzt helfen. Das gibt mir und meinen Landsleuten die Hoffnung, dass der Alltag in die Ukraine zurückkehren kann.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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