Pop:Flüchtig melancholisch

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Der Englische Garten

Klingt nach draußen, ist hier aber drinnen: Der Englische Garten.

(Foto: Nader Safari)

Die Band "Der Englische Garten" veröffentlicht nach Jahren ein Album

Von Jürgen Moises

"Gestern war der Tag, als die Welt brannte, heute legt sich langsam der Rauch, Morgen ist nicht mehr auf der Landkarte, wird Zeit, dass du dir 'ne neue kaufst." So heißt es im Lied "Neue Landkarte", das auf dem neuen Album "Bei Tag und Nacht" der Münchner Band Der Englische Garten zu finden ist. Begleitet werden diese Zeilen von einer melancholischen Bläsermelodie, und Melancholie oder Nostalgie, das steckt da natürlich auch klar drin. Aber das (noch) nicht sichtbare Morgen deutet auch an: Da geht noch was. Die Zukunft, die ist offen. Die Ambivalenz zwischen Verlust und neuen Möglichkeiten, die bringt die siebenköpfige Band sehr einnehmend zum Ausdruck. Was "Neue Landkarte" zu einem der schönsten Songs auf "Bei Tag und Nacht" macht, das die Band an diesem Donnerstag in der Roten Sonne vorstellt.

Den Sinn für das Flüchtige, Ambivalente, den haben sich die Bandgründer Axel Koch (Gesang, Gitarre) und Bernd Hartwich (Bass) in den Filmen von Werner Enke und May Spils abgeschaut. Koch wohnte früher angeblich genau über der Straßenecke, an welcher "Zur Sache, Schätzchen" beginnt. Sie haben ihn aber auch aus unzähligen Platten aufgesaugt, und der Legende nach haben sich Koch und Hartwich Mitte der Nullerjahre im Münchner Plattenladen Best Records kennengelernt. Hartwich hatte kurz zuvor noch bei den Merricks gespielt, Koch stand noch bei der Band C.L.A.R.K. am Mikro. Der Englische Garten, zu dessen Besetzung unter anderem auch drei Bläser gehören, hat Geschichte und zwischen 2008 und 2013 außerdem schon zwei Alben herausgebracht. Danach war sieben Jahre lang Funkstille.

Jetzt also "Bei Tag und Nacht", auf dem Der Englische Garten seine Musik zumindest kalendarisch ins nächste Jahrzehnt führt. Denn musikalisch-faktisch ist die lässige, immer wieder leicht ins Melancholische rutschende Mischung aus Northern Soul, Ska und Pop im Grunde noch die gleiche. Die Musiker selbst nennen Bands wie The Rhythm Method oder Madness als Blaupause. Dass das Album beim Hamburger Label Tapete Records, der Heimat von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen oder Family 5, erscheint, darf man ebenfalls als stilistischen Wink sehen. Textlich geht es um Probleme des Verstandes, um Elefanten aufgeblasene Beziehungsprobleme oder, im Kontrast dazu, das leichte Leben auf der Straße im Sommer in München im Jahr 1970. Werner Enke lässt also wieder grüßen. Neben "Neue Landkarte" ist das ebenfalls eher melancholische "Gespenster" ein gefühlter Höhepunkt, "Prioritäten" wegen seines Altherrenwitzes ein unnötiger Tiefpunkt. Ansonsten ist "Bei Tag und Nacht", wie es sich für ein Album von Schallplatten-Nerds gehört, eine recht runde Sache und Fans von Northern Soul klar zu empfehlen.

Der Englische Garten: Bei Tag und Nacht (Tapete Records), live am Do., 12. März, 20 Uhr, Rote Sonne, Maximiliansplatz 5

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