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Pop:Ein neues Gefühl für gestern

Das "Moka Efti Orchestra" wurde bekannt durch die Serie "Babylon Berlin". Ihr Debüt-Album aber zeigt, dass ihr Potenzial weit über die Zwanzigerjahre hinausreicht

Von Michael Zirnstein

Moka Efti Orchestra

Ohne Dresscode: Auf Tour kleiden sich die Sängerin Severija Janusauskaite sowie die Moka Efti Orchestra-Chefs Nikko Weidemann, Mario Kamien und Sebastian Borkowski (von links) leger.

(Foto: Joachim Gern)

Das Moka Efti Orchestra ist, obwohl durchs Fernsehen berühmt, keine reine Showband. Das zeigt sich nicht nur an seiner Absage des Auftritts beim Semperopernball, sondern auch daran, wie die drei Produzenten-Musiker Sebastian Borkowski, Mario Kamien und Nikko Weidemann sowie ihre bekannteste Sängerin Severija Janusauskaite abgesagt haben. Gemeinsam mit dem MDR-Sinfonieorchester hätten sie das durch die Fernsehserie "Babylon Berlin" berühmte Stück "Zu Asche, zu Staub" darbieten sollen. Sie schrieben in einem offenen Brief, dass ihr Song den "Tanz auf dem Vulkan" am Ende der Zwanzigerjahre thematisiere, den Untergang der Weimarer Republik und das Heraufziehen des Totalitarismus. "Wir sehen uns klar in der Verantwortung für Erhalt und Förderung von Menschenrechten und Demokratie." Und das passte für die Musiker nicht damit zusammen, dass der Semperopernball-Verein dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi den Georgs-Orden verliehen hatte. Man wolle sich nicht einspannen lassen "für die Rehabilitierung eines Autokraten", der Meinungs- und Versammlungsfreiheit einschränke. Dabei blieben sie auch, als der Orden auf Druck anderer geladener Künstler wie Peter Maffay wieder eingezogen wurde. "Wir sind Geradeaus-Menschen, das Hin- und Herschwenken würde nicht zu uns passen", sagt Sebastian Borkowski, der musikalische Direktor der Combo im Namen aller.

Bisweilen wird gerade versucht, die Zwanzigerjahre zu vergolden, sie auf verruchte Partys, Revuen oder Charleston-Tanzkurse zu reduzieren. "Babylon Berlin" mag der Auslöser dafür sein, taugt aber nicht als Vorbild. Das Regieteam um Tom Tykwer tauchte eben nicht alles in Nostalgie und Glamour, sondern nutzte diese heiße wie heikle Zeit als Rückspiegel für das Heute. Darin zu erkennen: der aufkommende Stammesstolz, die Zerklüftung der politischen Landschaft, die Feierfreude am Abgrund. Um historische Genauigkeit ging es da nie. Und eben auch nicht bei der Serienmusik, für die von Anfang an Borkowski als Arrangeur und Kamien und Weidemann als Komponisten dazu geholt wurden. Borkowski (Saxofonist bei Jazzanova, Meute oder auf der Bühne und im Studio für Kettcar, Jan Delay, Kurtis Blow) suchte noch Musiker vor allem aus dem Hamburger Profi-Umfeld dazu. So entstand das Orchester für das Moka Efti, im Original ein Tanz-, Gastro- und Einkaufs-Großbetrieb (25000 Kaffeetassen täglich) in Berlin, in der Serie eher eine Art früherer Berghain-Club.

"Babylon Berlin" wäre anders ohne die Kapelle. Denn die komponierte nicht einfach auf den fertigen Schnitt, sie lieferte schon fertige Songs zu Themen wie "düsterer Tango im Kaffeehaus" ab, noch bevor gedreht wurde. Und ihr "Zu Asche, zu Staub" wurde nicht nur zum größten Hit und zur besten Reklame der Serie, er prägte auch das Gefühl der Darsteller. Die übten zwei Wochen lang eine Massen-Choreografie dazu, setzten sich inhaltlich damit auseinander, identifizierten sich damit. "Es gab da einen emotionalen Moment", erinnert sich Borkowski, "nach dem zwölfstündigen Drehtag haben dann 250 Schauspieler, Tänzer und Statisten den Song mit uns und Severija gesungen, es war eine spezielle Energie im Raum." Die spürt auch, wer das acht Millionen Mal auf Youtube geklickten Video ansieht, das viele erst zur Serien-Sehern gemacht hat. Das Moka Efti Orchestra selbst ist auf der Bühne zu sehen, wie auch in einigen anderen Szenen mit Tim Fischer und Bryan Ferry. Die Regisseure wollten echte Musiker zeigen, keine Statisten.

Auf seinem Debütalbum "Erstausgabe" nimmt sich das Moka Efti Orchestra noch mehr Freiheiten als im Fernsehen. Natürlich sind die Serienhits eins zu eins zu hören, dazu einige Titel, die dem Schnitt zum Opfer fielen, zum Beispiel das berlinernde "Lange Beene". Alles folgt der Regie-Anweisung, "swingen muss es", aber schon da ist die Bandbreite groß von Swing über Ragtime zu Hot-Jazz und Blues bis zur aufgebauschten Hommage an den in München beerdigten Filmmusikkönig Friedrich Hollaender.

Aber gerade mit den erst für die Platte geschriebenen Stücken, demonstriert die 14-köpfige Truppe ihre zeitgemäße Offenheit: Roland Satterwhites "Crocodile Blues" ist ein minimalistischer Gänsehautstreichler á la James Blake; die Flöten, Geigen und das Posaunensolo bei "Rainbow" mögen manche an Easy Listening von Burt Barcharach denken lassen, Arrangeur Borkowski hatte beim Piano-Riff auch Ray Charles im Sinn; und "Süße Lügen" wird durch die Nuschelei von Höchste Eisenbahn-Sänger Moritz Krämer zum echten Deutsch-Szene-Hit.

Bei den Konzerten werden sich dennoch wieder viele Fans aus der Klamottenkiste kostümieren. Die Band selbst ist da nicht so streng wie etwa das Vintage-Show-Orchester von Andrej Hermlin. Unangepasst, im besten Sinne, traten sie 2019 beim ersten Tourtestlauf im Mojo Club auf der Reeperbahn ebenso auf wie im Berliner Ballhaus und der Münchner Philharmonie, auf dem Indie-Festival "Skandaløs" wie in der Oper in Kassel. "Hat prima funktioniert", sagt Borkowski, jetzt ist sein Orchestra eine richtige Band. "Im Grunde genügt unsere Musik sich selbst, auch ohne Bilder."

Moka Efti Orchestra mit Severija, Mi., 11. März, 20 Uhr, Muffathalle

© SZ vom 11.03.2020

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