Pop:Einsam vor dem Mikrofon

Pop: Philip Bradatsch rückt auf seinem neuen Album den Hörerinnen und Hörern ganz nahe.

Philip Bradatsch rückt auf seinem neuen Album den Hörerinnen und Hörern ganz nahe.

(Foto: Enid Valu)

Der Münchner Musiker Philip Bradatsch ist nach Hamburg gefahren, um in einer Nacht ein Album aufzunehmen. Ein Experiment ohne Sicherheitsnetz.

Von Christian Jooß-Bernau

Es ist das Ergebnis einer Nacht. Aufgenommen von neun Uhr abends bis zum Morgengrauen. Neun Songs hat der Münchner Popdichter Philip Bradatsch vor den Mikrofonen des Produzenten und Studiobetreibers Dennis Rux in Hamburg mit akustischer Gitarre eingespielt und gesungen. Material, was so rumlag und nicht zu seiner Band den Cola Rum Boys passen wollte. Am Vorabend waren den beiden aus lauter Wiedersehensfreude ein paar Kneipen dazwischengekommen und dann saßen sie da am nächsten Abend und pegelten die Mikrofone ein, den leichten Nebel noch im Kopf.

Und Bradatsch rückt seinen Hörerinnen und Hören noch ein Stückchen weiter ans Ohr. Die Fingernägel der rechten Hand treffen die Stahlseiten. Ein Atmen. Los geht's. "Wie man das anstellt, dass man sich auflöst, wie eine Tablette in sprudelndem Wasser. In der Welt einfach zergehen ...", eine Stimme wie Aspirin, leise prickelnd gegen das dumpfe Pochen des Lebens. Dann setzt eine Orgel ein, die Bradatsch später darauf getupft hat. Ein gestrichener Kontrabass wird flankiert von Perkussion. Und in den finsteren Himmel steigt Laila Mahmouds Kanun, eine orientalische Zither, die ein wenig klingt wie ein gezupftes Hackbrett und auch so ähnlich aussieht. Töne, die sich lang hallend im Raum auflösen.

Im Nachhinein wurden Philip Bradatschs Aufnahmen mit Overdubs dezent erweitert, ohne der Versuchung nachzugeben, sie zu überformen und ein Sicherheitsnetz zu spannen unter diesem Seiltänzer über den Abgrund der Nacht: "Ich liege wach neben meinem Friedhof für Glühbirnen / Ich will doch bloß nicht auf dem Wühltisch sterben", singt er in "Keiner weiß wie ich mich wirklich fühle". Die Angst war ein verlässlicher Begleiter in diesen vergangenen Jahren, als auch Bradatsch dachte, mit seinen Liedern nun abzustürzen.

Ein einsamer Song wie "Verlass dich nicht auf mich" schafft es mit all seiner schlichten melodiösen Schönheit aus vergangenen Liedermachertagen unsere in Zeitlupe auseinanderfallende Welt für zwei Minuten noch einmal zusammenzusetzen. Vom 80. Stockwerk singt Bradatsch später. In einem "Haus, das es nicht gibt", "in der Stadt, die es nicht gibt". Hier wird ein Mädchen stehen, die auf den Mann wartet. Und blickt man nicht auf die Liner-Notes des beim Münchner Label Trikont erschienenen, selbstbetitelten Albums, überhört man, dass dieses der Erdenschwere entkoppelte Wortton-Gebilde gar nicht von Bradatsch ist, sondern im Original von Hildegard Knef. Ein psychedelischer Traum, veröffentlicht ursprünglich 1970. Hier mit seufzendem Backgroundchor und Saxophon veredelt, dass man sich Eierlikör trinkend im Egg Chair wähnt.

Aber auch gestern war es nie so herrlich wie man heute fantasiert: "Carson McCullers" hat Bradatsch eine Nummer genannt. Im Türrahmen lehnt eine traurige Orgel: "Auf allen Vieren auf dem Küchenboden. Gestern Nacht wieder viel zu hoch geflogen. An manchen Tagen entgleitet einem alles." Carson McCullers: Eine, die mit ihren Sätzen in die Haut der amerikanischen Südstaaten schnitt und nach deren Büchern nichts mehr so ist, wie es mal zu sein schien. Eine, deren Körper sich auflöste, während sie die Gesellschaft um sich herum auflöste. In Bradatschs Song ist der Name Bezugspunkt für ein Gefühl. Ganz am Ende hört man einen letzten Atemzug dem Saxophon entweichen.

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