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Perlach:Diese Mauer will nur den Lärm ausgrenzen

  • In Perlach trennt seit Kurzem eine Mauer eine Flüchtlingsunterkunft von Wohnsiedlungen.
  • Die Bürger wehren sich gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit. Sie sagen, die Mauer sei eine reine Lärmschutzmaßnahme.
  • Die Stadtratsfraktion der Grünen und der Rosa Liste haben einen Antrag eingereicht, die Mauer wieder zu entfernen.

Der Wind bläst eiskalt an diesem Montagmittag in Perlach, und eiskalt müssen nach der übereinstimmenden Meinung vieler auch die Herzen der Menschen sein, die hier wohnen. Ihretwegen steht sie jetzt schließlich da, wo sie steht, und sieht so aus wie sie aussieht. Die Mauer: vier Meter hoch, etwa 50 Meter lang, ein beeindruckendes Bauwerk, das eine Wohnsiedlung von einer noch nicht bezogenen Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge trennt.

Kamerateams sind gekommen, Sat 1, RTL, ein österreichischer Sender, Mikrofone werden unter Nasen gehalten: Der Medienrummel reißt am Montag nicht ab. Eine Drohne hat die Diskussion ins Rollen gebracht, genauer gesagt die Luftbilder von der Mauer, die der Lokalpolitiker Guido Bucholtz veröffentlicht hat. Jetzt, am Montagmittag, fliegt wieder eine Drohne über der Mauer, und sie ist der Grund dafür, dass der Mann mit dem dunklen Mantel mal kurz etwas unwirsch wird. Er heißt Thomas Kauer, ist der Vorsitzende des Bezirksausschusses Ramersdorf-Perlach, und er wolle erst weiterreden, wenn das Gerät heruntergenommen werde, sagt er zu den Fernsehjournalisten. Dann fährt er fort, Schadensbegrenzung zu betreiben und seine Botschaften in die Fernsehkameras zu sprechen. Botschaft Nummer eins: Die Mauer ist keine Mauer. "Die Mauer, wie Sie sie nennen", sagt der CSU-Mann Kauer in die Kamera, "ist eine Schallschutzmaßnahme. Es ist keine Mauer gegen Flüchtlinge". Botschaft Nummer zwei: "Ich wehre mich dagegen, dass ein ganzes Stadtviertel in Verruf gebracht wird."

Und er wundert sich: darüber, dass manche Leute überrascht sind, "dass eine Mauer, die vier Meter hoch sein sollte, jetzt vier Meter hoch ist". Der Kompromiss sei von allen Beteiligten "bei klarem Verstand" gefasst worden. Ob er dennoch nachvollziehen könne, dass die Mauer in der Öffentlichkeit als fatales Symbol wahrgenommen wird? "Wenn ich davor stehe", räumt er ein, "wirkt sie monumental".

Es handle sich aber ja noch um einen Rohbau. Nun sieht die Mauer natürlich schon ziemlich mauerig aus, da spielt es auch keine Rolle, ob man von links darauf guckt, von rechts oder von oben. "Furchtbar", findet Elfi Meyer. Ihr Mann Walter Meyer hat den örtlichen Helferkreis für Flüchtlinge mit aufgebaut, er ist ebenfalls alles andere als begeistert davon, wie das Bauwerk geworden ist, sieht die Sache aber letztlich pragmatisch: "Die Mauer ist da, jetzt müssen wir damit umgehen." Das Bild von Neuperlach, das nun in der Welt ist, sei jedenfalls völlig falsch. Der Stadtteil sei sehr multikulturell, und "ich kenne viele Leute, die Flüchtlingen gegenüber positiv oder neutral eingestellt sind." Es gebe im Viertel eine große Bereitschaft zu helfen; die Sache bekomme jedoch durch die Anwohner einen "negativen Schwung".

Einer dieser Anwohner ist Stephan Reich, Richter am Landgericht, 59 Jahre alt und einer der sieben Kläger, die vor Gericht gezogen waren, damit der Schallschutz realisiert wird. Seit 30 Jahren wohnt er in dem Viertel, sein Haus ist am nächsten dran an der Mauer, und er versteht die ganze Aufregung nicht. "Ich dachte, es sei ein Schlussstrich gesetzt, jetzt kocht das wieder hoch", sagt er. Dabei stellt sich die Sache für ihn eigentlich ganz eindeutig dar: "Jetzt mit der Mauer ist doch alles easy." Es gehe ihm nur um seine Ruhe am Abend und Wochenende. Klar sei das Bauwerk massiv, aber "naturgemäß wirkt jede Lärmschutzmaßnahme so", und die Mauer solle ja noch begrünt werden.

Mit der Mauer ganz zufrieden ist auch Marie Tauer. Die 78-Jährige ist vor 45 Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus Prag nach Deutschland gekommen, seit 30 Jahren lebt sie in dem Haus am Brunnthaler Weg. Durchs Wohnzimmer führt sie in den kleinen Garten hinter ihrem Haus: Obstbäume, ein kleiner Schuppen. Die Flüchtlingsunterkunft, in die eines Tages 160 unbegleitete Minderjährige einziehen sollen, scheint von hier aus weit weg. Noch tragen die Bäume in Marie Tauers Garten Blätter, noch ist nichts zu sehen hinter dem Dickicht. Hinter dem Schuppen liegt ein zwei Meter breiter Weg, dann kommt die Mauer, dann eine große Freifläche, auf der die Jugendlichen einmal Fußball spielen können werden; erst dann die geplante Unterkunft mit ihren hübschen türkisen Fensterläden. Vor einer Wertminderung ihres Hauses habe sie keine Angst, sagt Marie Tauer, aber eben schon Sorge, dass es sehr laut werden könnte, wenn die Jugendlichen draußen toben. Dass Flüchtlinge kommen, dagegen habe sie nichts, "das sind Menschen wie wir, die einfach Pech gehabt haben". Dann schiebt sie hinterher: "Es ist nur blöd, dass es so nah ist."

Das Thema beschäftigt jetzt auch den Landtag

Aber selbst im fernen Maximilianeum geht es am Montag bereits um die Mauer von Perlach. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Markus Rinderspacher, bezeichnete sie am Montag als "Symbol der Abgrenzung und Abschottung". Integration könne nicht funktionieren, wenn man Flüchtlinge hinter hohen Mauern absperre. Der CSU-Abgeordnete Markus Blume antwortete auf Twitter auf den Vorwurf: "Es ist kein Symbol, sondern Ergebnis eines rechtsstaatlichen Verfahrens, um die Verfahrensfehler der Stadt zu heilen." Die Stadt indes verteidigt sich. Der Lärmschutz sei als Kompromiss ausgehandelt worden, sagt die Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) - damit die Unterkunft endlich gebaut werden konnte.

Die Mauer ist da, soll sie jetzt wieder weg? Die Stadtratsfraktion der Grünen und der Rosa Liste hat am Montag einen entsprechenden Antrag eingereicht. "Die Mauer geht in ihren Ausmaßen weit über das Ziel des Lärmschutzes hinaus", heißt es in der Begründung. "Sie wirkt wie ein Grenzwall, der die Flüchtlinge von den einheimischen Anwohnern trennen soll" und drohe, "den guten Ruf Münchens zu beschädigen. "Lärmschutz muss sich auf andere Weise gewährleisten lassen, dafür gibt es viele gelungene Beispiele."

Warum es eine Mauer sein musste, das fragt sich auch der Anwohner Ralf Noack. "Ein bissl übertrieben", sei das doch, und auch "traurig". In seiner Heimat hat man mit Mauern keine guten Erfahrungen gemacht. Vor 25 Jahren ist er nach München gekommen, aus Sachsen-Anhalt.