bedeckt München

Performance:Was für Aussichten

Das Türmer-Projekt auf dem Gasteig-Dach sollte ein Zeichen setzen für die Gemeinschaft der Stadt. 730 Bürger wollten dort einsam Wacht halten. Sogar das ist jetzt verboten - und verlagert

Von Susanne Hermanski

Das Kunstprojekt "Türmer München" ist groß angelegt: Eine Stunde zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang blickt einer von 730 "Türmern" auf seine Stadt und hält, wie es Türmerart ist, Wacht. Ganz allein für sich, ohne Smartphone in der Hand, ohne Uhr am Gelenk, ohne Ablenkung durch andere. Das Konzept stammt von der australischen Choreografin Joanne Leighton. Sie hat es in den vergangenen Jahren schon in mehreren anderen Städten Europas umgesetzt. Max Wagner, Chef des Gasteig, hat sie damit schon aufs Dach der Philharmonie eingeladen, als von Covid noch keine Rede war. Doch die Türmer-Idee erscheint in Tagen, in denen die Gemeinschaft auf so extreme Weise herausgefordert ist, von besonders poetischer, wenn nicht spiritueller Kraft.

Von der besonderen Härte, wenn nicht Absurdität der gesellschaftlichen Lage zeugt, dass der Türmer-Zyklus nun nicht wie geplant stattfinden darf. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist seit 9. Dezember nur noch aus triftigen Gründen erlaubt: Einkaufen, Sport, Bewegung an der frischen Luft - nicht aber einsame Solo-Performances in luftiger Höh, in der es gilt, für eine Stunde Abstand und den Überblick zugleich zu gewinnen, eine andere vielleicht höhere Perspektive einzunehmen. Im Fall des Gasteigdachs mit grandiosem Blick auf Isar und Altstadt, die Türme des Müllerschen Volksbads, des Rathauses, der Frauenkirche und die Alpen zu Füßen.

Stattdessen bezieht nun jeder der Türmer zum vereinbarten Zeitpunkt bei sich zuhause Stellung vor einem Fenster und lässt seine Umgebung auf sich wirken. Die Eindrücke aus dieser Stunde werden - wie geplant - in einem Blog gesammelt und nach Ende des Projekts veröffentlicht. "Wir machen das Beste aus der gegenwärtigen Situation", sagt Wagner. "Die Essenz des Projekts bleibt trotzdem erhalten", glaubt er. Ein Teil des Projekts geht bis Ende des Lockdowns auf alle Fälle trotzdem verloren. Denn Leighton positioniert den Türmer eigentlich so, dass auch er für die Bürger der Stadt weithin sichtbar ist. Dafür wurde auf dem Gasteig-Dach eigens ein "Shelter" genannter, hell illuminierbarer Unterstand geschaffen. Der steht nun bis auf weiteres verwaist.

Seit Samstag haben die ersten Teilnehmer ihren Home-Tower für je eine Stunde bezogen. Auf der Gasteig-Homepage finden sich ihre Berichte. Am Sonntagnachmittag war auch die Autorin dieser Zeilen an der Reihe. Sie hat das Hochhaus des Süddeutschen Verlags als Ort für ihren Türmer-Einsatz gewählt. Dort oben, im 26. Stock, gibt es eine Panorama-Lounge, die es beinah aufnehmen kann mit dem Ausblick vom Gasteig-Dach.

Was sie von dort oben gesehen hat? Eine erstarrte Stadt, Menschen auf dem Rückzug. Was sie bewegt hat? Die Sorge, was dieses Bleiben in den eigenen vier Wänden anrichten wird. Und so hätte sie gern laut gerufen: Münchner, stemmt Euch gegen ein neues Biedermeier! Und vergesst nicht, dass ein Lagerfeuer, das auf digitalen Schirmen brennt, niemals wärmen kann.

Türmer München bis 12.12.2021, Teilnahme kostenlos, Anmeldung wieder von 1.3.2021 an möglich, Informationen: www.tuermer-muenchen.de

© SZ vom 15.12.2020
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