Theater:Stürme im Inneren

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Theater: Lange Heimreise: Michele Cuciuffo als Travis (links) und Daron Yates als dessen Bruder Walt in "Paris Texas" im Zentraltheater.

Lange Heimreise: Michele Cuciuffo als Travis (links) und Daron Yates als dessen Bruder Walt in "Paris Texas" im Zentraltheater.

(Foto: Lea Mahler)

Josef Rödl adaptiert Wim Wenders Film "Paris, Texas" im Zentraltheater, mit einem grandiosen Michele Cuciuffo in der Hauptrolle.

Von Egbert Tholl, München

Wer, wenn nicht Michele Cuciuffo, könnte Travis spielen. Travis, diesen unendlich traurigen Mann, der in Wim Wenders Film "Paris, Texas" durch die Wüste stolpert, in der einsamsten Kneipe der Welt auftaucht, dort ein paar Eiswürfel isst und dann umfällt. Travis, dessen Geheimnis man erst ganz am Ende eines sehr langen Films erfährt, Travis, der im Film nach 25 Minuten das erste Wort sagt, "Paris".

Cuciuffo schweigt auf der Bühne des Zentraltheaters interessanter (und kürzer), als es Harry Dean Stanton im Film je tut. Er muss einfach nur da sein, mit seinem Körper und seinem Gesicht, in dem man hundert Geschichten ablesen, sich ausdenken könnte. Man muss gar nicht die Filmvorlage kennen, um sofort zu erahnen, dass dieser Mann einen Schmerz und eine unstillbare Sehnsucht in sich trägt, dass es in seinem Inneren gestürmt und getost haben muss, und dass dieser Sturm einer ganz großen Leere gewichen ist, die er zwar nie mehr füllen, mit der er sich aber abfinden wird. Was Michele Cuciuffo mit einer ganz großen menschlichen Wahrheit auch zeigt.

Am Zentraltheater setzen sie die Linie fort, ohne Scheu große Filmstoffe auf die kleine Bühne zu bringen. Josef Rödl hat dafür auch einen immer wieder auftauchenden Filmhintergrund geschaffen, hat mit Cuciuffo gedreht, zwar nicht in Texas, aber in einer ähnlich öden Kiesgrube. Das passt, nur das Käppi hat eine andere Farbe als im Original. Gleichwohl ist dem Stoff sein Alter anzumerken - der Film kam Anfang 1985 in die deutschen Kinos, und so viel Lonesome Cowboy-Attitüde, gepaart mit einem renovierungsbedürftigen Frauenbild irritiert heute ein wenig. Doch wenigstens gibt es bei Rödl viel weniger Ry-Cooder-Bottleneckgitarrenblues, und Daron Yates (Travis' Bruder Walt), Luisa Böse (Travis' Lebensliebe Jane), Lance Kalota (Travis' Sohn Hunter) und natürlich Cuciuffo machen die Liebesballade schön plastisch. Nur ein bisschen mehr Zeit könnte ihnen Rödl gönnen. Alles schnurrt perfekt ab, doch für Eile gäbe es hier keine Not (bis 27. September).

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