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Tommy Krappweis:Das Hörspiel als Spielwiese

Thommy Krappweis

Fraglich, ob Bernd das Brot damit einverstanden wäre, dass sich sein Erfinder Tommy Krappweis, Regisseur und Chef der Bumm-Film GmbH in Otterfing, so zwanglos an ihn lehnt.

(Foto: Claus Schunk)

Am 19. November feiert "Kohlrabenschwarz", die jüngste Produktion von Tommy Krappweis, Premiere. In dem düster-märchenhaften Mix aus Mystery, Heimatkrimi und Komödie geht es um das Wiedererwecken alter Sagen aus Bayern.

Von Barbara Hordych

Eigentlich kann es "Bernd das Brot" nur einmal geben. Trotzdem stapelt sich das sympathisch-übellaunige Kastenweißbrot, berühmt geworden als Kinderkanal-Philosoph, in vielerlei Größen in einem Studio der Bumm-Filmproduktion in Otterfing. "Zur Zeit drehen wir mit Bernd neue Programmbestandteile für den Kika, da ist es wichtig, ihn in verschiedenen Ausführungen parat zu haben", sagt Autor, Regisseur und Produzent Tommy Krappweis über die vor zwanzig Jahren erfundene Kultfigur mit dem stechenden Blick, den viel zu kurzen Armen und den Brötchenfüßen, die 2004 sogar den Grimme-Preis einheimste. Weil das dauerdeprimierte Brot damals keine Lust hatte, die Auszeichnung höchstpersönlich entgegenzunehmen, musste das sein quirliger und gut gelaunter Erfinder erledigen.

Weiter geht es mit der Führung durch die auf 900 Quadratmeter verteilten Aufnahme- und Tonstudios, Lager- und Werkstatträume. 2016 hat der Münchner Krappweis mit seiner Firma in Otterfing ein ganzes Haus bezogen, ein Gebäude, das sich jetzt in Zeiten der Pandemie als Glücksgriff erweist. "Der Vorbesitzer war ein Installateur mit dem Hobby Bäderbau und darum verfügen wir über zehn Toilettenoptionen. Außerdem haben wir mehrere Eingänge und zwei Treppenhäuser", sagt Krappweis. Die 22 Mitarbeiter der Bumm-Film kämen so gut aneinander vorbei. Eine wichtige Voraussetzung, um auch in diesem Jahr weiterarbeiten zu können.

Jüngster Streich des vor Ideen sprudelnden Multitalents ist das Hörspiel-Original "Kohlrabenschwarz", das am 19. November Premiere hat. In dem düster-märchenhaften Mix aus Mystery, Heimatkrimi und Komödie geht es um das Wiedererwecken alter Sagen und Brauchtumsgeschichten aus dem bayerischen Raum. Einen Faible für die Sagenwelt hat Krappweis schon mit seiner Fantasybuchreihe "Mara und der Feuerbringer" bewiesen, die er 2015 auch fürs Kino verfilmte. Damals konzentrierte er sich auf germanische Sagenfiguren. Nun sind es bajuwarische Schreckensgestalten, mit denen es ein schräg skurriles Ermittlerquartett um den eigenbrötlerischen Polizeiseelsorger Stefan Schwab zu tun bekommt. Den Seelsorger spricht der Comedian Michael Kessler, von dem auch die Idee zur Serie stammt, die Tommy Krappweis und Christian von Aster acht Folgen lang erzählen.

Nach einer Scheidung und Ärger im Job verlangt es Schwab eigentlich nur nach seiner "bayerischen Ruh". Doch mit der ist es vorbei, als sich eine bizarre Verbrechensserie mit Entführungen, blutigen Ritualen und Mord ereignet. Schwab, der von sich gerne sagt, "ich glaub' gar nichts", wird bei der Aufklärung von seiner spirituell veranlagten Ex-Frau Susanne (Bettina Zimmermann) und deren neuem Freund, dem unkonventionellen Pfarrer Franz (Jürgen Tonkel) unterstützt. Komplettiert wird das Quartett von der schlagfertigen Polizistin Anna (Bettina Lamprecht).

Bond-Bösewicht Götz Otto führt als Erzähler durch die mysteriösen Kriminalfälle, in denen alte Märchen- und Sagenfiguren wieder auferstehen, indem sie sich dafür empfängliche Menschen als ihre Erfüllungsgehilfen suchen. So fängt der "Kraxelmann" mit langem Stock und Käfig "unartige Kinder", der "bluadige Thamerl"oder der Zauberlehrling von Straubing treiben ihr Unwesen. Schwab will das selbstverständlich erst einmal nicht glauben. "Er ist Realist, so etwas hat in seinem rationalen Denken keinen Platz", sagt Krappweis. Dagegen glaube dessen Ex-Frau Susanne "alles" - ausreichend Zündstoff also für einen witzigen und pointierten Schlagabtausch zwischen den alten und neuen Beziehungspartnern und ihren Weltanschauungen.

Krappweis selbst kommt als mit Schwab befreundeter Kommissar Thomas Falbner ebenfalls ins Spiel. Ein komödiantisches Kleinod ist der Dialog, in dem er Schwab umständlich gestehen muss, dass er wegen eines anzüglichen Fotos, das er der attraktiven Kollegin Anna geschickt hat, in Schwierigkeiten steckt. Die Ermittlungen führen schließlich in die Wiener Unterstadt ins historische Kellersystem. In mehr als 18 Metern Tiefe finden sie in einem fiktiven Archiv sehr lebendige Märchen-Artefakte wie das "Tischlein deck dich" oder den "Knüppel aus dem Sack". Alles ist bis ins grausige Detail recherchiert, aber, wie sollte es bei Krappweis auch anders sein, "humorvoll verändert".

Thommy Krappweis

Thommy Krappweis ist der Chef von 'Bumm-Film'.

(Foto: Claus Schunk)

Als er Amazon Audible das Konzept der Serie vortrug, lautete die Antwort: "Das ist eine tolle Idee, mach mal". Ein bisschen sei es mit Amazon heute so wie in den früheren Jahren des Privatfernsehens, sagt Krappweis, der einst Teil der Comedy-Crew von RTL Samstag Nacht war. Da habe man sie auch einfach mal machen lassen und ihnen "kaum dreingeredet, solange das Ergebnis stimmte". Dieser Vertrauensvorschuss von Amazon Audible basiert sicher auch auf dem großen Erfolg der Hörspielreihe "Ghostsitter", die 2017 auf den Markt kam. In der Adaption von Krappweis' eigenen Romanvorlagen erbt ein Junge namens Tom eine Geisterbahn, deren Personal sich als quicklebendig erweist und über jede Menge Macken verfügt. Für die Realisierung als Hörspielreihe holte sich Krappweis Freunde aus seinen Privatfernsehenjahren ins Boot, darunter Hugo Egon Balder und Wigald Boning. Krappweis führte Regie und produzierte das Ganze in seinem Studio. Mittlerweile hat sich "Ghostsitter" zum Hörspiel-Großprojekt mit acht Staffeln entwickelt. Die Serie wechsle sich in den Charts mit "Harry Potter" ab, sagt Krappweis. "Die Hörer dürften in zweistelliger Millionenhöhe sein - wenn das so weiter geht, wird sie ein größerer Erfolg als 'Bernd das Brot'".

An "Kohlrabenschwarz" ist bemerkenswert, dass im Dunkel des Studios blitzlichterfahrene Schauspieler wie Michael Kessler, Bettina Zimmermann und Götz Otto mitwirken. In Otterfing machten sie keine Einzelaufnahmen nacheinander im Studio, wie bei Hörspielproduktionen meistens üblich. "Die Ensembleaufnahmen machen das Ganze so lebendig", sagt Krappweis. "Ich ermutige die Leute, sich auch schon mal gegenseitig in die Sätze reinzugehen, das ist wie in wirklichen Dialogen, in denen es ja auch nur selten so ist, dass jemand seinen Satz ganz zu Ende spricht." Das Genre Hörspiel sei derzeit eben um vieles anarchischer als das Fernsehen, sagt Krappweis. Und damit eine echte Spielwiese für Comedians.

© SZ vom 16.11.2020/vewo

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