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"Orfeo" am Theater Augsburg:Virtuelle Hölle

Orfeo

Begegnung der anderen Art: Jihyun Cecilia Lee als Eurydike.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Glucks "Orfeo" gibt es am Theater Augsburg als multimediale Erlebniswelt

Von Klaus Kalchschmid, Augsburg

Ach, was waren wir gespannt: Glucks "Orfeo ed Euridice" mit live übertragenem Orchester von nebenan in den "Martini Park", dazu das Erlebnis von Hades wie Elysium optisch via Virtual-Reality-Brille in 3 D. Eine Schauspielerin stellt sich launig als Escort für diese Wanderung durch verschiedene Welten vor, doch zunächst finden wir uns ein in einer imaginären Bildergalerie, in der die berühmtesten Caravaggios aus den Museen dieser Welt vereint sind (Bühne: Jan Steigert). Von Jesus, Nonnen und Gurus über einen japanischen Touristen, den Pommes mampfenden feisten Amerikaner, einen Hausmeister und die Security bis hin zu Doubles von Jonathan Meese und Marina Abramović, die mit dem Programmbuch ihres Münchner Callas-Projekts posiert, lungert da ein seltsam gemischtes Völkchen herum: in Kostümen von Lili Wanner und weniger mit den Bildern beschäftigt als den eigenen Ticks.

Darunter sitzt selbstvergessen Orpheus (ein schöner, natürlich fließender Mezzo: Natalya Boeva) mit Walkman, der um seine Eurydike (mit wunderbar gehaltvoll lyrischem Sopran: Jihyun Cecilia Lee) trauert. Die findet er in der Unterwelt - und wir mit ihm: Dank VR-Brille tauchen wir ein in ein unterirdisches Meer aus Hochhäusern und schweben durch hohe Straßenschluchten bis wir von schwarzen Gestalten bedrängt werden und hübsche chinesische Drachen über uns gaukeln. Wirklich gruselig ist diese Hölle nicht, eher hübsch, wenn man den Blick zum Furientanz mit der Brille nach allen Seiten wenden kann. Leider heißt es dann auch bald wieder "Exit Hades".

Später taucht man 13 Minuten ins "Elysium" ein und schwebt durch grüne Auen und lichte Atrien mit bunt schillerndem Architektur-Kitsch vom Feinsten sowie allerlei Nackedeis wie aus (Frucht-)Gummi modelliert und doch menschlich bewegt. Die "Krönung" ist eine riesige weibliche Statue, die wasserlassend mit dickem Strahl das Bassin befüllt! Das alles ist prall-komisch, dank des szenischen Overkills treten Musik und Text aber in den Hintergrund. Die Auseinandersetzung der beiden Liebenden findet wieder im Museum statt, und man wundert sich über die immer mehr eskalierende Eifersucht, die schließlich in der Katastrophe des verbotenen Blicks kulminiert, bevor die VR-Brille uns erst wüstes Land beschert und, peu à peu gebastelt, die Fünfzigerjahre-Spießigkeit des glücklich wiedervereinten Paars, kleine Caravaggio-Drucke an der Wand. Im Museum sind Orfeo und seine Euridice kantig sich bewegende Gliederpuppen inmitten von allerlei Geflüchteten, die auf Schlafsäcken kampieren, vom immerfort hektisch gestikulierenden Amor (Olena Sloia) mit kleiner Europa-Flagge begrüßt.

Würden die Augsburger Philharmoniker und Gäste an Zinken, Laute und Cembalo unter Originalklang-Experte Wolfgang Katschner nicht ganz so hallig sämig übertragen und gäbe es mehr Verbindungen zwischen realer Bühnen- und irrealer Video-Welt durch Regisseur André Bücker, das Ganze wäre hochspannend geworden. So aber bleibt es beim halbgelungenen Experiment, in dem freilich einiges Potenzial schlummert.

© SZ vom 13.10.2020

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