Kritik:Virtuoses Tirilieren

Olivier Latry, der Titularorganist von Notre-Dame, gibt in München ein Gastspiel: Zum Abschluss des Orgelherbsts begeistert er die Zuhörer in St. Michael mit einem tierischen Programm.

Von Michael Stallknecht, München

Der Andrang ist groß beim Abschlusskonzert des Münchner Orgelherbsts in St. Michael. Schließlich ist Olivier Latry, schon lange einer der bekanntesten Organisten, durch ein trauriges Ereignis noch berühmter geworden. Seit seinem 23. Lebensjahr Titularorganist von Notre-Dame in Paris, hat er beim Brand der Kathedrale 2019 sein Instrument verloren. Der nur fünf Jahre zuvor generalsanierten Hauptorgel blieb das Feuer zwar erspart. Aber Ruß und Bleipartikel haben sie so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sich ihre Wiederherstellung bis 2024 hinziehen soll - was Latry immerhin Gelegenheit zu noch umfangreicherer Reisetätigkeit gibt.

Dass der bescheiden auftretende 59-Jährige weder seine Lebensfreude noch seinen Humor verloren hat, kann man seinem Programm entnehmen. Sukzessive entpuppt es sich beim Hören nämlich als ziemlich tierische Angelegenheit, spätestens in den Ausschnitten aus Camille Saint-Saëns' "Karneval der Tiere" in der Orgelbearbeitung von Shin-Young Lee. Schließlich eignen sich die höchsten Pfeifen einer Orgel ideal als klangliches Äquivalent zum Pfeifen und Tirilieren in einem "Vogelhaus". Diesen Effekt nutzte schon Saint-Saëns selbst, als er Franz Liszts Klavierstück über "Die Vogelpredigt des heiligen Franz von Assisi" für die Orgel bearbeitete. Erst recht Olivier Messiaen in seinem "Verset pour la Fête de la Dédicace", für den die Vögel ohnehin "die größten Musiker" waren, "die unseren Planeten bewohnen".

Klarheit und Präzision im Fingerspiel

Kein Wunder also, dass sich die Besucher der ehrwürdigen Jesuitenkirche schon beim zeitgenössischen Eröffnungsstück wie in einem Vogelkäfig hatten fühlen dürfen: In "MM" von Jon Laukvik dringen Minimal-Music-Repetitionen in den höchsten Registern aus den Lautsprechern, die von Olivier Latry live gedoppelt werden. Die Klarheit und Präzision seines Fingerspiels faszinieren dabei schon optisch auf der Videoleinwand vorn im Kirchenraum. Feinsinnig, in französischer Tradition raffiniert erscheinen dagegen die Farbmischungen mit tieferen Registern in Louis Viernes "Hymne au Soleil" oder der Eigenkomposition von Latry im Stil des Fond d'orgue nach Louis Marchand. "Nun danket alle Gott" heißt deshalb zu Recht der Choral, mit dem Latry den lebensfrohen Nachmittag in freier Improvisation krönt: thematisch nicht allzu zielführend, aber hochvirtuos im Wechsel zwischen den vier Manualen, im rasenden Passagenwerk der Fußarbeit. Die Besucher danken es auch - mit Stan­ding Ova­tions.

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