Oktoberfest-Hostel:Irgendwann zieht einer Rum-Cola mit dem Strohhalm durch die Nase

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Je später der Abend, desto schiefer hängen bei manchen die Lederhosenträger. Fast alle tragen Tracht. Lorena nicht. Sie hat heute mit der Wiesn ausgesetzt und ist zum Schloss Neuschwanstein gefahren. "Beautiful", sagt sie. Morgen ginge es dann wieder aufs Oktoberfest. Sie will früh raus, schlafen kann sie aber noch nicht. Das hätte letzte Nacht schon nicht gut geklappt im Mehrbettzimmer. Deswegen trinkt sie hier noch ihren Rum-Cola und staunt. "In Brasilien haben wir ja auch ein Oktoberfest. Aber da benehmen sich die Leute. Hier in Deutschland drehen ja alle durch", sagt sie, als sie gerade ein Instagram-Video von Morgs macht, der sich merkwürdig zur Theke bewegt. Die Arme und das Gesicht so angespannt, als würde er eine schwere Hantel tragen, die Hüften kreisend, als würde er eine Frau antanzen wollen.

Morgs ist die Kurzform für Morgan. Er kommt aus Neuseeland und reist für fünf Monate durch die Welt. Erst Segeln in Kroatien, dann zum Tomorrowland nach Belgien, jetzt halt Wiesn. Eben war er noch beim Bayern-Spiel. Lange hat man keinen Bayern-Fan mehr gesehen, der sich so über ein Spiel gefreut hat, das unentschieden endete. Morgs neigt zum Übertreiben, mit seinen Geschichten, vielleicht auch mit dem Alkohol.

Kurz wird das Gespräch politisch. Morgs erzählt von rassistischen Erfahrungen, die er als dunkelhäutiger Rugbyspieler unter einem weißen Trainer machen musste. Sein Kumpel sagt, er sei wegen seiner Hautfarbe nicht ins Berghain gekommen. Und wenige Minuten später geht es auch um die Bundestagswahl. "And I say hey yeah yeah, hey yeah yeah", dann schallen die 4 Non Blondes durch die Bar und alles gröhlt: "I said hey, what's going on?"

Von da an ist es vorbei mit dem vernünftigen Austausch. Zwischen "Oops! ... I did it again" und "Ironic" liegen sich etwa vierzig Leute in den Armen. Das, was bei all dem Gedränge im Festzelt oft untergeht, kommt hier, an diesem festzeltähnlich dekorierten Ort, nun zum Tragen: die Bierseligkeit. Vielleicht ist es dieses Gefühl, das sie von ihrer Reise mit nach Hause nehmen werden. Vielleicht erklärt die Bierseligkeit, warum heute Abend gleich mehrere Leute sagen: "Ihr Deutschen seid gar nicht so schlimm wie man denkt."

Ben, ein Australier vom Nebentisch, bittet alle mal rüberzukommen, er lerne so gerne andere Leute beim Reisen kennen. Dann tunkt sein Nebenmann das eigene T-Shirt ins Bier und zwingt Ben auf die Knie zu gehen. Über Bens Mund wringt er es aus. Ben macht das gleiche mit ihm. Ein anderer zieht seinen Rum-Cola mit dem Strohhalm durch die Nase. Über ihm hängt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift: "Schön, dass es dich gibt."

Gegen zwei Uhr schließt die Bar. Ab ins Bett. Es dauert keine zehn Sekunden bis der Schlaf kommt. Zimmergeruch? Egal. Viereinhalb Stunden später: "Dude, you need to get the fuck up now", ein Typ, der bereits die volle Wiesn-Montur trägt, versucht, seinen Kumpel aus dem Bett zu kriegen. Die beiden hatten sich wohl vorgenommen, früh aufs Gelände zu gehen. Neun Uhr, ein Handywecker klingelt. Der Argentinier drückt die Snooze-Taste. Es klingelt wieder - wieder Snooze. Noch fünfmal wird das so gehen.

Antritt in Lederhosen und Dirndl im Frühstücksraum, der gestern noch die Bar war. Statt Dirty Dirndl jetzt Bananenmilch. Alle sind da: Ben und Lorena. Und natürlich auch Morgs. Er hat Kopfschmerzen. Er weiß nicht warum. Klar, es war ziemlich viel Alkohol gestern. Aber wenn's daran liegen würde, müsste sich der Schmerz über den ganzen Schädel ausstrecken. Morgs tut aber nur der Hinterkopf weh. Hat er sich am Hostelbett gestoßen? Seine Leute helfen ihm auf die Sprünge. Irgendwann wird klar: Ein Typ hat ihn geschlagen, einfach so. Sie haben zusammen im Zelt getrunken, dann schlug er zu und machte sich aus dem Staub. Morgs lacht darüber.

Eigentlich weiß man gar nicht, wer diese Menschen sind, aber irgendwie hat man sie doch kennengelernt, so wie man Menschen wohl nur in Hostels kennenlernt. "Add me on Facebook", heißt es zum Abschied. Morgs trinkt seinen Kaffee aus und dann muss er auch schon wieder los auf die Festwiese. Weitersaufen. Eine Dreiviertelstunde später ist das erste Wiesnbild online, die erste Mass halb leer.

Check-out am Vormittag, eine kleine Gruppe steht am Eingang, keiner trägt Tracht, stattdessen Jeans, Pullis, Regenjacken. Ein Guide baut sich vor ihnen auf. "Who's here for the Dachau-Tour?" fragt er. Deutschland ist eben nicht nur Bierseligkeit.

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