Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest-Hostel:Sich am falschen Ort zu übergeben, ist teuer

Lesezeit: 6 min

Wenn die Münchner nach der Wiesn heimgehen, feiern die Touristen in den Hostels am Hauptbahnhof weiter. Eine Nacht im Zehnerzimmer.

Von Marco Wedig

Wer sich neben der Toilette übergibt, muss zahlen. So steht es in den Hausregeln, die an der Rezeption aushängen: 10 Euro, wenn man zumindest noch versucht, die Toilette zu treffen. 20 Euro, wenn man Boden, Wand oder Decke erwischt. Und 50 Euro für die ganz harten Fälle, die überall hinkotzen, zum Beispiel die Treppe hinunter.

Check-in am Freitagnachmittag im Wombat's. Es ist nach eigenen Angaben das beliebteste Oktoberfest-Hostel Münchens, nahe am Hauptbahnhof. Hier spürt man am besten, dass die Wiesn längst kein rein bayerisches Volksfest mehr ist. In den Festzelten sitzen Australier, Engländer und Japaner mit Oberbayern, Westfalen und Sachsen an einem Tisch. Doch nach 22 Uhr gehen sie getrennte Wege. Die Einheimischen torkeln nach Hause oder zur After-Wiesn. Und die Touris? Feiern ihre eigene After-Wiesn, manchmal ganz ohne Wiesnbesuch, wie die Übernachtung im Wombat's zeigen wird.

Die gut gelaunte Rezeptionistin fragt gleich bei der Begrüßung: "Und, gehst du heute auf die Wiesn?" Der Gast bekommt ein neongelbes Bändchen mit dem Namen des Hostels und der Zimmernummer ums Handgelenk geklebt. Damit die Security ihn als Gast erkennt - und damit der Gast auch nach fünf Mass noch zurückfindet.

Das Treppenhaus ist erstaunlich sauber, Zimmer 416 auch. Ein langer Schlauch, zehn Betten darin, niemand ist da. Auf dem Tisch eine Packung Rennie gegen Sodbrennen, mit englischer Aufschrift, ein Krümelmonsterkostüm und ein noch eingeschweißtes Lederhosenkarnevalsoutfit. Auf dem Boden eine einzelne Kontaktlinse, vermutlich im Schlaf aus dem Auge gepult. Es stinkt. So wie es halt stinken muss, wenn zehn Menschen in einem Raum ihren Rausch ausdünsten und nicht ordentlich gelüftet wird.

109,73 Euro kostet die Nacht im Zehnbettzimmer an einem Wiesnwochenende, wenn die 300 Betten fast vollständig belegt sind. Normalerweise kostet das Bett 20,64 Euro. Das Management sagt, die Preissteigerung sei in München üblich - "Angebot und Nachfrage". Und die Nachfrage scheint da zu sein. Zudem habe man höhere Lohnkosten, da ein weiterer Security-Mann und mehr Reinigungskräfte zur Oktoberfest-Zeit beschäftigt würden.

Der Geruch wird nicht besser, als ein Zimmergenosse mit einer Tüte von McDonald's hereinkommt. "Hey, how's it going?" - "Brutal", sagt er. "Ich bin seit sieben Tag hier. Und jeden Tag habe ich getrunken." Die Biere seien riesig und stark. "Ich bin so fertig." Er komme aus Kalifornien, sagt er. Er war schon in Italien, Kroatien und England. Morgen geht es nach Berlin, dort soll es etwas ruhiger zugehen. "Well, good luck with that." Mit der Tüte legt er sich ins Bett, drückt sich seine Kopfhörer in die Ohren und fängt schmatzend an, Netflix zu schauen.

Es ist 18 Uhr, Rushhour in den Bierzelten, trotzdem trudeln vereinzelt schon wieder Gäste im Hostel ein. Das Haar eines Wiesn-Heimkehrers ist zerzaust, seine Augen sind rot wie Rubine. Er legt sich aufs Sofa im Aufenthaltsraum, er holt sein Telefon raus. Zwei Holländer, um die 40, betreten den Raum. Sie unterhalten sich ernsthaft. Auf einmal fängt der eine bitterlich an zu weinen. Der andere weiß gar nicht, wie er damit umgehen soll.

Auf der riesigen Sofalandschaft sitzen vier Gäste herum, den Blick aufs Handy fixiert. Auch hier: Katerstimmung. Menschen mit großen Rucksäcken betreten das Hostel, Menschen in Tracht verlassen es. Doch die vier, die hier rumhängen, werden ihr Dirndl oder ihre Lederhose heute bestimmt nicht nochmal anziehen.

Die Bar füllt sich. Sie ist mit blauweißen Stoffbahnen ausgehängt, dazu ein paar Brezen und Lebkuchenherzen. "Tonight's special shot: Dirty Dirndl, 1,50 €", steht auf einem Schild hinter der Bar. Zwei Männer stehen am Billiardtisch, obwohl: Der eine wankt mehr als dass er steht. Die Kugeln versenkt er trotzdem mit beachtlicher Präzision. Mittlerweile ist es 19.30 Uhr. In Kleingruppen sitzen die Gäste um mehrere Tische verteilt. Alles recht gesittet. Noch.

Vor dem Wombat's strömen die herum, die bereits den Absprung aus dem Zelt geschafft haben. Die ganze Straße spricht Englisch. In der Senefelderstraße liegen drei Hostels nebeneinander. Die beiden Securities sagen, dass es fast immer friedlich bleibe, sie seien eigentlich nur da, damit sich die Gäste ruhig verhalten, wegen des Hotels nebenan.

Es ist kurz vor 21 Uhr. Ein Typ mit einem klatschenden Hendl auf dem Kopf wankt die Straße hinunter. In der rechten Hand hält er eine 1,5-Liter-Wasserflasche. Er trinkt daraus, als sei er gerade einen Marathon gelaufen. Er steuert auf das Wombat's zu. In der Bar warten seine Kumpels schon auf ihn. Die wiedervereinten Männer umarmen sich, wie sich Männer in Hollywood-Filmen umarmen, wenn einer aus dem Krieg zurückkehrt. Das Hostel ist ihre Basis, die Lederhose ihre Uniform.

Das Hendl klatscht nur noch sehr langsam. Die Batterie scheint sich dem Ende zuzuneigen. Und auch für so manchen Gast wäre es mal Zeit, den Akku wieder aufzuladen, Zeit ins Bett zu gehen - oder: Zeit für Jägerbombs! Tablettweise holen sich die Gäste ihren Jägermeister-Redbull an den Tisch. "You're crazy, but I love you for that", kreischt eine Australierin ihrem Freund zu. Dieser schleppt gerade ein besonders volles Tablett an. Er leert das Glas in einem Zug und knallt es auf den Tisch. Ein anderer holt bereits Nachschub.

Irgendwann zieht einer Rum-Cola mit dem Strohhalm durch die Nase

Je später der Abend, desto schiefer hängen bei manchen die Lederhosenträger. Fast alle tragen Tracht. Lorena nicht. Sie hat heute mit der Wiesn ausgesetzt und ist zum Schloss Neuschwanstein gefahren. "Beautiful", sagt sie. Morgen ginge es dann wieder aufs Oktoberfest. Sie will früh raus, schlafen kann sie aber noch nicht. Das hätte letzte Nacht schon nicht gut geklappt im Mehrbettzimmer. Deswegen trinkt sie hier noch ihren Rum-Cola und staunt. "In Brasilien haben wir ja auch ein Oktoberfest. Aber da benehmen sich die Leute. Hier in Deutschland drehen ja alle durch", sagt sie, als sie gerade ein Instagram-Video von Morgs macht, der sich merkwürdig zur Theke bewegt. Die Arme und das Gesicht so angespannt, als würde er eine schwere Hantel tragen, die Hüften kreisend, als würde er eine Frau antanzen wollen.

Morgs ist die Kurzform für Morgan. Er kommt aus Neuseeland und reist für fünf Monate durch die Welt. Erst Segeln in Kroatien, dann zum Tomorrowland nach Belgien, jetzt halt Wiesn. Eben war er noch beim Bayern-Spiel. Lange hat man keinen Bayern-Fan mehr gesehen, der sich so über ein Spiel gefreut hat, das unentschieden endete. Morgs neigt zum Übertreiben, mit seinen Geschichten, vielleicht auch mit dem Alkohol.

Kurz wird das Gespräch politisch. Morgs erzählt von rassistischen Erfahrungen, die er als dunkelhäutiger Rugbyspieler unter einem weißen Trainer machen musste. Sein Kumpel sagt, er sei wegen seiner Hautfarbe nicht ins Berghain gekommen. Und wenige Minuten später geht es auch um die Bundestagswahl. "And I say hey yeah yeah, hey yeah yeah", dann schallen die 4 Non Blondes durch die Bar und alles gröhlt: "I said hey, what's going on?"

Von da an ist es vorbei mit dem vernünftigen Austausch. Zwischen "Oops! ... I did it again" und "Ironic" liegen sich etwa vierzig Leute in den Armen. Das, was bei all dem Gedränge im Festzelt oft untergeht, kommt hier, an diesem festzeltähnlich dekorierten Ort, nun zum Tragen: die Bierseligkeit. Vielleicht ist es dieses Gefühl, das sie von ihrer Reise mit nach Hause nehmen werden. Vielleicht erklärt die Bierseligkeit, warum heute Abend gleich mehrere Leute sagen: "Ihr Deutschen seid gar nicht so schlimm wie man denkt."

Ben, ein Australier vom Nebentisch, bittet alle mal rüberzukommen, er lerne so gerne andere Leute beim Reisen kennen. Dann tunkt sein Nebenmann das eigene T-Shirt ins Bier und zwingt Ben auf die Knie zu gehen. Über Bens Mund wringt er es aus. Ben macht das gleiche mit ihm. Ein anderer zieht seinen Rum-Cola mit dem Strohhalm durch die Nase. Über ihm hängt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift: "Schön, dass es dich gibt."

Gegen zwei Uhr schließt die Bar. Ab ins Bett. Es dauert keine zehn Sekunden bis der Schlaf kommt. Zimmergeruch? Egal. Viereinhalb Stunden später: "Dude, you need to get the fuck up now", ein Typ, der bereits die volle Wiesn-Montur trägt, versucht, seinen Kumpel aus dem Bett zu kriegen. Die beiden hatten sich wohl vorgenommen, früh aufs Gelände zu gehen. Neun Uhr, ein Handywecker klingelt. Der Argentinier drückt die Snooze-Taste. Es klingelt wieder - wieder Snooze. Noch fünfmal wird das so gehen.

Antritt in Lederhosen und Dirndl im Frühstücksraum, der gestern noch die Bar war. Statt Dirty Dirndl jetzt Bananenmilch. Alle sind da: Ben und Lorena. Und natürlich auch Morgs. Er hat Kopfschmerzen. Er weiß nicht warum. Klar, es war ziemlich viel Alkohol gestern. Aber wenn's daran liegen würde, müsste sich der Schmerz über den ganzen Schädel ausstrecken. Morgs tut aber nur der Hinterkopf weh. Hat er sich am Hostelbett gestoßen? Seine Leute helfen ihm auf die Sprünge. Irgendwann wird klar: Ein Typ hat ihn geschlagen, einfach so. Sie haben zusammen im Zelt getrunken, dann schlug er zu und machte sich aus dem Staub. Morgs lacht darüber.

Eigentlich weiß man gar nicht, wer diese Menschen sind, aber irgendwie hat man sie doch kennengelernt, so wie man Menschen wohl nur in Hostels kennenlernt. "Add me on Facebook", heißt es zum Abschied. Morgs trinkt seinen Kaffee aus und dann muss er auch schon wieder los auf die Festwiese. Weitersaufen. Eine Dreiviertelstunde später ist das erste Wiesnbild online, die erste Mass halb leer.

Check-out am Vormittag, eine kleine Gruppe steht am Eingang, keiner trägt Tracht, stattdessen Jeans, Pullis, Regenjacken. Ein Guide baut sich vor ihnen auf. "Who's here for the Dachau-Tour?" fragt er. Deutschland ist eben nicht nur Bierseligkeit.

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