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Obermenzing/Untermenzing:"Ein unwürdiger Zustand"

Gustav Ritter von Kahr

Gustav Ritter von Kahr schlug den Hitlerputsch nieder und wurde 1934 erschossen.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Neuer Vorstoß zur Umbenennung der Von-Kahr-Straße, die auch an den Antisemiten Gustav Ritter von Kahr erinnert

Im April dieses Jahres, während der Osterfeiertage, hatten bislang unbekannte Täter das Mahnmal "gebeugter, leerer Stuhl", das an die deportierten und ermordeten Juden aus Obermenzing erinnert, an der katholischen Pfarrkirche "Leiden Christi" mit SS-Runen beschmiert und erheblich beschädigt. Die antisemitisch motivierte Tat sei ein Alarmzeichen, sagt Andreas Ellmaier vom Verein der Freunde Schloss Blutenburg, der die Stahlskulptur der Künstlerinnen Blanka Wilchfort und Marlies Poss 2016 gestiftet hatte. Der Antisemitismus sei auch im Stadtviertel angekommen, warnte nun auch der Bezirksausschuss (BA) Pasing-Obermenzing in seiner jüngsten Sitzung.

Ellmaier, der dem Gremium früher als Mitglied der CSU-Fraktion angehörte und auch einmal BA-Vorsitzender war, forderte in der der Sitzung vorgeschalteten Bürgersprechstunde den BA auf, Maßnahmen zu ergreifen. Eine solche könnte sein, so sein Antrag, auf eine Umbenennung der Von-Kahr-Straße hinzuwirken. Diese liegt zwar auf angrenzender Untermenzinger Flur, doch sei es ein "unwürdiger Zustand", dass die Straße noch länger diesen Namen trage, der laut Ellmaier Erinnerungen an einen "Nazi" und "Diktator" wachrufe. Die Straße sei, das räumt Ellmaier ein, eigentlich nach Gustav Ritter von Kahr (1833-1905) benannt, einem Direktor am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. Der sei jedoch weit weniger bekannt als sein Sohn gleichen Namens, Gustav von Kahr (1862-1934), den man also unweigerlich mit der Straße verbinde. Dieser war wie sein Vater zunächst ein geadelter bayerischen Spitzenbeamter und wurde dann zu einem zentralen politischen Akteur der frühen Weimarer Jahre. Als sogenannte "Ordnungszelle Bayern" stellte sich der Freistaat gegen die Reichsregierung in Berlin. Protagonist dieser Auflehnung ist seit 1920 der Bayerische Ministerpräsident Gustav von Kahr, der sich eine 300 000 Mann starke "Einwohnerwehr" aufbaut. Eine klare Provokation in Richtung Berlin und der Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Der unbeugsame "Bayernführer", als der er sich stilisiert, ist beliebt beim Volk, doch verliert er die Kraftproben mit Berlin und zunächst auch den Rückhalt der Bayerischen Volkspartei. 1921 tritt er als Ministerpräsident zurück, bleibt jedoch einflussreicher Netzwerker in den immer stärker werdenden antirepublikanischen, rechtskonservativen Kreisen. Auch das Volk hat genug von der Demokratie, rennt zu den Reden eines geifernden Österreichers namens Adolf Hitler. Die schwache bayerische Regierung gibt dem Volk, was es will, einen Diktator.

Wieder ist ihr Mann von Kahr, der im Herbst 1923 als Generalstaatskommissar mit weitreichenden exekutiven Vollmachten ausgestattet ist und sich nun eine Art Wettlauf mit Hitler liefert. Denn der plant den "Marsch auf Berlin". Von Kahr hingegen zögert. Am 8. März 1923 hält von Kahr eine Rede im Münchner Bürgerbräukeller, als Hitler plötzlich im Saal steht und die "nationale Revolution" ausruft. Showdown im Hinterzimmer. Doch Entgegen der Erwartung Hitlers beteiligt sich von Kahr nicht am Putsch, sondern lässt ihn niederschlagen. In der Bevölkerung gilt er fortan als Verräter. Er zieht sich aus den politischen Ämtern zurück. Hitler wird später Rache nehmen und von Kahr am 30. Juni 1934 im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch nahe Dachau von der SS ermorden lassen.

Der Bezirksausschuss, der bereits in den 1960-er Jahren die Umbenennung der Von-Kahr-Straße gefordert hat, wird Ellmaiers Antrag auf Namensänderung an den Stadtrat weiterleiten. Dort entsteht gerade ein Gesamtkonzept darüber, wie mit Namen problematischer Figuren umgegangen werden soll.

Mittwoch, 20. November, lädt das Kulturforum München-West um 12 Uhr zu einer Gedenkstunde für die Pasinger Opfer der Judenverfolgung am Leeren Stuhl, Pasinger Rathaus, Rathausgasse.