Nach Putschversuch in der Türkei Erdoğans langer Arm reicht bis nach München

Immer wieder kommt es auch in Deutschland zu Demonstrationen gegen den türkischen Regierungschef.

(Foto: dpa)
  • Die Stimmung im Kreis der türkischstämmigen Münchner ist nach dem Putschversuch in ihrer Heimat angespannt.
  • Wer die Opposition unterstützt, ist mit offenen Meinungsäußerungen zurückhaltender geworden.
  • Der repressive Kurs, den der türkische Präsident Erdoğan fährt, trifft aber vor allem die hier lebenden Anhänger der Gülen-Bewegung.
Von Silke Lode

Natürlich wurde hier in München niemand verhaftet. Es gab keine Massenentlassungen, es wurden keine Bildungseinrichtungen geschlossen. Für die Anhänger Fethullah Gülens in der Türkei ist das Alltag, spätestens seit Präsident Recep Tayyip Erdoğan den im US-Exil lebenden Prediger und seine Anhänger für den gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli verantwortlich macht. Auch in Deutschland leben Unterstützer der Gülen-Bewegung, viele sind in lokalen Vereinen organisiert - in München zum Beispiel bei Idizem, dem Interkulturellen Dialogzentrum.

Was die Münchner Gülen-Unterstützer sehr wohl kennen, sind Drohungen, Beschimpfungen, Streit in der eigenen Familie, Boykottaufrufe und unausgesprochene Einreiseverbote. Mindestens einem türkischstämmigen Mann droht sogar der Jobverlust - er arbeitet bei Turkish Airlines und hat kürzlich die Kündigung bekommen. Sein Anwalt Henning Schultze spricht von einer deutschlandweiten Kündigungswelle, von der 16 bis 17 Personen betroffen seien. "Der Zusammenhang mit der Nähe zur Gülen-Bewegung ist zu vermuten, wird aber von Turkish Airlines bestritten", sagt Schultze. Der Münchner Fall liegt derzeit beim Arbeitsgericht, die Güteverhandlung ist gescheitert.

Der Arm Erdoğans - an manchen Stellen reicht er bis nach Deutschland.

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Die Münchner Gülen-Anhänger haben trotzdem das Gefühl, dass "wir hier die wenigen Glückseligen sind, die in Ruhe arbeiten oder mit Journalisten sprechen können", wie Bilal Akkaya sagt, der zum Vorstand von Idizem gehört. Allerdings hat sich seit dem Putschversuch vieles verändert - das zeigt sich schon daran, dass längst nicht alle Idizem-Vertreter in der Zeitung zitiert werden wollen. Wer sich als Gülen-Unterstützer zu erkennen gibt, kann Probleme im Job bekommen und wird mit Drohungen und Beschimpfungen überhäuft, speziell da, wo das einfach und anonym möglich ist, also bei Facebook oder Twitter. "Auch unsere Internetseite ist permanent gehackt und mit Viren bombardiert worden", erzählt Akkaya. Das fing bereits 2013 an - zu der Zeit also, als es zum Bruch zwischen Erdoğan und Gülen kam.

Dieser Konflikt hat mit dem Putschversuch eine neue Qualität bekommen. "Jeder hat seine negativen Erfahrungen gemacht", sagt Akkaya, und wenn der 32-Jährige "jeder" sagt, meint er tatsächlich jedes einzelne der etwa 100 Mitglieder, die Idizem in München hat. "Wir alle haben Familie oder Freunde in der Türkei. Jeder kennt Geschichten von Menschen, die plötzlich im Knast sind, zum Teil seit Monaten ohne Anklage." Akkaya erzählt von einem Bekannten, der in der Türkei ein Haus hatte. "Das wurde samt seinem Auto vom Staat beschlagnahmt, weil er mit dem Putsch in Verbindung gebracht wird", sagt er.

Gülen ist ein akzeptierter Dialogpartner

An die Öffentlichkeit tritt die Gülen-Bewegung in München oft dann, wenn es um den Dialog zwischen den Religionen geht. Idizem hat vor einigen Jahren die Nymphenburger Gespräche initiiert, bei denen auch die Stadt München, Pax Christi, die Evangelische Stadtakademie und die Freunde Abrahams mit am Tisch sitzen. "Die Gülen-Bewegung ist in Deutschland einer der Hauptmotoren des interreligiösen Dialogs", sagt Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr von der Evangelischen Stadtakademie.

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"Nichts von dem, was sie machen, ist schlecht oder falsch", meint sie, stellt aber fest, dass die Gülen-Anhänger ein starkes Interesse hätten, sich mit den Spitzen der Gesellschaft zu verbinden. "Man kann das ganz toll finden oder sich fragen, ob es eine versteckte Agenda gibt", meint Höcht-Stöhr - ohne zu der Frage ein Urteil zu fällen. Was die Nymphenburger Gespräche betrifft, hat die Stadtakademie ihre Entscheidung getroffen: "Wir ziehen uns bis zum Nachweis einer wirklichen Schuld nicht aus der Zusammenarbeit zurück. Derzeit ist die rechtsstaatliche Situation in der Türkei ja problematisch und unübersichtlich. Wir folgen keinem Verdacht, der nicht rechtsstaatlich belegt ist", sagt Höcht-Stöhr.

Das gilt bislang auch für die anderen Dialogpartner - auch wenn der Druck wächst. Vergangenen Freitag hatte Höcht-Stöhr auf dessen Wunsch ein Gespräch mit dem türkischen Generalkonsul, der ganz offen die Frage aufgeworfen hat, ob Idizem ein guter Dialogpartner sei. "Der Generalkonsul hat uns darauf hingewiesen, dass Idizem in der türkischen und muslimischen Community isoliert sei", sagt Höcht-Stöhr. Ob das stimmt - darüber will die Pfarrerin sich nun selbst ein Bild machen.