Türkei:Die Journalistin, der lebenslange Haft droht

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Türkei: Aslı Erdoğan studierte Informatik und Physik - dann widmete sie sich dem Schreiben.

Aslı Erdoğan studierte Informatik und Physik - dann widmete sie sich dem Schreiben.

(Foto: imago)

Mit Aslı Erdoğan könnte eine der unabhängigsten, mutigsten und bekanntesten Autorinnen der Türkei verstummen.

Von Luisa Seeling

"Hinter Steinen, Beton und Stacheldraht rufe ich - wie aus einem Brunnenschacht - zu euch: Hier, in meinem Land, lässt man mit einer unvorstellbaren Rohheit das Gewissen verkommen." Mit diesen eindringlichen Worten hat sich die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan an die Besucher der Frankfurter Buchmesse gewandt. Das war im Oktober, ihr Brief wurde verlesen, sie selber saß da schon seit zwei Monaten im Gefängnis. Ein türkisches Gericht hatte nach dem gescheiterten Militärputsch die prokurdische Zeitung Özgür Gündem geschlossen. Das Blatt habe Propaganda für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbreitet. Die Polizei nahm 23 Mitarbeiter fest, unter ihnen Aslı Erdoğan, die Kolumnen verfasst hat und im Beirat der Zeitung war. Die 49-Jährige sitzt im Istanbuler Bakırköy-Gefängnis, jetzt hat die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft für Erdoğan und einige Kollegen beantragt.

Ihr angebliches Vergehen: "Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation", "Terrorpropaganda", "Versuch der Zerstörung der nationalen Einheit" - Vorwürfe, die in dem aufgewühlten Land besonders schwer wiegen. Einer der unabhängigsten, mutigsten und bekanntesten Autoren der Türkei droht zu verstummen.

Sie fasste Themen an, die in jenen Jahren publizistische Minenfelder waren

Aslı Erdoğan ist studierte Informatikerin und Physikerin, sie hat am europäischen Kernforschungsprojekt Cern gearbeitet und in Rio de Janeiro geforscht. Mitte der Neunziger erschienen ihre ersten Romane, ins Deutsche übersetzt sind "Der wundersame Mandarin" und "Die Stadt mit der roten Pelerine" sowie der Erzählband "Holzvögel". Aslı Erdoğan beendete ihre Laufbahn als Wissenschaftlerin und widmete sich ganz dem Schreiben; neben Prosa verfasste sie Kolumnen für die vor drei Jahren eingestellte linksliberale Zeitung Radikal. Dabei fasste sie Themen an, die in jenen Jahren - der Kurdenkonflikt tobte mit voller Wucht - publizistische Minenfelder waren: Folter, Gewalt gegen Frauen, staatliche Repression. Sie wurde zur Fürsprecherin der kurdischen Minderheit, obwohl sie selbst keine Kurdin ist. 2008 gehörte sie zu den ersten Intellektuellen, die sich bei den Armeniern für ihr erlittenes Unrecht entschuldigten.

Immer wieder verschafften ihr Auslandsaufenthalte Pausen von staatlichem Druck und nationalistischen Hetzkampagnen, als Gastautorin lebte Aslı Erdoğan in Graz, Zürich, Krakau. "Sie gehört zu Recht zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Generation", sagt der deutsch-türkische Journalist Osman Okkan, der einen Dokumentarfilm über Erdoğan gedreht hat. Mit ihrer bescheidenen, "Frieden ausstrahlenden Haltung" sei sie ein Vorbild, vor allem für junge Leser.

Die Namensgleichheit mit dem türkischen Präsidenten ist eine Ironie des Zufalls, die beiden sind nicht miteinander verwandt. Über die Regierungspartei sagte Aslı Erdoğan schon vor Jahren: "Die Demokratie der AKP ist für mich unglaubwürdig. Diese Partei will gar keine Freiheit." Die Verhaftungswelle der vergangenen Monate gibt ihr recht. Bemerkenswert ist aber auch die Welle der Solidarität, die für Aslı Erdoğan angerollt ist. Mehr als 30 000 Menschen unterzeichneten einen Aufruf zu ihrer Freilassung, darunter die Autoren Boualem Sansal, Jonathan Littell, Peter Schneider. Erdoğans Unterstützer fürchten um ihre Gesundheit, sie leidet an Asthma, Diabetes und an den Spätfolgen einer rabiaten Festnahme.

An diesem Samstag beginnt die Internationale Buchmesse in Istanbul, die bedeutendste Veranstaltung dieser Art in der Türkei, Gastland ist Deutschland. Die Verantwortlichen auf deutscher Seite haben angekündigt, dass sich die anwesenden Verleger und Autoren für ihre inhaftierten Kollegen einsetzen wollen. Vielleicht trifft es ja zu, das Motto der Messe: "Sözcüklerin etkisi - Worte bewegen". Aslı Erdoğan hat das ganz ähnlich formuliert in ihrer Botschaft aus dem Gefängnis: Sie wisse nicht wie, "aber die Literatur hat es immer geschafft, Diktatoren zu überwinden."

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