Musik:Gesangsfest mit Ausdauer

Bayreuth Baroque

Hoch die Beine: Regisseur, Hauptdarsteller und künstlerischer Leiter Max Emanuel Cencic erzählt den boulevardesken Krimi um Liebe und Intrige, Treue und Verrat in einem Mafia-Millieu auf Kuba in den 1920er Jahren.

(Foto: Falk von Traubenberg)

"Bayreuth Baroque" heißt das neue Festival der Wagner-Stadt. Im Markgräflichen Opernhaus gibt es zur Eröffnung Nicola Antonio Porporas fünfstündiges Werk "Carlo il Calvo" - in voller Länge

Von Egbert Tholl

Thomas Ebersberger, der Bürgermeister von Bayreuth, ist stolz. "Bayreuth beherbergt zwei Festspiele auf Weltniveau." Das eine davon ist schon ein bisschen älter, beschäftigt sich mit Richard Wagner und fand dieses Jahr nicht statt. Das andere eröffnet der Herr Bürgermeister gerade, im vollen Bewusstsein, dass "Bayern ein Kulturstaat und Bayreuth eine Kulturstadt ist". Das Festival nun heißt "Bayreuth Baroque" und findet im markgräflichen Opernhaus statt, was den Bürgermeister zum Ausruf veranlasst: "Was wäre aus Bayreuth ohne die Persönlichkeit der Markgräfin geworden?" Vermutlich hätte sich nicht einmal Wagner für die Stadt interessiert.

In dem prächtigen Haus, das Markgräfin Wilhelmine von 1744 bis 1748 errichten ließ, gab es schon einmal ein Festival. Dieses hieß "Bayreuther Barock", fand von 2000 an statt und brachte meist unbekannte Barockopern auf die Bühne. Dann wurde das Theater jahrelang renoviert, ist seit 2018 wieder offen und beherbergte in diesen zwei Jahren eher verstreute Einzelveranstaltungen. Unter anderen mit Max Emanuel Cencic. Der vielseitig begabte Counter gab bei der Stadt ein Konzept für ein Festival ab, welches begeistert angenommen wurde und mit 390 000 Euro bezuschusst wird, auch wenn Einzelstimmen im Stadtrat meinten, das Festival ziele nur auf Gäste von außen, wobei es ja den Bayreuthern frei steht, selbst hinzugehen. Wie zur Premiere von Nicola Antonio Porporas Oper "Carlo il Calvo", inszeniert von Cencic mit Cencic in der männlichen Hauptrolle im Rahmen des von Cencic künstlerisch geleiteten Festivals.

Auch der Freistaat gibt Geld, ungefähr so viel wie die Stadt, weshalb Kunstminister Bernd Sibler das Festival miteröffnet. Er erzählt, was für ein deprimierender Tag es gewesen sei, "heuer im Frühjahr, als wir die Richard-Wagner-Festspiele absagen mussten". Nun aber sieht er in der Eröffnung von "Bayreuth Baroque" "ein starkes Signal, dass Kunst und Musik wieder zurück sind". Da erhellt sich einem hoffnungsvoll das Gemüt, doch Sibler schwächt dies ein bisschen ab mit der von ihm nach Brecht erfundenen "Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens" und verweist darauf, dass man im Herbst noch Schwierigkeiten mit dem Virus haben werde.

Nun ist hier in Bayreuth die Kunst imposant zurück, das Publikum noch nicht so sehr, denn es sind nur 200 Zuschauer erlaubt. Die Lex Bayerische Staatsoper mit mehr als 200 erlaubten Gästen greift in Franken noch nicht, dafür aber ist etwas anderes ganz erstaunlich: In Bayreuth ist man ja gewohnt, dass Opernaufführungen lange dauern. Da macht "Carlo il Calvo" keine Ausnahme. Die Aufführung dauert fünf Stunden. Fünf. Mit zwei Pausen. Bernd Sibler ist sich sicher, dass dies mit den örtlichen Hygieneexperten sorgfältig abgesprochen ist. Alle Mitwirkenden sind jedenfalls dauergetestet.

Nicola Antonio Porpora wurde 1686 in Neapel, der Hauptstadt der Kastraten, geboren, hatte berühmte Gesangsschüler wie Farinelli und ging 1733 nach London, angeworben von einer Konkurrenzunternehmung zu Händels Operntruppe, die dieser das Leben schwer machen wollte. Porpora setzte auf Gesangsstars, Händel auf musiktheatralische Ereignisse. Vier Jahre später war Porpora wieder in Italien, 1738 kam "Carlo il Calvo" in Rom heraus. Die Handlung ist verworren: Nach dem Tod von Kaiser Ludwig streiten dessen zweite Frau Giuditta und Lottario, Erstgeborener aus Ludwigs erster Ehe, um Reich und Erbe. Der titelgebende Karl der Kahle ist ein Kind, das stumm im Zentrum der Begierden steht und in Cencic' Inszenierung bemitleidenswert versehrt ist.

Giuditta und Lottario scharen ihre Mannen um sich. Es gibt Liebe und Intrige, Treue und Verrat, die Handlung tritt auf der Stelle, denn ihr einziger Zweck ist, Anlass für Arien zu schaffen. Davon gibt es viele. Porpora baute eine beinharte Struktur aus kurzem Secco-Rezitativ und langer Arie, die vollkommen stur durchgezogen wird, bis nach viereinhalb Stunden das erste und einzige Duett zu erleben ist. Dieses ist gleichzeitig auch der musikalische Höhepunkt, denn viele Arien allein machen noch keinen Sommer, wenn ihnen ein Genius fehlt, wie ihn etwa Händel hatte. Porpora schreibt superpraktische Gebrauchsmusik, die vom Athener Ensemble Armonia Atenea unter dessen Chef George Petrou zwar reizend schön, aber auch mit kontinuierlichem Gleichklang und ohne besondere Agogik vollzogen wird. Einmal verwandelt sich das Orchester für Sekunden in eine Perkussionstruppe, da geht dann gleich eine Welt auf.

Cencic lässt jede Arie in all ihren Wiederholungen singen. Das tötet den Rest Dramaturgie, den man hier aufspüren könnte, aber er belebt jede Nummer mit Statisten, die muntere Hintergrundbilder spielen, in denen Gangster mit Revolvern fuchteln oder zwischen Palmen geliebt wird. Cencic erzählt die Geschichte in einem Mafia-Millieu auf Kuba in den 1920er Jahren; man könnte auch an ein Familienfest bei den Krupps zur gleichen Zeit denken.

Zwar geht dem boulevardesken Krimi im Laufe der fünf Stunden ein wenig die Luft aus, zwar wird man von 100 000 Koloraturen ganz wuschig im Kopf, aber die Gesangsleistungen sind atemberaubend. Drei Counter, alle drei unterschiedlich timbriert, einer davon Cencic als Lottario mit strahlender Präzision, daneben der sehr feminine Bruno de Sa und Franco Fagioli. Der singt mit euphorischer Inbrunst das Duett mit der fabelhaften Julia Lezhneva, ein Traummoment beider, bei dem die Zeit stillsteht. Zu diesem Glück gehören noch der Tenor Petr Nekoranec von der Stuttgarter Oper und die auch schauspielerisch hochbegabte Suzanne Jerosme als Giuditta. Sie kann auch den Gesangs-Zirkus der Verzierungen mit Inhalt füllen.

© SZ vom 05.09.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB