Münchener Post Die Zeitung, die Hitler hasste

Mit "Schlagzeilen gegen Hitler" stellte sich die 1933 verbotene "Münchener Post" den Nazis entgegen. Nun erzählt eine Doku die beinahe vergessene Geschichte der sozialdemokratischen Tageszeitung.

Von Joachim Käppner

Die Herren waren zünftig gekleidet und von bestimmendem Auftreten: Befehl von oben, das Maschinengewehr müsse den Ort wechseln. Die Münchner Rechtsradikalen gaben die Kriegswaffe ohne größere Debatten heraus, der Untertan pariert, wenn man ihn nur richtig anspricht. So einfach kamen die Reporter der Münchener Post in den Zwanzigern an ein Maschinengewehr und an eine brisante Story aus erster Hand, die belegte, dass die Reichswehr in Bayern heimlich rechte Milizen aufrüstete. Investigativer Journalismus vor beinahe einem Jahrhundert.

Aber wer weiß heute noch etwas mit dem Namen Münchener Post anzufangen, mit Namen wie Martin Gruber und Julius Zerfaß? Allenfalls Edmund Goldschagg, bis 1933 Politikchef der Münchener Post, der später eine verfolgte Jüdin vor dem Holocaust rettete und 1945 Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung war, mag außerhalb von Fachkreisen noch ein Begriff sein. Noch immer sind viele deutsche Freiheitskämpfer wenig bekannt, leider - darunter eben die Redaktion der sozialdemokratischen Münchener Post.

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Pläne zur Entrechtung der Juden veröffentlichte das Blatt schon, als andere sie noch Humbug nannten

Dabei hat kaum ein Medium Hitler und die aufsteigende Nazibewegung so scharf bekämpft und so in Bedrängnis gebracht wie jenes Blatt, von dem die NSDAP als der "Münchner Pest" sprach, deren Redaktion mehrfach Ziel von Anschlägen und Überfällen war und deren überschaubare Belegschaft Ziel von Hetze und Aufrufen zu Rache und Gewalt. Adolf Hitler war die Zeitung auf geradezu obsessive Weise verhasst. Im Verlauf seines gescheiterten Münchner Putsches 1923 verwüsteten Schlägertrupps die Redaktionsräume. Und von den Behörden oder der Justiz war wenig Hilfe zu erwarten. Mehrfach ließ die rechtsnationalistische bayerische Regierung die Zeitung verbieten.

In der Geschichte der deutschen Demokratie hat die Münchener Post ein beeindruckendes Kapitel geschrieben, auch wenn darin bislang wenig gelesen wurde. Das soll sich nun ändern. National Geographic erzählt mit der ersten deutschen Eigenproduktion, Schlagzeilen gegen Hitler, die Geschichte dieser Zeitung.

Mit nachgestellten Spielszenen und viel, technisch oft gut aufbereitetem Archivmaterial will der Film von Autor Gerald Endres und Regisseurin Ute Bönnen die Antifaschisten vom Altheimer Eck, dem Sitz der Redaktion, dem Vergessen entreißen. Und was für eine Geschichte es da zu erzählen gibt: Von dem Redakteur, der ein Rollkommando der Nazis mit der Waffe in der Hand verjagt; von Journalisten, die inkognito in den Bierschwemmen der NSDAP zuhören. Die Münchener Post enthüllte Pläne der Nazis zur völligen Entrechtung der Juden schon, als selbst viele Liberale derlei noch als Humbug abtaten.

Die Münchener Post titelte mit Schlagzeilen wie "Das Blut trieft von den Händen der Nazipartei" und setzte noch kurz vor dem Ende 1933 dagegen: "Wir lassen uns nicht einschüchtern." Selbstbewusstsein und Haltung sprachen aus solchen Worten: Ohne Bescheidenheit vertrat das Blatt den Anspruch, für das bessere Deutschland zu stehen als die Nazis. Es berichtete über die Geldgeber Adolf Hitlers, über seine persönlichen Schwächen und ohne Skrupel über die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm; bei einer politischen Bewegung, die so homophob war wie die Nazis, erschienen die persönlichen Attacken gegen Röhm den Autoren gerechtfertigt. Doch hat die Post hier, wie der Film nicht verschweigt, moralische Grenzen überschritten, indem sie, um Hitler zu treffen, kaum verhüllt an Vorurteile gegen Homosexuelle appellierte.

Es ist keine Neuigkeit, dass sich die Stadt München mit der Nazivergangenheit noch schwerer getan hat als die deutsche Gesellschaft ohnehin. Hitlers ehemalige Hauptstadt der Bewegung flüchtete sich nach 1945 in eine verklärende Sigi-Sommer-Seligkeit, von der es jahrzehntelang nicht lassen wollte, gleichsam als sei der Nationalsozialismus, der hier groß geworden ist, eine jener von außen hereingebrochenen Zumutungen gewesen, über die der Münchner seit jeher am liebsten klagt. Diese Zeit ist vorüber. Und doch gibt es über die Münchener Post erstaunlich wenig Literatur, die einzige Fachstudie erschien in Brasilien. Umso verdienstvoller ist dieses Filmprojekt.

Schade nur, dass eine Schwäche für das Histotainment die Dokumentation immer wieder zur Hektik verführt, zu einer gewissen Atemlosigkeit, die über eine Dreiviertelstunde doch etwas ermüdet. Nach Art eines privaten Radiosenders, dessen Macher selbst Kurznachrichten mit Schlagzeug unterlegen, weil sie ihre Hörer für zu unmündig halten, einen ernsthaften Satz zu ertragen, so dräut in diesem Film fast unablässig unheilvolle Spannungsmusik. Er lässt sich oft zu wenig Zeit, seine Personen auszuleuchten, wirft kurze Schlaglichter, nur um zur nächsten Szene zu hetzen, wenn man gern mehr über diese Antifaschisten und ihre Überzeugungen erfahren hätte. Dessen ungeachtet ist der Film verdienstvoll. Dafür sorgen unter anderem die vier interviewten Experten wie die Historiker Günther Gerstenberger und Markus Schmalzl, Silvia Bittencourt, Autorin des bisher einzigen Buchs über die Münchener Post, und Paul Hoser, Mitglied des Kuratoriums des Instituts für Bayerische Geschichte an der Münchner Universität.

Die Geschichte der Münchener Post ist heute eine Erinnerung daran, die Freiheit nicht zu gering zu schätzen und ihre Errungenschaften, für die das Blatt gegen übermächtige Feinde stand, nicht einfach für selbstverständlich zu halten. Dazu hat der trotz kleiner Schwächen sehenswerte Film einen wichtigen Beitrag geleistet. "Wir lassen uns nicht einschüchtern" - diese Haltung täte auch der deutschen Demokratie von heute gut statt jener seltsamen Verzagtheit, die sie mitunter angesichts weit schwächerer Gegner als jener an den Tag legt, welche die Münchener Post so leidenschaftlich bekämpfte.

Schlagzeilen gegen Hitler, National Geographic, Samstag, 21 Uhr und auf dem Dokfest München, Donnerstag, 19 Uhr.

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