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Münchner Momente:Die Wiesn neu denken

Nach dem historischen Ausfall des Oktoberfests 2020 ist klar: Ein solcher Einschnitt sollte genutzt werden, um altbekannte Gewissheiten zu hinterfragen

Glosse von Stephan Handel

Noch weiß niemand, ob das Oktoberfest heuer stattfinden kann, aber weil Politik und Verwaltung im vergangenen Jahr ein aufs andere Mal bewiesen, dass sie die Situation stets vorausschauend und proaktiv im Griff behalten, ist davon auszugehen, dass auch für die Wiesn 2021 schon erste Planungsrunden mit grundlegenden Überlegungen beschäftigt sind. Nach dem historischen Ausfall des Festes 2020 ist klar: Ein solcher Einschnitt sollte genutzt werden, um altbekannte Gewissheiten zu hinterfragen oder, wie Marketing-Experten sagen würden: die Wiesn noch einmal neu zu denken.

Die Menschen brauchen in diesen Zeiten Optimismus Zukunftsgerichtetheit und Stärke. Deshalb sollte auf jeden Fall das Festzelt "Tradition" in "Innovation" umbenannt werden, das danebenliegende Zelt "Zur Schönheitskönigin" sollte aufhören, sein Licht unter den Scheffel zustellen und künftig lieber unter "Miss Universum-Zelt" firmieren. Auf der regulären Wiesn wird das Hofbräu-Zelt in Zeichen für Ökologie und Klimaschutz senden; es heißt künftig Biohof-Bräu. Der Marstall sollte seine bäuerliche Anmutung aufgeben und seinen Namen in das mondäne, urbane, weltmännische Marvilla ändern. Als Verweis auf die hohe Qualität der Verköstigung auf der Wiesn gibt das Zelt "Zur Bratwurst" seinen leicht angekokelten Namen auf, "Zum Dry-aged-Flanksteak" klingt doch viel besser. Das Armbrustschützenzelt wird ebenfalls aufgerüstet, die Leute werden sich künftig in der Bazooka-Bierhalle versammeln.

Es ist wichtig,der Wiesn eine positive, moderne und optimistische Ausstrahlung zu verleihen. Das Brathendl zum Beispiel heißt im amerikanischen ja "rotisserie chicken" - klingt das nicht gleich viel weltgewandter? Ganz sicher wird die entsprechende städtische Arbeitsgruppe diese Vorschläge wohlwollend erwägen, um den Menschen in diesen schwierigen Zeiten Halt und Zuversicht zu geben. Eine letzte Maßnahme noch dafür: Das Weinzelt heißt künftig Lachzelt.

© SZ vom 21.01.2021/van
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