Null Acht Neun:Irgendwas, das fröhlich ist

Lesezeit: 2 min

Lange vor dem vierten Lichtlein kommt die vierte Welle, vieles deutet auf "schlimme Weihnachten" hin. Trost und Hoffnung finden die Münchner nur noch bei Karl Valentin.

Von Wolfgang Görl

Respekt, Kölner Jecken, ihr habt einen Karneval-Auftakt hingelegt, der uns armen Münchner Narren Tränen in die Augen treibt. Tränen des Neids, versteht sich, denn ihr habt es geschafft, mit einem tausendfach geschmetterten Alaaf das Virus aus der Stadt zu jagen. Danach war kein Halten mehr auf dem Heumarkt: schunkeln, bis der Impfstoff kocht, und endlich wieder fremde Leute küssen, zur Not auch das eigene Gespons. Nur der Karnevalsprinz küsste nicht mit - wegen einer dringenden Quarantäne-Sitzung. Schade, aber es hilft ja nichts. Die Karawane zieht weiter.

Ach, könnten wir Münchner doch auch so hemmungslos feiern. Können wir aber nicht. Schon vor Corona war der Faschingsauftakt so lustig wie ein SPD-Parteitag, und der Fasching selbst wird hier abgearbeitet wie eine To-do-Liste - da kommen die Corona-Regeln gerade recht. Exil-Kölner kriegen Schüttelfrost, wenn sie an den Münchner Fasching denken. Sobald dieser sein bleiches Haupt erhebt, müssen sie raus aus der Stadt, müssen schnurstracks nach Köln, egal, ob das Virus dort mitfeiert oder nicht. Kölner sein heißt: lieber sterben, als auf den Karneval verzichten.

Okay, es muss ja nicht der Fasching sein, aber irgendetwas Fröhliches würde den Münchnern schon guttun in den Zeiten der vierten Welle. Sogar der Christkindlmarkt wäre ein Lichtblick gewesen, doch der ist jetzt abgesagt. Was früher die Kriegspropaganda verkündete, prophezeien heute Mediziner, Virologen und der kleine Schwarzseher in unserer Magengrube: Es wird ein harter Winter. Dabei war der vergangene Winter schon hart, aber damals glaubten wir noch, er sei eine einmalige Sache, denn bald kommt der Impfstoff, und dann ist alles paletti. Und es sah ja auch gut aus: die maskenlosen Sommertage an der Isar, die lauen Abende im Schanigarten, die Busfahrt zum Impfzentrum. Nach Monaten der Finsternis erschien ein Licht am Ende des Tunnels. Es war der entgegenkommende Zug.

Jetzt also heißt es boostern und Trost suchen beim weisen Valentin: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist." Rasch noch mal ins Kino gehen, ins Museum, ins Theater, ehe die wieder dichtmachen. Statt geistvoller Werke bestimmen kryptische Kürzel das kulturelle Leben: 2G, 3G, 2G plus, 3G plus, FFP2. Es gibt die 2-G-Münchner und die G-nicht-zum-Impfen-Münchner, der Graben ist tiefer als der zwischen Bayern und Sechzgern. Wer mit Bus oder Bahn fährt, stempelt sicherheitshalber auch den Impfpass. Man weiß ja nie, was der Kontrolleur alles sehen will. Und jetzt spricht der RKI-Chef Wieler auch noch von einem "sehr schlimmen Weihnachtsfest". Na servus. Schon vor einem Jahr haben wir dem Christkind in der Weihnachtskrippe einen Mundschutz verpasst - das wird diesmal nicht reichen. "2G plus" wird an der Krippentür stehen, und die ungeimpften Hirten müssen mit einem Platz auf dem Balkon vorlieb nehmen.

Kein Zweifel, die Lage ist ernst. Es gibt nichts zu lachen. Tun wir's trotzdem.

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