Victoria Mayer in "Adisa":Ein Frauentyp, der im deutschen Film nur selten zu finden ist

Lesezeit: 5 min

Victoria Mayer in "Adisa": "Ein Film ist immer eine Teamleistung", sagt Regisseur Simon Denda. Und doch sagt er über seine Hauptdarstellerin Victoria Mayer: "Dass sie bereit war, sich auf diese Figur einzulassen und sie so menschlich zu füllen, das war natürlich ihr Verdienst."

"Ein Film ist immer eine Teamleistung", sagt Regisseur Simon Denda. Und doch sagt er über seine Hauptdarstellerin Victoria Mayer: "Dass sie bereit war, sich auf diese Figur einzulassen und sie so menschlich zu füllen, das war natürlich ihr Verdienst."

(Foto: Florian Peljak)

Mit 40 ist es vorbei, sagte man Victoria Mayer auf der Schauspielschule. Dabei ging es vor ein paar Jahren erst richtig los. Jetzt spielt sie die Hauptrolle des oscargekrönten Kurzspielfilms "Adisa". Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Von Sabine Buchwald, München

Sie fühlt sich mitschuldig, weil sie in einem Auto sitzt. Es ist Teil eines Konvois, der durch staubiges, schwarz-afrikanisches Hinterland fährt. Männer mit Maschinengewehren eskortieren die Limousine. Weiße Bluse, blaue Bundfaltenhose, so ist sie ihrer Aufgabe gemäß angezogen, die EU-Vertreterin, die sich, unterstützt von einer einheimischen Dolmetscherin, ein Bild machen soll von der Lage der Dorfbewohner nach einem Terrorakt. Diese Bluse lässt sie noch ein bisschen weißer wirken in der afrikanischen Umgebung. Und dann passiert das Unglück.

Victoria Mayer spielt diese Abgesandte aus Europa, erst kühl, dann voller Emotionen. Sie ist die Susanne in dem Film "Adisa". Die Figur, die diesen Film trägt. Victoria Mayers blaue Augen, die in einer Szene überlaufen wie ein See in der Regenzeit, werden unvergesslich, wenn man diesen Film gesehen hat. Er dauert knapp 30 Minuten, ein mittellanger Kurzfilm also, der als Abschlussarbeit an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen entstanden ist. Der Film ist auf Festivals im In- und Ausland gelaufen und seine Wirkung reichte bis nach Hollywood: Regisseur Simon Denda bekam dafür im Oktober den sogenannten Studenten-Oscar. Vor ein paar Tagen erst wurde "Adisa" bei den "Indie Shorts Awards" in Cannes als bester ausländischer Film ausgezeichnet.

Victoria Mayer in "Adisa": Victoria Mayer schafft es, Figuren präzise, aber dennoch sehr natürlich wirken zu lassen. Hier eine Szene aus "Adisa".

Victoria Mayer schafft es, Figuren präzise, aber dennoch sehr natürlich wirken zu lassen. Hier eine Szene aus "Adisa".

(Foto: Walking Ghost Film)

Liegt der Erfolg an Victoria Mayer? Eine provozierende Frage an einen oscarprämierten Regisseur, der darauf diplomatisch antwortet: "Ein Film ist immer eine Teamleistung." Und doch gesteht er ein, "dass Victoria bereit war, sich auf diese Figur einzulassen und sie so menschlich zu füllen, das war natürlich ihr Verdienst". Damit habe sie schon wesentlich zu den Auszeichnungen beigetragen. Er erzählt, dass viele Leute zu ihm gesagt hätten: "Simon, du hast keinen schauspielerischen Ausreißer in diesem Film." Dass alle Personen so gut funktionieren, das schreibe er sich persönlich auf die Kappe.

Victoria Mayer, 1976 in Münster geboren, bei Bremen und in Marburg aufgewachsen, hat in München an der Bayerischen Theaterakademie Schauspiel studiert. Sie ist Profi mit viel Erfahrung auf Bühnen und vor Kameras. Sie hat in etlichen Tatort-Episoden mitgespielt, drei Jahre in der Fernsehserie "Kommissar Stolberg", in Filmen wie "Wunschkinder" nach dem Roman von Marion Gaedicke oder "Tage des letzten Schnees" von Lars-Gunnar Lotz. Im Herbst erst war sie in der ARD in der Komödie "Servus, Schwiegermutter!" zu sehen.

Sie ist als Schauspielerin seit vielen Jahren gut beschäftigt. Dennoch gehört ihr Gesicht nicht zum ständig wiederkehrenden Inventar des deutschen Films. Victoria Mayer hat diese neugierig wirkenden offenen Augen, prägnante Brauen und klare Züge, die Härte ausdrücken können, ebenso so gut wie Anteilnahme, Freude und Lebendigkeit. Was sie optisch von vielen deutschen Kolleginnen unterscheidet, ist ihre Kurzhaarfrisur. Auf älteren Bildern trägt sie noch eine unentschiedene Kinnlänge. 2014 dann kam der Cut, der keine Spontanentscheidung war. Sie habe sich mit der Erwartungshaltung in ihrem Beruf auseinandergesetzt, in dem es darauf ankomme, gesehen und bewertet zu werden und ob man dieser Erwartung entsprechen müsse, erzählt Mayer. Dann ist sie ihrem Impuls gefolgt, ihre Familie und ihre Agentur haben sie dabei unterstützt. "Mit der Frisur ist etwas sichtbar geworden, was mir viel mehr entspricht", sagt Mayer.

Was das sein könnte, kann man aus ihrer Art interpretieren, wie sie mit Menschen umgeht und über andere spricht. Bei einer Kanne Tee sitzt man bei ihr zuhause am Esstisch. Sie lebt mit ihrem Mann Jan Messutat, den sie beim Kulturmobil in Niederbayern kennengelernt hat, und ihren beiden Kindern am Ammersee. Als der Fotograf Bilder von ihr machen möchte, streicht sie sich gerade mal eine dunkelbraune Strähne aus der Stirn und setzt sich entspannt in den Sessel vor die Bücherwand. Mit ihrem Äußeren geht sie unkompliziert um - und auch mit Fragen, die man ihr stellt.

Ist das Alter ein Thema? Victoria Mayer lacht laut auf. "Na ja, klar. Es gibt viel mehr Rollen für 20-Jährige als für 40-Jährige und viel mehr Rollen für Männer als für Frauen." Auf der Schauspielschule habe man ihr und den Kolleginnen gesagt: "Ihr müsst jetzt möglichst schnell Karriere machen, denn mit 40 ist es vorbei."

Als sie dann selbst 40 war, sagt Mayer, war sie gut im Geschäft und habe gedacht: "Jetzt geht es erst richtig los." 2016 war sie in drei großen Produktionen dabei, im Jahr darauf in vier. "Aber es macht etwas mit einem, so angezählt zu sein von Anfang an", sagt sie.

Aber nicht zu spielen, nicht Teil einer Produktion zu sein, das würde ihr fehlen. Das wurde ihr schon in den Schultheatergruppen klar, mit denen sie auf der Bühne stand. Nach dem Abitur arbeitete Mayer als Regieassistentin am hessischen Landestheater Marburg. Als sie für eine erkrankte Schauspielerin in Horvarths "Jugend ohne Gott" einspringen durfte, gab es einen Blumenstrauß vom Intendanten und die Gewissheit: lieber im Licht stehen und nicht daneben.

Was aber macht dieses Angezähltsein mit ihr? In ein festes Engagement am Theater mit Präsenzpflicht wollte sie dennoch nie. Freiheit war ihr wichtiger als die Sicherheit eines festen Einkommens. Sie würde schon gerne wieder auf die Bühne, sagt sie. Durch Corona ist im Augenblick aber vieles vage geworden. "Ein ganz normaler Zustand für Freiberufler, nicht sofort von einer Arbeit in die nächste zu schlittern." Das muss man aushalten können und vielfältig sein.

Victoria Mayer in "Adisa": Regisseur Simon Denda würde sofort wieder mit Victoria Mayer drehen. "Sie ist handwerklich unheimlich gut."

Regisseur Simon Denda würde sofort wieder mit Victoria Mayer drehen. "Sie ist handwerklich unheimlich gut."

(Foto: dpa)

Selbst schreiben ist ein Thema geworden in ihrem Leben. Zusammen mit drei Autorinnen entwickelt Victoria Mayer gerade eine Serien-Idee über eine Münchner Familie in verschiedenen Epochen. Besonders interessierten sie die Charaktere der Frauen. Es sei in dieser Hinsicht einiges in Bewegung, sie spüre das Interesse, sagt Mayer. Sie sehe, dass es zunehmend gute Stoffe gebe für die "gesteigerte Altersgruppe". Es muss also nicht mehr stimmen, was man ihr in der Schauspielschule eingetrichtert hat.

"Zu erleben, was einen miteinander verbindet und dass es eigentlich viel mehr ist, als was einen trennt, das ist sehr schön."

An jenem Vormittag bei ihr zu Hause sagt Victoria Mayer auch: "Wir leben in einer Zeit, in der vieles neu justiert wird." Gerade rechtzeitig genau vor zwei Jahren waren die Dreharbeiten in Kenia mit Simon Denda abgeschlossen. Die Postproduktion fiel schon in die Corona-Zeit. Die Oscar-Verleihung war virtuell. Hat sich ihre Sicht auf Afrika nach der Arbeit in Kenia verändert? "Ja!" Dieser eurozentrische Blick, mit dem man hier aufwachse, da sei man ganz schnell bei diesem strukturellen Rassismus, sagt Mayer. Darüber sei sie sich vorher nicht so bewusst gewesen. Noch immer hat sie Kontakt zu Jackline Wanjiku, die die Dolmetscherin spielt. "Zu erleben, was einen miteinander verbindet und dass es eigentlich viel mehr ist, als was einen trennt, das ist sehr schön."

Simon Denda würde sofort wieder mit Victoria Mayer drehen. "Sie ist handwerklich unheimlich gut. Sie schafft es, Figuren präzise, aber dennoch sehr natürlich wirken zu lassen." Er verstehe nicht, warum sie nicht schon längst viel größere Rollen spiele.

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