Achtsamkeitsoffensive:Na, dangscheen!

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Achtsamkeitsoffensive: "Merci Dir": So wirbt München derzeit für mehr Freundlichkeit unter den Verkehrsteilnehmenden.

"Merci Dir": So wirbt München derzeit für mehr Freundlichkeit unter den Verkehrsteilnehmenden.

(Foto: Stadt München Mobilitätsreferat)

Das Rathaus wirbt für mehr Freundlichkeit im Verkehr, übersieht dabei aber eine Grundeigenschaft des Münchners.

Glosse von Stephan Handel

Merci ist erstens eine Schokolade und zweitens französisch. Auf Bairisch heißt Merci Merße, und weil das Wort den Dativ regiert, kann man ohne Weiteres sagen: Merße Dir, wohingegen Dangscheen Dir komisch klingt. Merße ist ein klassisches Lehnwort: aus einer fremden Sprache übernommen, aber in Aussprache und Schreibweise dem eigenen Idiom angepasst.

So gesehen ist es ein bisschen schade, dass das Mobilitätsreferat der Stadt seine neue Freundlichkeitsoffensive "Merci Dir" genannt hat, dabei zwei Sprachebenen unnötigerweise miteinander vermischend. Es geht bei der Kampagne darum, die Verkehrsteilnehmer zu Rücksichtnahme und Entspannung aufzufordern. Dies soll gelingen durch Perlen der Werbetext-Kunst wie "Rückspiegel-Flirt statt Schattendasein", "Gönnen statt grantln" oder "Mehr Hand in Hand auf Münchens Straßen".

Abgesehen davon, dass Händchenhalten im Straßenverkehr recht gefährlich sein kann, außer bei Fußgängern, übersieht die Aktion eines: Der Münchner begibt sich in den Verkehr mit der festen Absicht, alles fürchterlich zu finden, alle anderen doof und die Münchner Straßensituation eine Katastrophe. Egal, ob er im Auto sitzt, aufs Fahrrad steigt, mit einem Mietroller unterwegs ist oder auf die Tram wartet: Er allein weiß, wie's geht, mit dem Nebenmann würde er höchstens ein paar Schimpfwörter austauschen, eventuell noch die eine oder andere Körperverletzung, aber ganz bestimmt keinen Handshake oder ein Wangenbussi. "Amore, Schwester", ein weiterer Slogan? Soweit kommt's noch.

Der Münchner ist auf der Straße, um sich überlegen zu fühlen. Und ganz besonders befriedigt ihn das, wenn er eigentlich der Schwächere ist. Nichts illustriert das besser als der alte Witz, in dem ein Radlfahrer auf den Straßenbahnschienen fuhr und die Tram nicht vorbei ließ. "Kannst ned moi vom Gleis obefoahrn?" schrie der Trambahnführer erbost hinaus. "I scho", sagte der Radlfahrer. "Oba du ned." Na, merße!

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