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Das "Sakrisch Guat", Vereinslokal der Turnerschaft Jahn, könnte der Bodenspekulation zum Opfer fallen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Turnerschaft Jahn hat der Bayerischen Hausbau Grund verkauft - viel zu billig, finden Vereinsmitglieder. Vor Gericht schwingt dieser Ärger mit, als es um die Räumungsklage gegen den Wirt der Vereinsgaststätte geht

Der Corona-Krise konnte Bernhard Scholl, Wirt des "Sakrisch Guat" an der Freisinger Landstraße, dank treuer Gäste trotzen. Nun aber könnte das Vereinslokal der Turnerschaft (TS) Jahn der Bodenspekulation zum Opfer fallen, zumindest ist das für nicht wenige Vereinsmitglieder und Anwohner ihre Interpretation einer Räumungsklage der Bayerischen Hausbau (BHG) vor dem Landgericht München I.

Der jüngste, gut fünfstündige Verhandlungstermin markiert nur eine Etappe in einem komplexen Streit um Baurecht, Wirtshauskultur, Naturschutz und, so ein schwerwiegender Vorwurf aus Vereinskreisen, anfechtbare Grundstücksgeschäfte. Die zur Schörghuber Unternehmensgruppe gehörende BHG plant südlich des Emerigwegs ein Wohngebiet mit über 350 Einheiten und hat für eine noch nicht genehmigte Nord-Erweiterung 2018 dem Verein das Gaststättenareal und Teile einer zuletzt als Golf-Abschlagplatz genutzten Brache abgekauft - 2,8 Hektar Grund im Landschaftsschutzgebiet zu einem, je nach (unklarer) Bebaubarkeit, variablen Preis, mit einer Garantiesumme von nur zehn Millionen Euro. Eine Sonderversammlung billigte den Vertrag im Nachhinein, nachdem die ordentliche Mitgliederversammlung das Zehn-Prozent-Quorum verfehlt hatte.

In dem Wirtshaus an der Freisinger Landstraße hat schon Olympiasieger Jesse Owens ein Ständchen gegeben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für eine Aktivistengruppe um die langjährigen Vereinsmitglieder Walter Hofstetter und Tilman Steiner ist der Verkauf der sittenwidrige, intransparente Griff nach dem schnellen Geld zu Lasten des Vereinsvermögens, was den Kaufvertrag unwirksam mache. Hinfällig wäre so auch die Kündigung des Pachtvertrags, welche die BHG Scholl vor knapp einem Jahr schickte, damals zwar noch nicht im Grundbuch eingetragen, aber von der TS Jahn mit entsprechender Vollmacht ausgestattet. Scholl, der das ursprünglich 1906 als reines Vereinsheim gegründete Lokal seit 1997 betreibt, weigert sich bis auf Weiteres, den florierenden Betrieb aufzugeben und erhält dafür viel Zuspruch im Viertel. 6200 Freimanner haben eine Petition zum Erhalt der Wirtschaft unterschrieben. Diese Forderungen will die Stadt zumindest prüfen.

Der verschachtelte Bau mit seinem aus der Zeit gefallenen, betont unglamourösen Charme diente als "Irgendwie und Sowieso"-Kulisse, 1972 sang dort Olympia-Legende Jesse Owens anlässlich eines Veteranentreffens zur Klampfe. Zum amtlich geschützten Baudenkmal macht die anekdotenreiche Historie das Lokal freilich nicht - zu viel wurde permanent an der Originalsubstanz herumgestückelt, zuletzt wohl von Scholl selbst. Die nördlichen Anbauten kristallisierten sich als prozessentscheidend heraus, so sehr sich Hofstetter und Steiner auch eine inzidente Prüfung des Kaufvertrags durch Richter Thomas Schäffer erhofft hatten. Der von Scholls Anwalt Alexander Erb verlangten Einsicht in den Gesamtvertrag gab Schäffer ebenfalls nicht statt, nachdem BHG-Anwalt Jörg Weißker dargelegt hatte, das Ansinnen und der öffentliche "Riesenbohei" um den Vertrag zielten auf die Demontage des Vereins statt auf die Rettung der Gaststätte.

Die Wirtschaft diente auch als Kulisse für die Franz-Xaver-Bogner-Serie "Irgendwie und sowieso".

(Foto: Stephan Rumpf)

Stattdessen sagten vier Zeugen zum strittigen Kündigungsgrund der Leichtbauten aus, die Scholl in den 2000er Jahren errichten ließ. Er tat dies offenbar gegen den Willen der Lokalbaukommission, die im Landschaftsschutzgebiet ohnehin nur ein Vereins-, und kein öffentliches Lokal zulässt. Andererseits entstanden die länglichen Schuppen offenbar auf Drängen der Gewerbeaufsicht im Kreisverwaltungsreferat, die bessere Kühl- und Lagerräume für Bier und Fleisch verlangte. Der Verein als alter Verpächter unterhielt bei alldem ein, so die Ex-Vorstände Peter Wagner und Werner Gawlik unabhängig voneinander, "ambivalentes" Verhältnis zu Scholl, den Wagner unwidersprochen als "liebenswertes Schlitzohr" bezeichnete: Hie die verlässliche Monatspacht von 1500 Euro, da ein Betrieb ohne Bezug zum heutigen Vereinssport und kritische Behörden. Die strittigen Anbauten gebilligt oder gar in Auftrag gegeben habe der Verein jedenfalls nie, wie auch Geschäftsführerin Anett Meinhardt aussagte.

Andererseits hatte der Verein im Jahr 2014 selbst modernere Betriebsanbauten beantragt, von der Genehmigung aber wegen der Kosten von 460 000 Euro keinen Gebrauch gemacht, was Anwalt Erb als "konkludente Einwilligung" in Scholls Handeln wertet. Mit Walter Dietrich, der jahrzehntelang kleine Bauaufträge für den Verein ausführte und zufällig im Publikum saß, berief Erb schließlich einen Überraschungszeugen, der aussagte, er habe lediglich längst bestehende Überdachungen ohne Fundament seitlich verkleidet und zwar im ausdrücklichen Auftrag eines früheren TS-Geschäftsführers. Richter Schäffer setzte schließlich einen Verkündungstermin am 14. September an, legte den Parteien aber dringend einen gütlichen Vergleich nahe.

© SZ vom 22.07.2020

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