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Stadtrat:CSU-Politiker Offman wechselt zur SPD

Der profilierteste Sozial- und Kulturpolitiker der CSU ist nun in der SPD: Marian Offman (Mitte) zusammen mit der Stadtvorsitzenden Claudia Tausend und Fraktionschef Alexander Reissl.

(Foto: Robert Haas)
  • Der frühere CSU-Stadtrat Marian Offman hat sich der SPD-Fraktion im Rathaus angeschlossen.
  • Der 72-Jährige gilt als versierter Kultur- und Sozialpolitiker sowie als Kämpfer gegen Rechts.
  • Die CSU hatte ihn bei der Listenaufstellung zur Kommunalwahl 2020 nicht berücksichtigt.

Acht Monate vor der Kommunalwahl erlebt das Regierungsbündnis im Rathaus einen spektakulären Parteiwechsel: Marian Offman verlässt die CSU und schließt sich der SPD an. Damit reagiert der jüdische Stadtrat auf das Votum seines früheren CSU-Kreisverbands, der ihn bei der Aufstellung für die Kommunalwahl 2020 Anfang Juli krachend hatte durchfallen lassen. "Es gibt eine Verpflichtung, die ich aufgrund meiner Herkunft habe", sagte Offman. Prägnant drückt er seine politische Mission so aus: gegen Nazis kämpfen, und für Flüchtlinge. Die CSU habe ihm dies nicht mehr ermöglicht, deshalb habe er sich zum Wechsel entschlossen: "Ich habe eine Verantwortung. Diese weiter wahrzunehmen, habe ich über die Partei gestellt."

Sichtlich angefasst erklärte Offman dies um 15 Uhr in einem Besprechungsraum seiner neuen Fraktion im Rathaus, an seiner Seite SPD-Fraktionschef Alexander Reissl und SPD-Stadtvorsitzende Claudia Tausend. Beide begrüßten den neuen Kollegen mit warmen Worten. Offman sei um kurz nach 14 Uhr einstimmig in die Fraktion aufgenommen worden, sagte Reissl. Als Offman die Stimmung dort als höflich beschrieb, korrigierte ihn Reissl: "Freundlich" sei der Empfang gewesen. Stadtchefin Tausend erklärte den Grund dafür: "Marian Offman ist noch nie aufgefallen durch Positionen, die nicht mit den unseren in Einklang zu bringen gewesen wären - im Gegenteil." Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) teilte schriftlich mit, dass er Offman "als profunden Sozialpolitiker" schätze und er sich über den Wechsel freue. "Er ist ein Mahner und Vermittler und zeigt, was Zivilcourage heißt!"

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Offman gilt im Stadtrat als einer der hartnäckigsten und engagiertesten Kämpfer gegen Rechtsextremismus. Er demonstrierte zum Beispiel in erster Reihe gegen Pegida und musste sich dort immer wieder anfeinden lassen. In Zeiten, in denen Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind und die AfD wohl in den Münchner Stadtrat einziehen wird, will Offman auch mit dann 72 Jahren dort weiter als Person für eine liberale Stadtgesellschaft eintreten. "Als jüdischer Stadtrat, der keine Angst vor denen hat." Er habe viele Nächte schlaflos mit sich gerungen, ob er die CSU dafür nach mehr als 20 Jahren, davon 17 im Stadtrat, verlassen soll. Ein Grund, die Aussicht auf ein Stadtratsmandat bei der SPD dem Rückzug ins Private vorzuziehen, sei der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gewesen, der auf Todeslisten Rechtsradikaler gestanden haben soll. "Ich stand selbst auch auf so einer Liste", sagte Offman. Das habe ihn in den letzten Monaten stark beschäftigt. Wenn er als jüdischer Stadtrat nicht mehr dagegen kämpfen könne, "dann haben wir Terrain an die verloren."

"Meine Großeltern waren auch Flüchtlinge, wie kann ich da dagegen sein?"

Offman hat in den vergangenen Jahren als Sozialsprecher der CSU viel mit der SPD zusammengearbeitet und will sich dort vor allem in seinem Spezialgebiet einsetzen. Er sei gegen "Ankerzentren" und für Integration. Ein letzter Anstoß für den Wechsel sei die harte Haltung der CSU gegen die Seenotrettung gewesen. "Meine Großeltern waren auch Flüchtlinge, wie kann ich da dagegen sein?", fragt er. Er wolle mit seinem Statement nicht den Eindruck erwecken, dass er seine Haltung in der CSU nie hätte durchsetzen können. "Die haben vieles toleriert." Er hätte für seine Ziele weiter in der CSU gekämpft, am Ende habe er sich aber isoliert gefühlt. Das macht er auch am "Rauswurf aus der Liste" für den Stadtrat fest. Er habe in der CSU viele Freunde gehabt. "Die habe ich nun wohl verloren."

So kann man die Erklärung seines früheren Fraktionsvorsitzenden Manuel Pretzl (CSU) durchaus verstehen. Er wurde wie die gesamte Partei am Montagmittag eiskalt erwischt, die Gespräch zwischen Offman und der SPD waren geheim geblieben. Die Niederlage Offmans bei der Listenaufstellung sei keine Richtungsentscheidung gewesen, sondern ein ganz normaler Verjüngungsprozess, schreibt Pretzl. Für den Wechsel zeigt er kein Verständnis: "Ich finde, dass man Parteien nicht wie ein Hemd wechseln sollte." Dass der Stadtrat nicht vorher mit ihm gesprochen habe, "empfinde ich als stillos und persönlich enttäuschend." Die inhaltlichen Gründe seien "befremdlich". Es gehe offensichtlich um dessen "ganz persönliche Perspektive". Wie diese in der SPD aussieht, bleibt nach außen hin offen. Es gebe keine Absprache über einen sicheren Platz auf der Liste, erklärten Tausend und Reissl. Sie wollten aber auch nicht ausschließen, dass Offman zu den fünf Bewerbern gehören könnte, die OB Reiter und der Parteivorstand auf die Liste setzen können.

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