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Freizeit in München:Alle Stadtbibliotheken öffnen nun auch samstags

Gasteig-Bibliothekarin Birgit Wimmer lobt die entspannte Atmosphäre am Samstag.

(Foto: Robert Haas)

Am Gasteig hat sich das Konzept längst bewährt. Die Erfahrung zeigt: Vor allem Familien dürften von den zusätzlichen Öffnungszeiten profitieren.

"Wenn Du einen Garten und noch dazu eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen", sagt Münchens Zweiter Bürgermeister Manuel Pretzl in Anlehnung an ein Cicero-Zitat zwischen CD- und Bücherregalen. In der hellen Lesepyramide am Haderner Stern erntet er dafür zufriedene Blicke vom Bücherei-Personal, von Vertretern des Bezirksausschusses, von Kulturreferent Anton Biebl und Bibliotheksdirektor Arne Ackermann. "Einen Garten hat nicht jeder in München, aber mit dem anderen können wir gut dienen", fährt Pretzl fort - seit diesem Samstag nun haben endlich alle Stadtbibliotheken an Samstagen von 10 bis 15 Uhr geöffnet (in der Gasteig-Zentrale bis 16 Uhr). Auch die in Hadern.

Ackermanns Prognose beim Start der ersten Samstagsöffnungen im Mai 2017, dass sich das in allen Münchner Bibliotheken durchsetzen werde, hat sich damit bewahrheitet. Ausgenommen bleiben nur die Monacensia im Hildebrand-Haus und die juristische Fachbibliothek im Münchner Rathaus, die als Spezial-Bibliotheken weiterhin nur wochentags offen stehen.

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Nutznießer, das zeigt die Erfahrung, sind vor allem Familien, die an Samstagen in aller Ruhe in die Büchereien kommen. Wesentlich häufiger als unter Woche würden nun auch Väter mit ihren Kindern gesichtet, berichten Bibliothekarinnen und ihr Direktor. 20 neue Stellen hat der Stadtrat für die Ausweitung der Öffnungszeiten bewilligt - weil Schalter besetzt, Bücher aus dem Magazin antransportiert und Suchende beraten werden müssen.

München ist damit keineswegs Vorreiter im Vergleich zu anderen Großstädten. Anderswo gab es das längst. Eigentlich verwunderlich, wo doch der Münchner und die Münchnerin an sich fleißig lesen: "Alle 40 Sekunden geht ein Mensch in eine Münchner Stadtbibliothek", rechnet Zweiter Bürgermeister Manuel Pretzl am Samstag in Hadern vor. Und hat noch ein paar mehr Zahlen von Arne Ackermann bekommen, damit nur ja keiner auf die Idee kommen kann, für den letzten Schwung an Samstagsöffnungen (nun auch Hadern, Ramersdorf, Milbertshofen, Allach-Untermenzing, Westend, Bogenhausen) sei nicht bestens investiert worden: Von den etwa 1,5 Millionen Einwohnern besuche jeder im Schnitt drei Mal pro Jahr eine Bücherei, was jede Woche 95 000 Besuche ergebe. Ein Drittel der Kinder habe einen Bibliotheksausweis, rühmt Pretzl und unterfüttert das mit Buch-Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs.

Für seinen Ausblick nimmt Pretzl wieder eine Anleihe, diesmal beim ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler: "Die öffentlichen Bibliotheken sind weder ein Luxus, auf den wir verzichten könnten, noch eine Last, die wir aus der Vergangenheit mitschleppen: sie sind ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen." München wolle weiter damit wuchern, verspricht er, wolle weitere Bibliotheksstandorte schaffen und die Büchereien noch weiter ausbauen. Und die Öffnungszeiten sogar noch mehr ausweiten - so, wie das in der neu gestalteten Stadtbibliothek Fürstenried seit vier Wochen geschieht. Dort läuft unter dem Projektnamen "open library" etwas, das im Norden Deutschlands schon erprobt - und auch Vertrauensbeweis und Liebesdienst fürs Lesepublikum ist: Denn da darf die mindestens 16 Jahre alte Kundschaft nicht nur dienstags bis freitags von 10 bis 19 Uhr leihen und lesen, sondern mit Bibliotheksausweis auch von 8 Uhr an und bis 22 Uhr. Bislang laufe das ermutigend, sagt Klaus Dreyer als Sprecher der Münchner Stadtbibliothek. Es könnte spannende Perspektiven für alle anderen Büchereistandorte ergeben.

Vor allem, weil es an diesen Orten längst nicht mehr nur ums Leihen von Büchern geht. Stadtbibliotheken sind auch ganz wesentliche Treffpunkte und PC-Arbeitsstationen für viele Menschen geworden, allen voran die Zentrale an der Rosenheimer Straße 5, im Münchner Gasteig. Dort gibt es die Samstagsöffnung schon seit 2007, und dort werden in jenen sechs Stunden an einem Samstag jeweils rund 3000 Besucherinnen und Besucher gezählt - genauso viele, wie unter der Woche während der neunstündigen Öffnung. "Am Samstag brummt's besonders bei uns", bestätigt Diplom-Bibliothekarin Birgit Wimmer. Auch an diesem Samstag ist jeder Computer-Arbeitsplatz dort besetzt. Manche haben Bücherstapel neben sich, andere üben für den Deutschkurs. Für die Mitarbeiter bedeutet die Samstagsöffnung, dass alle vier bis fünf Wochen ein solcher Dienst anfalle. Glücklich, wer mit einem bestimmten Kollegen eingeteilt werde, sagt Wimmer, denn da gebe es einen, der dann für alle immer "seine berühmte Linsensuppe kocht". Hat also auch Vorteile für die Belegschaft. Mehr noch aber fürs Publikum, denn am Samstag seien alle Menschen "entspannter", beobachtet Wimmer.

Ob sich der Samstagsbetrieb dann unter der Woche von Dienstag bis Freitag (am Montag sind die Bibliotheken in der Regel fürs Publikum geschlossen) entlastend auswirke, sei mit Spannung erwartet worden. Doch seit 2017 in Giesing, im Hasenbergs, in Neuhausen, Neuperlach, Pasing und Sendling die ersten am Samstag ihre Türen öffneten, wurde rasch klar: Nein, dadurch entsteht zusätzliche Nachfrage, unter der Woche blieb der Andrang gleich. Ein echtes Plus also.

Das erwarten sie jetzt auch am Haderner Stern so - und am Samstag, noch während des kleinen Festaktes mit Bürgermeister Pretzl, hat in einer Ecke schon eine junge Familie mit dem kleinen Paul in Büchern gestöbert, und nebenan, am PC-Arbeitsplatz hat ein Knirps erst alle erstaunt, weil er zunächst eine Brexit-Parlamentsübertragung, dann aber lieber doch ein Fußballspiel auf dem PC-Schirm hatte.

Bleibt noch das schöne Cicero-Zitat. Es stammt aus dessen Briefen an Freunde und lautet im Original: Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil ('wenn du einen Garten in deiner Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen'). Die meisten Stadtbibliotheken haben inzwischen sogar eigene Lesegärten, auch die in Hadern. Da fehlt sich wirklich nix, bei den Bibliotheken.

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