bedeckt München 18°

SZ-Serie: Im Lichte der Stadt:Der Winter erlaubt Einblicke in sonst verborgene Welten

Hinter manchen Fenstern ist es dunkel, doch hinter vielen ist in den Abendstunden zu sehen, wie die Menschen eingerichtet sind und was sie tun.

(Foto: Robert Haas)

Wer im dunklen München einen Spaziergang macht, kann dank der hell erleuchteten Fenster in vielen Wohnungen trefflich Mutmaßungen über die Mitbürger anstellen. Mit Klischees sollte man aber vorsichtig sein.

Von Julian Hans

Hell leuchtet der Stern im Fenster eines Mehrfamilienhauses in der Brucknerstraße. Dahinter steht ein Mann und weint. Seine Haare sind grau, seine Brille hat er zur Stirn geschoben, mit den Fingern reibt er sich die Augen. Dann geht sein Blick hinaus auf die dunkle Straße, vielleicht sieht er auch nur sein eigenes Spiegelbild in der Glasscheibe, einen Mann wohl um die 60 Jahre alt, so viel kann man vom Gehweg aus gerade erahnen. Dann wendet er sich ab und verschwindet im Zimmer.

Zurück bleibt das erleuchtete Fenster mit dem Stern aus sandfarbenem Tonpapier wie ein Gemälde an der dunklen Fassade des Wohnblocks. Und die Fantasie. Was ist wohl gerade los im Leben dieses Menschen? Reibt er sich die Augen aus Kummer, oder ist er vielleicht nur müde? Was geht in ihm vor, wenn er an einem Abend Ende Dezember am Fenster steht und in die Dunkelheit schaut? Dann, wenn wir gewöhnlich zurückblicken auf das Jahr und Bilanz ziehen.

Zur Wintersonnenwende hat sich das gewohnte Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum umgekehrt: Die dick eingepackten Fußgänger auf den dunklen Straßen verschwinden in der Anonymität. Und die erleuchteten Fenster vieler Wohnungen gewähren Einblicke in gewöhnlich verborgene Welten. Ein Abendspaziergang durch Münchner Straßen lädt ein zu Mutmaßungen über die Mitbürger.

Dabei ist das katholische Bayern eigentlich nicht bekannt für seine Offenherzigkeit. Die galt bisher als Markenzeichen holländischer Calvinisten, die aller Welt beweisen müssen, dass sie nichts zu verbergen haben. Aber natürlich schleift die Globalisierung auch solche Unterschiede wie die Brandung eine Sandburg am Strand von Texel. Und zum anderen möchte man heute auch gern herzeigen, was man mit viel Liebe, Geld und dem gemieteten Geschmack erfahrener Raumausstatter gestaltet hat. Das eigene Leben wird mit viel Bedacht ins rechte Licht gesetzt, als würde man sein Glück auf einer Bühne für die Nachbarn präsentieren, sorgfältig ausgeleuchtet, versteht sich.

Da sind zunächst die Designlampen, die allein wegen des steilen Blickwinkels von der Straße aus als erste auffallen. Von manchen Schwabinger Stuckdecken hängen schneekugelartige Gebilde von solchen Ausmaßen, dass sie allein ein Zimmer im Studentenwohnheim komplett ausfüllen könnten. Bücherregale strahlen friedliche Bürgerlichkeit aus, sofern sie nicht mit Leitz-Ordnern vollgestellt sind, sonst muss man dort wohl Studenten vermuten oder Steuerberater im Homeoffice.

In der Maria-Josepha-Straße am Englischen Garten lassen die Bewohner eines zweistöckigen Hauses die Passanten teilhaben an ihrer gleichermaßen stilvoll und funktional gestalteten Designküche, in der die Schöpfkellen ordentlich aufgereiht von der Dunstabzugshaube über der Kochinsel herunterbaumeln wie bei den Profis. Der Kräutertopf und die halbe Ananas auf dem Fensterbrett setzen exotische Akzente in einer Zeit, in der ansonsten heimische Nadelgewächse die Wohnraumgestaltung dominieren. Im Zimmer nebenan sieht man die Bewohner mit Gästen gesellig speisen. Man möchte am liebsten anklopfen und sich dazusetzen in diese Runde.

Die Platznot in der Stadt findet auch in den Wohnungen ihren Niederschlag. In auffallend vielen Wohnungen aus der Gründerzeit haben die Bewohner Hochbetten gebaut, um den Raum voll auszunutzen. Die letzten Zentimeter zwischen Einbauschrank und Zimmerdecke werden als Ablagefläche für Dinge benutzt, die ein bisschen einstauben dürfen und da oben ja fast aus dem Blickfeld sind: Stofftiere in verblassten Farben, deren Besitzer sie entweder vergessen haben oder längst ausgezogen sind. Daneben die Originalverpackungen aus dem Jugendalter, vom Lego-Schloss und von der Spielkonsole. Eines Tages wird wieder jemand auf den Stuhl klettern und nach dem Karton vom Computer tasten, nur um festzustellen, dass ein zehn Jahre altes Gerät auf Ebay auch originalverpackt keine Begeisterungsstürme mehr auslöst.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite