Bildung in München:Schlechte Noten für die Sommerschule

GEW kritisiert Kultusministerium

Schulleitungen hätten lieber Mittel für mehr Förderstunden im neuen Schuljahr.

(Foto: dpa)

Kinder und Jugendliche mit Lerndefiziten aus dem Corona-Distanzunterricht sollen den Stoff in den Ferien aufholen. Doch es fehlt an Lehrpersonal und Schülern, die das Angebot annehmen. Kritik gibt es auch an den Inhalten.

Von Kathrin Aldenhoff

Es ist so eine Sache mit der Sommerschule. Zwei Wochen sollen die Kinder in den Ferien lernen, Lücken schließen und sich gut auf das neue Schuljahr vorbereiten. So hat sich das Kultusministerium das gedacht. Im Gespräch mit Schulleitern wird deutlich: Viele Kinder, die Lerndefizite haben, nehmen nicht an den Kursen teil. Zwei Wochen sind knapp bemessen, um Lücken zu schließen. Und, auch das sagen die Schulleiter: Nach diesem anstrengenden Jahr haben alle Ferien dringend nötig.

In dieser Woche geht ein Schuljahr zu Ende, das sich wohl keiner so gewünscht hat. Monatelanger Distanzunterricht, geteilte Klassen, stundenlange Abschlussprüfungen mit Maske - Corona hat den Schulalltag verändert. Anfangs befürchteten Schulleiter und Lehrer große Lerndefizite. Inzwischen sagen viele, dass die Lage vielleicht doch nicht ganz so düster ist. Fest steht aber: Der Abstand zwischen guten und weniger guten Schülern ist größer geworden. Und die Kinder haben Nachholbedarf, was das soziale Lernen, was Freizeit und gemeinsame Ausflüge angeht.

Die Sommerschule ist eine Möglichkeit, das anzugehen. Die Gewerkschaft GEW und Lehrerverbände haben jedoch darauf hingewiesen, wie schwierig es ist, Personal dafür zu finden. Der Arbeitsmarkt sei leer, die Lehrer hätten Anspruch auf Urlaub und das alles neben dem normalen Schulbetrieb zu organisieren, sei schwierig.

Als Seminarschule habe das Max-Planck-Gymnasium da einen Vorteil, sagt Schulleiter Ulrich Ebert. So konnte er zwei angehende Lehrer mit abgeschlossenem Referendariat für die zweiwöchige Sommerschule gewinnen, zusätzlich zu einem Lehrer aus dem Stammkollegium und zwei Lehramtsstudenten.

Angemeldet haben sich fast 60 Schüler - mehr als gedacht. Und trotzdem fehlen einige, die Bedarf hätten, sagt Ebert. "Kinder mit Migrationshintergrund verbringen oft einen großen Teil der Ferien im Herkunftsland. Der Termin in den Ferien war nicht für jeden attraktiv." Man dürfe sich auch keine Illusionen machen: In zwei Wochen könne man nicht alles aufholen. Entscheidender sei es, ob der Stoff im neuen Schuljahr aufgeholt werden könne. "Es wäre schön, wenn wir Zusatzmittel für zusätzliche Förderstunden bekämen", sagt Ebert. Zehn bis 15 Prozent seiner Schüler, so schätzt er, sind aufgrund von Corona weiter im Rückstand, als sie es sonst wären. "Ich bin aber optimistisch, dass es gelingen kann, das aufzuholen."

Das sieht Michael Hoderlein-Rein, Leiter der Grundschule Berg am Laim, ähnlich. Auch er hofft auf zusätzliche Förderstunden für das neue Schuljahr. "Wenn wir die kriegen, dann kann es gelingen, die Defizite aufzufangen." Die Sommerschule sieht er kritisch, besser gefällt ihm die Idee, dass die Kinder in den Ferien Ausflüge machen, an Sportcamps teilnehmen, dass ihre Neugier wieder geweckt wird. Denn die Wissenslücken seien zwar da. "Der größere Schaden ist bei den Kindern aber durch die Isolation entstanden, auf der emotionalen Seite. Darum kümmern wir uns in den Sommerferien. Die inhaltlichen Schwerpunkte setzen wir im neuen Schuljahr."

Die Ferien seien nicht der richtige Zeitpunkt, um Lernlücken zu schließen, sagt auch Angelika Thuri-Weiß, Leiterin der Mittelschule Simmernstraße. "Die Kinder, die es brauchen würden, erreichen wir nicht, weil sie nicht da sind." Die Schüler der Deutschklassen, die während des Distanzunterrichts viel verlernt haben, reisen in den Ferien in ihre Heimat, jetzt wo das wieder möglich ist.

Ein Angebot für die Sommerschule haben sie trotzdem, drei Wochen lang. Organisiert hat das der Träger des offenen Ganztags an der Schule, das Jugendhaus Schwabing. In der ersten Woche fahren sie an den Schliersee, in den anderen beiden Wochen bieten Sozialpädagogen Frühstück, drei Unterrichtsstunden, ein gemeinsames Mittagessen und am Nachmittag ein Freizeitprogramm an. "Die Fahrt ist voll", sagt Thuri-Weiß. "Das andere Programm ist nicht so begehrt." Sie rechnet mit bis zu zehn Kindern, die zur Sommerschule kommen. Für sie erstellen die Lehrer individuelle Förderpläne.

Die Nachfrage der Eltern ist nicht groß

Auch die städtischen Gymnasien und Realschulen sowie die Schulen besonderer Art bieten eine Sommerschule an, teilt das Referat für Bildung und Sport (RBS) mit. Noch hätten nicht alle Schulen ausreichend Personal gefunden, der Prozess laufe noch. Die Nachfrage der Eltern sei unterschiedlich, sagte ein Sprecher des RBS. Generell aber nicht sehr groß.

In den Lehrerkonferenzen hätten sie 40 Schüler bestimmt, die besonders unter der Corona-Situation gelitten haben, erzählt Martin Schmid, Leiter der Grundschule in der Klenzestraße. Diese Kinder würden aus Sicht der Lehrer von der Sommerschule profitieren. Aber viele Familien hatten da schon Urlaubspläne gemacht, einige Kinder wollen in den Ferien nicht in die Schule und bei manchen sind die Eltern der Meinung, dass ihr Kind echte Ferien braucht. Übrig bleiben acht Schüler, sie werden von drei Lehrern und einer Lehramtsstudentin unterrichtet.

"Ein politisches Blumenbeet, das man rausstellt", so nennt Martin Schmid, der auch Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbands ist, die Sommerschule. Die Idee sei gut, aber nicht zu Ende gedacht. "Wenn man wirklich etwas aufholen will, dann braucht man Leute, die die Kinder kennen oder die wirklich qualifiziert sind", sagt Schmid.

Er macht sich nun Gedanken über den Start ins neue Schuljahr. Schon jetzt werde wieder Druck aufgebaut, werde über Distanz- und Wechselunterricht gesprochen, kritisiert der Vorsitzende des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. "Das muss man jetzt mal zur Seite legen und Ruhe geben." Was er planen möchte, ist der erste Schultag. Der sei für Kinder und Eltern sehr wichtig. Es gebe aber noch keine Auskunft vom Kultusministerium, ob der erste Schultag mit Eltern oder ohne, mit allen Kindern oder getrennt nach Klassen, organisiert werden soll. Schmid stellt fest: "So kann man nicht in Ruhe in die Ferien gehen."

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